engage_1-2018_Bild_S6_unterer_obererTeil_zusammen_1200x675px

„Blaues Gold“
für Generationen

Wasser und kollaboratives Engagement via CDP

Wasser ist Leben. Damit eine wachsende Weltbevölkerung mit ausreichend Trinkwasser versorgt werden kann, ist auch bei Investoren ein Umdenken erforderlich.

Nur etwa drei Prozent der rund 1.386 Milliarden Kubikkilometer Wasser, die es auf der Erde gibt, sind Süßwasser. Das entspricht in etwa einem kleinen Tropfen aus einer großen Flasche Mineralwasser. Eine stark wachsende Weltbevölkerung sowie ein immer höherer Verbrauch machen die Ressource zu einem wertvollen Gut, das durch den Klimawandel in vielen Regionen immer knapper wird. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird der Bedarf die verfügbare Wassermenge schon im Jahr 2030 um 40 Prozent überschreiten.

Risikofaktor Wassermanagement

Unternehmen mit Geschäftsmodellen, die auf eine zuverlässige Wasserversorgung oder die Bereitstellung effizienzsteigernder Technologien abzielen, bieten zunehmend Chancen für Investoren, die sich der steigenden Bedeutung des „blauen Goldes“ bewusst sind. Nach wie vor eignet sich das Thema Wasser aufgrund seiner globalen strukturellen Bedeutung aber eher für langfristig angelegte Investments. Allerdings birgt die Ressource auch viele Risiken: „Gerade das Thema Wasserknappheit und die damit verbundenen Herausforderungen innerhalb der Produktionsprozesse werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt“, sagt Jennifer Paffen, Nachhaltigkeitsanalystin bei Union Investment. Infolge des Klimawandels steigt allerdings der Handlungsdruck. „Eine der ersten Ressourcen, an der wir die Auswirkungen veränderter klimatischer Bedingungen spüren, ist Wasser“, so Paffen. Überflutungen und Starkregen auf der einen Seite stehen Dürren und Versorgungsengpässen in anderen Weltregionen gegenüber, wie jüngst etwa in der südafrikanischen Metropole Kapstadt. Paffen: „Damit verbunden ist ein wachsendes Preisrisiko für Produkte, die auf eine bestimmte Wasserqualität oder -quantität im Herstellungsprozess angewiesen sind. Der tatsächliche Wert des verwendeten Wassers ist häufig nicht vollständig eingepreist. Dies gilt insbesondere für diejenigen Unternehmen, deren Geschäftsmodelle und Produktion auf großen Wassermengen basieren.“

#Wasser im Fokus der UN

Die 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDG) zielen auch auf eine sichere Versorgung mit sauberem Trinkwasser.

#Messgrößen des Wassermanagements

Die von Union Investment genutzte Analyse zum Wassermanagement einzelner Emittenten beruht auf quantitativen und qualitativen Indikatoren. Hier eine Auswahl:

Gesamtmenge des verbrauchten Wassers, Herkunft, Verwendung und Entsorgung

Wasserintensität von Unternehmensoperationen im Verhältnis zum Umsatz

Reduktionsziele: Konkretisierung Strategie zum langfristigen Umgang mit Wasser

Technologie: Verwendung neuer Technologien für mehr Effizienz im Wasserverbrauch und beim Recycling von Abwässern

Corporate Citizenship: Management der Beziehung zu lokalen Stakeholdern wie indigenen Dorfgemeinschaften

Auf Basis der beschriebenen Indikatoren treffen unsere Analysten eine Risikoeinschätzung des jeweiligen Unternehmens. Dabei machen sie sich aber auch ein Bild von den zukünftigen Chancen im Hinblick auf das Wassermanagement.

Der Preis entspricht nicht dem eigentlichen Wert

Derzeit werden Nutzung und Verbrauch von Wasser in nahezu allen Ländern und Branchen implizit subventioniert, da die aktuellen Preise vielerorts nicht dem Grad der nachhaltigen Verfügbarkeit entsprechen. Davon profitieren insbesondere wasserintensive Unternehmen. „Noch, denn aufgrund der stetig steigenden Nachfrage bei gleichzeitiger Verknappung erscheint es unwahrscheinlich, dass dieser Zustand auf Dauer aufrechterhalten werden kann“, so Paffen. Nähert sich der Wasserpreis einmal seinem „wahren Wert“ an, bedeutet dies potenziell ein Risiko. Unternehmen können unprofitabel werden, weil ihre auf niedrigen Wasserpreisen basierenden Produktionskosten deutlich ansteigen. Auch Lieferketten und Betriebslizenzen insbesondere in wasserarmen Regionen sind mit zunehmender Wasserknappheit einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Dieser Zusammenhang ist insbesondere für längerfristige Investments von Bedeutung.

Union Investment hat das Thema Wassermanagement seit Längerem im Fokus ihrer Engagement-Aktivitäten. „Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass Unternehmen ihren Wasserbedarf sowie den tatsächlichen Verbrauch analysieren und transparent kommunizieren“, sagt Florian Sommer, Head of Sustainability Research bei Union Investment. Denn nur so können Portfoliomanager etwaige Risiken im Zusammenhang mit dieser Ressource verlässlich einschätzen. „Neben dem Status quo interessieren uns aber vor allem die Zukunftspläne in Bezug auf die Verbesserung des Wassermanagements“, so Sommer. Im konstruktiven Dialog mit den Unternehmen dringt Union Investment darauf, dass sich besonders wasserintensive Unternehmen strategisch stärker mit ressourcenbedingten Risiken, aber auch Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung unter Einsatz neuer Technologien auseinandersetzen und das Thema zur Chefsache machen.

Stahlproduktion

In vielen industriellen Bereichen geht ohne Wasser nichts. So wie bei diesem Walzwerk in der Stahlproduktion.

Ein mangelhaftes Wassermanagement kann zu einem elementaren Geschäftsrisiko für Unternehmen werden.

Jennifer Paffen

Nachhaltigkeitsanalystin bei Union Investment

Aktuelle Negativbeispiele

In Sachen Wassermanagement gibt es noch einiges zu tun. Das zeigen einige Beispiele aus der Praxis. In Deutschland und Frankreich etwa mussten in der Vergangenheit wiederholt Kraftwerke abgeschaltet werden, weil sich in den heißen Sommermonaten die nahegelegenen Flüsse zu sehr aufgeheizt hatten. Dadurch funktionierte zum einen die Kühlung nur noch eingeschränkt, zum anderen durfte das zusätzlich erwärmte Wasser nicht zurückgeleitet werden, da es wegen seiner Sauerstoffarmut ein Fischsterben begünstigt hätte. In solchen Momenten zeigt sich, dass mangelhaftes Wassermanagement zu einem elementaren Geschäftsrisiko für Unternehmen werden kann. „Auch im Bergbau sehen wir immer wieder drohende Reputationsschäden“, sagt Paffen. Beim Abbau von Gold wird beispielsweise Cyanid verwendet. Schon wenige Milliliter reichen aus, um einen Menschen zu töten, doch in der Industrie werden zum Teil Millionen Liter Cyanid verwendet. Wenn diese Blausäureverbindung aus den geschützten Lagerseen in das Trinkwasser gerät, sind die Folgen auf lange Sicht nur sehr schwer wieder einzudämmen. Betroffen ist insbesondere die indigene Bevölkerung, die in vielen Ländern Afrikas oder auch in Lateinamerika nahe der Minen lebt und arbeitet. So hat El Salvador im vergangenen Jahr den Abbau von Gold und anderen Metallen sogar komplett verboten – aus Sorge um den Umweltschutz, aber auch, weil die Proteste der heimischen Bevölkerung wiederholt zu sozialen und politischen Unruhen geführt hatten.

CDP-Studie untersucht das „nächste CO2

Experten sprechen schon länger davon, dass Wasser das „nächste CO2“ werden könnte. Denn eine zuverlässige Wasserversorgung wird zunehmend teuer, komplex in der Preissetzung und zwischen einer Vielzahl von Stakeholdern umkämpft. Auch das Carbon Disclosure Project (CDP) beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Wasser als klimarelevanter Ressource. Mit der Unterstützung eines Netzwerks von über 800 Investoren fordert das CDP Unternehmen und Staaten dazu auf, neben Daten zu Treibhausgasemissionen auch weitergehende Informationen zu Nutzung und Verbrauch klimarelevanter Ressourcen wie Wasser und Holz zu veröffentlichen. Im Jahr 2017 hat das CDP knapp 5.000 der größten global agierenden Unternehmen zum Thema Wasser befragt. Im Mittelpunkt der Studie stand die Frage, wie Unternehmen Wasserressourcen verwalten und welche Managementansätze für künftige Wasserrisiken bereits bestehen. Mit einer Rücklaufquote von über 2.000 Unternehmen hat sich die Zahl der Teilnehmenden im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, was als Indiz für die steigende strategische Bedeutsamkeit des Themas gedeutet werden kann. Laut den erhobenen Daten des CDP investierten Unternehmen im vergangenen Jahr über 23 Milliarden US-Dollar in mehr als 1.000 Projekte mit Wasserbezug in 91 Ländern. Bei 70 Prozent der am CDP beteiligten Unternehmen war das Thema Wasser 2017 auf Vorstandsebene verankert. 63 Prozent berichten von regelmäßigen Messungen wichtiger Kennzahlen wie dem Wasserverbrauch und der Qualität von Abwässern, wobei 41 Prozent auch ihre Zulieferer stärker unter die Lupe nehmen. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Unternehmen setzen sich Ziele, um die Effizienz bei der Wassernutzung zu steigern, aber auch bezüglich relevanter Ökosysteme und des Schadstoffgehalts des genutzten Wassers. Eine umfängliche Risikoanalyse führt indes nur jedes fünfte Unternehmen durch.


Virtuelles Wasser

Für die Produktion von nahezu allen Lebensmitteln und Konsumgütern ist Süßwasser notwendig. Wir zeigen den H2O-Fußabdruck an einigen Beispielen.

Experten berechnen den Wasserbedarf im Lebenszyklus eines Produkts und sprechen in diesem Zusammenhang auch von „virtuellem“ Wasser.

Virtuelles Wasser
Philipp Wagnitz

Im Gespräch mit Philipp Wagnitz, Referent Globale Süßwasserressourcen, WWF Deutschland

Union Investment fragt nach

Herr Wagnitz, in einer Studie des WWF sprechen Sie in Bezug auf Wasser von einem importierten Risiko, warum?

In Deutschland verbrauchen wir rund 120 Liter Wasser täglich. Indirekt liegt unser Wasserfußabdruck aber bei mehr als 5.000 Litern, weil Wasser in fast allen Gütern des täglichen Bedarfs steckt. Ein Großteil des Wassers, welches wir so verbrauchen, kommt nicht aus Deutschland. Wenn in betroffenen Regionen durch Verknappung oder Verschmutzung von Wasser diese Wertschöpfungsketten unterbrochen werden, haben Verbraucher, aber auch Unternehmen und Investoren ein Problem. Diese Risiken dürften in Zukunft sogar noch zunehmen. Siehe aktuell in Kapstadt oder 2016 in São Paulo oder Kalifornien.

Wie können Investoren sich vor diesen Risiken schützen?

Wichtig ist zu verstehen, wie notwendig und unersetzlich die Ressource Wasser für die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen ist. Eine Analyse der Wasserrisiken im Portfolio ist dabei der erste Schritt. Mit dem Water Risk Filter des WWF kann ohne viel Input ein Portfolioscan durchgeführt werden. Schlussendlich muss man sich überlegen, wie man mit den Wasserrisiken im Portfolio umgeht. Sucht man nach nachhaltigen Lösungen oder vermeidet man? Da gibt es ganz unterschiedliche Vorgehensweisen.

Um Wasserrisiken zu reduzieren, hat der WWF das Water-Stewardship-Konzept entwickelt. Was hat es damit auf sich?

Mit dem Water-Stewardship-Konzept wollen wir Unternehmen beim Umgang mit Wasserrisiken Unterstützung bieten. Also, welche Risiken bestehen? Und wie können diese direkt reduziert werden? Gibt es Kooperationsmöglichkeiten im Finanzsektor? Weltweit gibt es mehr als 100 große Unternehmen, die bereits das Water-Stewardship-Konzept strategisch anwenden.

#WWF Deutschland

Der WWF Deutschland unterstützt seit 1963 als Stiftung die globale Arbeit des World Wildlife Fund zur Bewahrung eines lebendigen Planeten.

 

Viele Unternehmen sind selbst noch nicht umfassend informiert

Ein kritischer Blick auf das Wassermanagement von Unternehmen ist Teil der Engagement-Aktivitäten von Union Investment. Hierbei konzentrieren wir uns vor allem auf Sektoren, bei denen Wasser eine unerlässliche Ressource im Produktionsprozess darstellt und entscheidend für das Geschäftsmodell ist. Dazu zählen etwa Betriebe aus dem Energiesektor, weil dort Wasser für die Kühlung von Kraftwerken gebraucht wird. Auch im Bergbau läuft nichts ohne Wasser, da es, versetzt mit Chemikalien, dem Lösen von Erzen und Metallen aus dem abgebauten Gestein dient. Im Wesentlichen geht es darum, zwei Risikoklassen abzusichern. Zum einen kann ein fahrlässiger Umgang mit Abwasser zur Verschmutzung von Böden und Grundwasser führen und so die Nahrungsmittel und Trinkwasserversorgung der umliegenden Gemeinden gefährden. Das birgt entsprechende Klage und Reputationsrisiken für das Unternehmen – vom Umweltschaden einmal ganz abgesehen. Zum anderen gibt es Konzerne, deren Geschäftsmodell schlicht nicht mehr funktioniert, wenn die Wasserzufuhr versiegt. Leider machen wir häufig die Erfahrung, dass viele Unternehmen selbst noch nicht besonders gut informiert sind. Wenn wir das Thema adressieren, sind viele Manager nicht sprachfähig. Die Relevanz eines umsichtigen Wassermanagements scheint in diesen Fällen noch nicht auf der Führungsebene angekommen zu sein. Entsprechend handeln viele Unternehmen reaktiv, wenn sich eine entsprechende Problemlage einstellt, anstatt sich proaktiv und langfristig mit dem Thema Wasser auseinanderzusetzen. Insofern wird das Thema uns auch in den kommenden Jahren verstärkt beschäftigen.

Jennifer Paffen
Jennifer Paffen

Nachhaltigkeitsanalystin im Portfoliomanagement von Union Investment

Weiterführende Links