Jeder Tropfen zählt

23.06.2023 | Wasser ist knapp. Bevölkerungswachstum und Klimawandel bringen Wassernachfrage und -angebot aus dem Gleichgewicht – mit weitreichenden Folgen. Investitionen in die Infrastruktur helfen, Effizienz und Qualität der Wasserwirtschaft zu verbessern. Dieser Investitionsschub bietet Chancen für vielfältige Geschäftsmodelle – und Anleger.

Das Wichtigste für Sie in Kürze

  • Demografie und Klimawandel führen zu Trinkwassermangel

  • Versorgungssicherheit zunehmend gefährdet – nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern

  • Öffentliche Infrastrukturprogramme wirken dem jahrelangen Investitionsstau entgegen

  • Kapitalmarktchancen entlang der gesamten Wasserwertschöpfungskette

Wasser – kostbar und knapp

„Wasser ist flüssiges Gold!“ Der Wahrheitsgehalt dieser Redewendung steigt von Tag zu Tag. Denn Wasser wird zunehmend knapper – auch in Europa. Ungewöhnlich lange Dürreperioden und sinkende Wasserspiegel in Seen und Flüssen sind ein unmissverständliches Zeugnis dieser Entwicklung. Für Menschen ist Wasser lebensnotwendig, wichtige Bereiche der Wirtschaft sind auf eine verlässliche Versorgung angewiesen. Doch diese ist immer stärker gefährdet: Denn die steigende Nachfrage trifft auf ein beschränktes Angebot. Nur rund drei Prozent der weltweiten Wassermenge sind Süßwasser, nur etwa ein Prozent ist tatsächlich zugängliches Frischwasser.

Aus diesem Spannungsfeld entstehen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten vielfältige Probleme – im ökologischen und sozialen Bereich. Große gesellschaftliche Herausforderungen sind die Folge – aber auch Geschäftsmodelle von Unternehmen müssen neu gedacht werden. Am Kapitalmarkt ergeben sich aus der immer größeren Relevanz der Ressource Wasser jedoch auch Chancen. Denn zum Schutz, zur effizienten Nutzung und zur gerechten Verteilung von Wasser sind immense Investitionen notwendig. Ausgewählte Unternehmen können von dem zu erwartenden Investitions-Boom profitieren.

Demografie und Klimawandel verschärfen den Wassermangel

Zwei wesentliche Einflussfaktoren wirken auf die Nachfrage nach Wasser und dessen Verfügbarkeit: Die Demografie und der Klimawandel.
Nachfrageeffekte ergeben sich aus dem globalen Bevölkerungswachstum:

  • Bis zum Jahr 2050 wird laut Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) die Weltbevölkerung auf dann rund 9,7 Milliarden Menschen wachsen. Dadurch nimmt auch die Nachfrage nach Trinkwasser zu.
  • Immer mehr Menschen benötigen auch immer mehr Nahrung1. Bereits jetzt werden aber etwa 70 Prozent des Frischwassers in der Landwirtschaft für die Lebensmittelproduktion verwendet2.
  • Eine wachsende Weltbevölkerung führt grundsätzlich auch zu einer höheren Nachfrage nach sonstigen Gütern – mit der Folge, dass auch der Wasserverbrauch in der Produktion weiter steigt3. Die Herstellung von Textilien etwa ist sehr wasserintensiv.

Das Angebot an weltweit verfügbarem Trinkwasser wiederum wird stark durch den Klimawandel beeinflusst. Beispielsweise verknappt die zunehmende Anzahl an Extremwetterereignissen4 und deren regionale Verbreitung die verfügbare Wassermenge zusehends und überfordert die Infrastruktur.

Zusammengefasst: Es besteht ein Missverhältnis zwischen steigendem Wasserbedarf und begrenzten Trinkwasserressourcen. Diese Diskrepanz führt zunehmend zu „Wasserstress“5. Manche Länder, Regionen und Bevölkerungsgruppen sind von den immer größeren Schwankungen der Wasserverfügbarkeit besonders stark betroffen.

Wasserknappheit führt zu ökologischen und sozialen Belastungen

Diese strukturellen Trends haben direkte Auswirkungen auf klassische Nachhaltigkeitsaspekte. Sie spielen deshalb auch für Staaten und Unternehmen bei ihren Entscheidungen eine immer wichtigere Rolle.

Ökologische Aspekte betreffen vor allem die Ressourcenverfügbarkeit. Dabei geht es um den Schutz der Trinkwassermenge, aber auch der effizientere Umgang mit der Ressource Wasser gewinnt an Bedeutung. Zwei Beispiele:

  • Wie erwähnt weist der Agrarbereich einen enorm hohen Wasserverbrauch auf und trägt zum Beispiel durch eine zu starke Entnahme von Grundwasser schon heute verschärfend zu Dürren bei. Zudem kann der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden in der Landwirtschaft zu Boden- und Wasserverschmutzung führen6.
  • „Fracking“, eine Fördertechnik für Gas und Öl, benötigt ebenfalls enorme Wassermengen. Dies kann die regionale Verfügbarkeit von Trinkwasser gefährden. Hinzu kommt: In einigen Fällen werden Chemikalien beigemischt. Die Folge können nachgelagerte Umweltverschmutzungen sein.

Soziale Nachhaltigkeitsaspekte sind beim Thema Wasser ebenfalls relevant. Dies haben auch die Vereinten Nationen erkannt und deshalb Wasser in die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) aufgenommen7. Dabei steht vor allem die Versorgungssicherheit im Fokus – eine große Herausforderung gerade in den Schwellenländern. Bereits jetzt ist für etwa 771 Millionen Menschen weltweit die Grundversorgung mit Trinkwasser nicht sichergestellt8. Erschwerend kommt hinzu: Das in vielen Regionen der Welt knappe Wasserangebot – oder die ungerechte Verteilung zwischen Ländern – führt immer öfter zu teils bewaffneten Konflikten9. Durch zunehmende Versorgungsunsicherheiten könnte sich der Kampf um Wasser weiter verschärfen.

Für rund

771 Millionen Menschen

fehlt weltweit die Grundversorgung mit Trinkwasser.

Darüber hinaus nimmt die wirtschaftliche Relevanz des Wassermangels sukzessive zu. Ausgelöst durch immer mehr Extremwetterereignisse werden globale Lieferketten häufiger als zuvor unterbrochen. Nicht nur in Europa ist davon unter anderem die industrielle Schifffahrt auf Flüssen betroffen. Dies hatte gerade in den vergangenen Jahren Auswirkungen auf wichtige Industriebereiche und die Energieinfrastruktur. So litten einige Kraftwerke unter ausbleibenden Kohlelieferungen. In Frankreich war zudem die Kühlung einiger Atomkraftwerke gefährdet. Die Folgen: Umsatzausfälle bei betroffenen Unternehmen und eine kurzfristig erhöhte Unsicherheit in puncto Energieversorgung10.

Investitionen in Wasserinfrastruktur haben Rückenwind

Die geschilderten Herausforderungen im Wasserbereich sind nicht neu. Vor allem die immer offensichtlicheren Auswirkungen des Klimawandels führen jedoch dazu, dass weltweit für Staaten der Wert der Ressource Wasser steigt. Deshalb sind sie nun bereit, stärker in eine moderne und effizientere Wasserwirtschaft zu investieren. Diese Entscheidung wird durch die Einsicht gestützt, dass die Wasserinfrastruktur in vielen Ländern überaltert ist – auch in den Industrienationen11. Staatliche Infrastrukturprogramme wie der „Infrastructure Investment and Jobs Act“ in den USA forcieren deshalb nun deren Modernisierung12. Das Ziel solcher Programme ist der Ausbau der klassischen Infrastruktur – also der Rohrnetze –, um eine möglichst verschwendungsfreie Wasserdurchleitung zu erreichen. Zudem rückt die Verbesserung der Wasserqualität in den Investitionsfokus – auch ausgelöst durch zunehmenden regulatorischen Druck. Dabei steht die Prüfung des Wassers auf schädliche Inhaltsstoffe und eine bedarfsgerechte Aufbereitung im Mittelpunkt. Auch in Deutschland gibt es diesen Investitionsbedarf. So haben sich seit dem Jahr 2012 die Investitionen der öffentlichen Wasserversorger kontinuierlich erhöht. Im Zeitraum 1990 bis 2021 wurden laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 80,5 Milliarden Euro in die Wasserinfrastruktur investiert, wie die folgende Abbildung zeigt13.

Investitionsentwicklung öffentlicher Wasserversorger in Deutschland

Investitionsentwicklung öffentlicher Wasserversorger in Deutschland
Quelle: BDEW-Wasserstatistik; Sonstige = Zähler, Messgeräte sowie IT, und Investitionen, für die keine Aufteilung vorliegt (Mai 2023).

Chancen am Kapitalmarkt breit gestreut

Aus der zunehmenden Diskrepanz zwischen Trinkwassernachfrage und begrenztem Angebot ergeben sich, in Verbindung mit den Folgen des Investitionsstaus, Chancen für Unternehmen am Kapitalmarkt. Schätzungen zufolge wies der globale Wassermarkt im Jahr 2022 ein Volumen von rund 843 Milliarden US-Dollar auf. Basierend auf den geschilderten Entwicklungen ist ein weiterer Anstieg zu erwarten14. Von den strukturellen Trends und vermehrten öffentlichen Investitionsprogrammen sind sowohl im Produkt- wie auch im Dienstleistungsbereich viele Unternehmen aus unterschiedlichen Sektoren begünstigt. Entlang der Wasserwertschöpfungskette lassen sich sechs Themen-Cluster bestimmen, die von einem positiven Investitionsumfeld profitieren:

  • Verfügbarkeit und Distribution: Betreiber von Wasserinfrastrukturanlagen, wie zum Beispiel das Versorgungsunternehmen American Water Works, stellen die logistische Wasserverteilung sicher und sind auch für Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur verantwortlich.
  • Wasserqualität: Spezielle Analyse- und Filtrationsanlagen – unter anderem von Herstellern wie Danaher aus den USA – ermöglichen die kontinuierliche Überprüfung und Sicherstellung der Wasserqualität.
  • Wasseraufbereitung: Anbieter in diesem Segment produzieren unter anderem Membrane und Filtersysteme und betreiben komplette Anlagen zur Wasseraufbereitung. Konzerne wie die französische Veolia sind in diesem Bereich international tätig.
  • Landwirtschaft: Unternehmen in diesem Bereich bieten zum Beispiel intelligente Bewässerungssysteme und Präzisionstechnologie an. Das Ziel: den hohen Wasser- und Ressourceneinsatz im Agrarbereich zu senken. So stellt etwa Valmont aus den USA effiziente Beregnungsanlagen für die Landwirtschaft her.
  • Digitale Lösungen: Intelligente Wasserzähler und das digitale Management von großen Infrastrukturkomplexen verbessern die Effizienz des Wassersystems und begrenzen die Verschwendung. Ein Anbieter in diesem Bereich ist das US-amerikanische Unternehmen Xylem.

  • Resilienz gegen Extremwetter: Zum Schutz vor Extremwetterereignissen kommen immer häufiger computergestützte Softwareanwendungen bei der Planung von Infrastrukturprojekten im urbanen Bereich zum Einsatz. Unternehmen wie die kanadische WSP Global bieten eine spezielle Beratung und Ingenieurdienstleistungen zur besseren Widerstandsfähigkeit gegen die Auswirkungen des Klimawandels an.

Die ökologischen und sozialen Herausforderungen im Wasserbereich sind vielfältig und komplex. Kurzfristige und einfache Lösungen sind kaum zu erwarten. Mittel- bis langfristig sollte jedoch eine weltweite Investitionsoffensive zu Verbesserungen führen. Die Vielzahl der skizzierten Ansatzpunkte bietet Unternehmen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen – und auch Anlegern – die Möglichkeit, von Investitionen in die Wasserwirtschaft zu profitieren. 

 

Ein Beitrag von Katja Filzek, Felix Schröder und Mathias Christmann.

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen: 14. Juni 2023, soweit nicht anders angegeben.

  1. 1 Siehe dazu den Pressekommentar von Union Investment zur Lebensmittelindustrie. (https://presse.union-investment.de/api/de/rescue2/109915a0f3c65e91e9f846a2927f3062914ddbff9cadf2e335723.html)
  2. 2 Siehe dazu den Wasserbericht der UN. (https://www.unesco.de/sites/default/files/2021-03/WWDR2021_dt%20Kurzfassung.pdf)
  3. 3 Einen Sonderfall stellt die exklusive Entnahme von Trinkwasser durch Konsumgüterunterneh-men dar. Deren Trinkwassernachfrage kann eine Zusatzbelastung in Dürreperioden darstellen.
  4. 4 Siehe dazu auch den Bericht der World Meteorological Organization (WMO). (https://public.wmo.int/en/media/press-release/economic-costs-of-weather-related-disasters-soars-early-warnings-save-lives)
  5. 5 Zum Thema Wasserstress siehe die Analyse des World Resources Institute (WRI).(https://www.wri.org/insights/ranking-worlds-most-water-stressed-countries-2040)
  6. 6 Siehe dazu den Bericht des WWF zu Thema „Water Scarcity“ – und den Gründen dafür. (https://www.worldwildlife.org/threats/water-scarcity)
  7. 7 Siehe dazu die Übersicht zu den 17 SDGs der UN und speziell SDG 6 zum Thema Wasser. (https://sdgs.un.org/goals)
  8. 8 Siehe dazu den UNICEF-Bericht zum Weltwassertag 2023. (https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/weltwassertag-2023-zehn-fakten-ueber-wasser/275338)
  9. 9 Siehe dazu die Statista-Daten zur Ressource Wasser und damit verbundene Konflikte. (https://de.statista.com/themen/3435/ressource-wasser/#topicOverview)
  10. 10 Siehe dazu den Bericht über die weitreichenden Pläne Frankreichs, um Wasser zu sparen. (https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frankreich-macron-wasserplan-101.html)
  11. 11 Siehe dazu die Analyse von McKinsey zur Situation der Wasserinfrastruktur in den USA. (https://www.mckinsey.com/industries/electric-power-and-natural-gas/our-insights/us-water-infrastructure-making-funding-count)
  12. 12 Siehe dazu den Artikel von McKinsey. (https://www.mckinsey.com/industries/public-sector/our-insights/the-us-bipartisan-infrastructure-law-reinvesting-in-water)
  13. 13 Speziell für Deutschland siehe dazu den Bericht des BDEW (2023). (https://www.bdew.de/media/documents/Wasserfakten_im_Ueberblick_o_Mai_2023_j_Ott_online_19052023.pdf)
  14. 14 Siehe dazu die folgende Prognose zur Entwicklung des globalen Wassermarktes (https://www.verifiedmarketresearch.com/product/water-market/)

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