Transformation Insight: Autosektor

Die Route wird neu berechnet

Transformation Insight: Autosektor

  • Deutschlands wichtigster Industriezweig steht vor einem weitreichenden Umbruch
  • Komplexität des Transformationsprozesses bedeutet auch für Investoren enorme Herausforderungen
  • Indikator-Analysen von Union Investment erfassen systematisch Anpassungsfähigkeit und Zukunftschancen

Der Autosektor: Transformation erfordert einen Spagat

Verzichten Sie aus Umweltgründen auf ein eigenes Auto? Dann sind Sie in Ländern wie Deutschland nach wie vor eine Ausnahme! Viele benötigen es, fast alle schätzen den Komfort, für manche ist es auch ein Statussymbol. Spiegelbildlich zur weiter hohen Nachfrage nimmt die Autoindustrie in vielen Ländern noch immer eine besondere Rolle ein – in Deutschland gilt sie als das Rückgrat der Wirtschaft.

Wenige Zahlen belegen die Bedeutung des Automobilsektors in Deutschland: Im Jahr 2019 erwirtschaftete der Sektor – zusammen mit seinen Zulieferern – einen Umsatz von 436 Milliarden Euro und produzierte in Deutschland circa 4,6 Millionen Pkws. Aus Daten des Statistischen Bundesamts (Destatis) errechnet sich für die Autoindustrie im Jahr 2019 ein Anteil von rund 4,3 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP).

In Deutschland sind zudem etwa 1,75 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt mit der Automobilbranche verbunden.¹ Dies entspricht nahezu vier Prozent der inländischen Erwerbstätigen. Zahlen zur Beschäftigungssituation auf europäischer Ebene belaufen sich laut Angaben der Lobbyvereinigung „European Automobile Manufacturers‘ Association“ (ACEA) im Jahr 2018 auf 14,6 Millionen Angestellte und somit 6,7 Prozent aller Arbeitsplätze in der EU, wobei der weitaus größere Teil der Angestellten nicht direkt im Autobau beschäftigt ist.

Regulatorik und Digitalisierung führen zu Umbrüchen

Doch bekanntermaßen stehen traditionelle Automobilproduzenten („Original Equipment Manufacturer“, nachfolgend OEM) mit ihren bislang auf Verbrennungsmotoren basierenden Autoflotten vor einem großen Umbruch. Bildlich gesprochen muss ihr betriebswirtschaftliches Navigationssystem eine neue Route berechnen:

  • Zum einen trägt der Automobilbereich durch seine ihm zurechenbaren Emissionen maßgeblich zum Klimawandel bei. Um den CO2-Ausstoß zu senken und so auch regulatorische Pflichten zu erfüllen, sind bei den Automobilherstellern vielfältige Innovationen im Bereich Antriebstechnologien erforderlich. Die Optimierung neuer Benzin- und Dieselmotoren, Paradedisziplin deutscher Ingenieure, geht dabei weiter. Zusätzlich ist die Transformation hin zur nachhaltigen Elektromobilität mitentscheidend für den langfristigen Erfolg der OEM. Autobauern, denen der technologische Spagat zwischen verschiedenen CO2-effizienten Antriebstechnologien gelingt, gehört die Zukunft.
  • Zum anderen stellt die zunehmende Digitalisierung den Autosektor vor zusätzliche Herausforderungen. Neben neuen Antriebskonzepten sind auch die Vernetzung von Automobilen und die Bereitstellung ergänzender, digitaler Dienstleistungen für die traditionellen OEMs wichtige Zukunftsprojekte.

Der Druck zur Transformation ist in den letzten Jahren stark gestiegen – nicht nur wegen der anziehenden staatlichen Vorgaben, sondern auch durch erfolgreiche Newcomer wie Tesla. Reine Elektroautohersteller haben aktuell in einigen Bereichen noch einen zeitlichen und technologischen Vorsprung. Ihre Produktionsplattformen konzentrieren sich auf Elektroautos und müssen nicht zusätzlich noch Verbrennungsmotoren herstellen und diese in Fahrzeuge integrieren! Zudem besitzen sie eine große Affinität zu digitalen Konzepten und Softwareanwendungen. Viele betrachten Tesla als Tech-Konzern und dessen Autos als Computer auf Rädern. Auf den Punkt gebracht: Klassische Autobauer müssen deshalb beim Thema E-Mobilität mehr Gas geben als in den Jahren zuvor.

Anders als lange Zeit von den Medien suggeriert ist das Bild aber nicht schwarz-weiß: Viele EV-Neueinsteiger haben noch immer Nachholbedarf bei Qualität und Service sowie bei der Kontrolle und Transparenz ihrer Lieferketten. Vor allem aber sind ihre Fahrzeuge in einer ganzheitlichen Betrachtung aktuell keineswegs zwingend umweltfreundlicher, weil die Produktion der Hochvoltbatterien derzeit noch mit hohen Emissionen verbunden ist. Das gilt für Tesla & Co genauso wie für E-Autos von OEMs. D.h., auch reine EV-Produzenten stehen vor einem entscheidenden – wenn auch im Vergleich zu OEMs weniger komplexen – Transformationsprozess.2

Kurzer Hinweis: Grundsätzlich stehen natürlich neben den Autoproduzenten natürlich auch Zulieferer und verknüpfte Bereiche wie Mineralölkonzerne vor großen Veränderungen; dieses Papier konzentriert sich allerdings auf die traditionellen Autohersteller.

EU-Regulatorik zwingt Automobilproduzenten zum Gegensteuern

Ausgehend von den Beschlüssen des Pariser Klimagipfels und den darauf aufbauenden EU-Vorschriften muss der Transportsektor einen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten und bis zum Jahr 2050 CO2-neutral sein. Abbildung 1 skizziert den grundsätzlichen CO2-Reduktionspfad für die durchschnittlichen Flotten-Emissionen der Autoproduzenten in der EU und die bislang erzielten Reduktionserfolge.

Der Druck auf Automobilproduzenten die CO2-Emissionen ihrer Flotten zu senken nimmt also in Fünfjahresschritten weiter zu. Denn: Überschreitungen der zulässigen, jährlichen Durchschnittsemissionen können Strafzahlungen zur Folge haben.

EU-Regulatorik erfordert weitere CO2-Senkungen

Allerdings fokussiert die EU-Regulierung aktuell nur auf CO2-Emissionen, die am Auspuff eines Fahrzeuges entstehen und steht deshalb unter erheblichem Rechtfertigungsdruck. Eine Betrachtung der gesamten CO2-Emissionen über den Lebenszyklus aller Pkws hinweg ist daher angebracht, um wirksame Erfolge bei der CO2-Reduktion erzielen zu können.

OEMs müssen aus diesem Grund mögliche Anpassungen der EU-Regulierung im Auge behalten und sollten perspektivisch nur Fahrzeuge mit einer tatsächlich nachhaltigen Klimabilanz verkaufen. Dann kann es ihnen gelingen Marktanteile auszubauen, weil sie ihren Kunden tatsächlich eine nachhaltigere Mobilitätsalternative bieten.

Transformation ist hochkomplex und langwierig

Allerdings: Die Neugestaltung der Antriebskonzepte wiegt gerade in Deutschland schwer. Denn bislang entwickeln, produzieren und verkaufen deutsche Automobilproduzenten vor allem profitable Pkw mit hochentwickelten Verbrennungsmotoren, die ein wichtiger Faktor für ihre weltweit führende Marktpositionierung sind. Für das Klima ist die parallele Entwicklung und Umstellung auf Elektroantriebe grundsätzlich positiv – allerdings erst dann, wenn die komplette EV-Produktion nachhaltigen Maßstäben gerecht wird. Für traditionelle Automobilproduzenten und spezialisierte Zulieferer hat die neue Antriebstechnologie einige weitreichende Änderungen zur Folge:

  • Etablierte Produktionsprozesse müssen umgestaltet werden. Hintergrund: Elektroautos bestehen aus weniger Einzelteilen, da der komplexe Verbrennungsmotor – einfach gesprochen – durch eine Batterie ersetzt wird. Langjährige Beziehungen zu Automobilzulieferunternehmen – speziell im Motorenbereich – müssen neu ausgerichtet oder teilweise auch beendet werden.
  • Autobauer sind stärker als zuvor auf Vorleistungsprodukte aus Korea und China angewiesen und von diesen Zulieferern abhängig, vor allem im Batterie- und Halbleiterbereich.
  • Etablierte OEMs ohne „Tech-Historie“ müssen vielfältige, digitale Technologien und Mobilitätskonzepte schnell adaptieren.
  • Eine Vielzahl an neuen Wettbewerbern in Form reiner EV-Produzenten entsteht – mehrheitlich in Ländern mit einer bereits etablierten, lokalen Batterieproduktion. Die potenziellen Konkurrenten können klassische Start-ups, aber auch Unternehmen aus anderen Branchen wie dem IT-Sektor sein. Nachteil solcher Konkurrenten: Ihnen fehlt die Produktionshistorie eines etablierten OEM und sie weisen gerade zu Beginn noch Kostennachteile wegen geringer Skaleneffekte auf.
  • Die massiven Änderungen von Produktionsstrukturen und Geschäftsmodellen sind nur möglich, wenn es parallel gelingt, Mitarbeiter auf ihre veränderten Aufgaben sinnvoll vorzubereiten und neue Berufsgruppen an sich zu binden, vor allem im Bereich Software. In bestimmten Bereichen wird ein Stellenabbau kaum zu vermeiden sein.

 

Automobilproduzenten haben bereits begonnen, auf diese Herausforderungen zu reagieren. Die Transformationsdynamik auf Unternehmensebene ist hoch. Einige ausgewählte Beispiele:

  • Der offizielle Zusammenschluss von Groupe PSA (Peugeot) mit Fiat Chrysler im Januar 2021 dient unter anderem dazu, die globale Marktstellung des neuen Unternehmens Stellantis zu vergrößern; gleichzeitig ermöglicht er aber auch verbesserte Skaleneffekte – unter anderem können die hohen Kosten, die im Zusammenhang mit der Umstellung auf Elektromobilität anfallen, leichter gestemmt werden.
  • Ford nutzt aufgrund einer Kooperation mit VW bei seiner zukünftigen Stromer-Flotte in Europa vorerst deren „Modularen Elektrobaukasten“; auch hier geht es vor allem um Kostensenkungen.
  • Die Zahl der Kooperationen steigt aber nicht nur innerhalb der Autobranche:
    • Daimler arbeitet mit dem führenden Chip-Prduzenten Nvidia an fahrzeuginternen Computersystemen und im Bereich Künstliche Intelligenz zusammen.
    • VW plant zusammen mit dem schwedischen Unternehmen Nrthvolt, „grüne“ (CO2-freie) Batterien und die dafür ntwendigen Rohstoffe, nachhaltig zu produzieren.
    • Volkswagen, BMW und Daimler unterstützen durch das Gemeinschaftsunternehmen Ionity den schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos, um deren Alltagstauglichkeit zu verbessern.
  • Ausgründungen und Verkäufe von Unternehmensteilen sind eine ergänzende Möglichkeit für Automobilproduzenten die notwendige Transformation zu einer nachhaltigen Elektromobilität zu finanzieren und den Fokus der zukünftigen Geschäftstätigkeit zu schärfen. So brachte zum Beispiel VW im Juni 2019 seine Truck-Sparte Traton an die Börse. Im Februar 2021 folgte Daimler mit der Bekanntgabe der Abspaltung seiner LKW-Geschäftsaktivitäten.

Die Transformation wird auch von öffentlicher Seite unterstützt. Denn: Der Automobilsektor spielt wie bereits erwähnt für viele Länder Europas eine wichtige ökonomische Rolle. Aus diesem Grund haben Politiker bereits eine Vielzahl von Programmen zur Förderung aufgelegt (unter anderem auch durch Teile des European Green Deals), die die ökologischen Rahmenbedingungen für die Produktion und Nutzung von Elektroautos verbessern sollen. So werden unter anderem erneuerbare Energiequellen gefördert, die Produktion von Hochvoltbatterien unterstützt, die Ladeinfrastruktur verbessert und Kaufanreize speziell für Elektroautos geboten. Das Ziel: eine schnelle und möglichst nachhaltige Mobilitätswende zu unterstützen. Für die Zukunft sind jedoch noch weitere regulatorische Vorgaben sinnvoll und notwendig, um Elektromobilität wirklich nachhaltig zu gestalten. In diesem Zusammenhang ist unter anderem der für Europa geplante Batterie-Pass zu nennen, durch den nicht nur die CO2-Transparenz verbessert, sondern die Nachhaltigkeitsbilanz der Hochvoltbatterien insgesamt transparenter gemacht und gefördert werden sollen. Gelingt es den bislang führenden asiatischen Produzenten auch in der Zukunft nicht, transparent über Nachhaltigkeitsaspekte bei der Batterieherstellung zu informieren, sind ergänzende regulatorische Maßnahmen in der EU denkbar. Das gilt vor allem dann, wenn sich in den kommenden Jahren in Europa eine alternative, grüne Hochvoltbatterieproduktion etabliert.

Exkurs: OEMs und digitale Mobilitätskonzepte

Parallel zur ökologisch notwendigen Transformation der Motorenkonzepte ist eine innovative Digitalstrategie für traditionelle OEMs ebenfalls von großer Bedeutung. Denn die aktuelle Umbruchphase bietet einigen Marktteilnehmern Zukunftschancen abseits der klassischen Automobilproduktion. Diese neuen Umsatzquellen können zum Beispiel in den Bereichen autonomes Fahren, „Car Sharing“, Software & Kommunikation und Navigation liegen. Laut einem Bloomberg-Bericht aus diesem Jahr haben Anleger im Zeitraum 2014 bis zum dritten Quartal 2020 bereits über 90 Milliarden US-Dollar in Unternehmen aus dem Mobilitätsdienstleistungsbereich investiert. Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit nutzen bereits die Angebote und Apps von Unternehmen wie Uber und Lyft. Die Beispiele deuten an: Auch wenn einige Projekte der OEMs wieder eingestellt oder verschoben werden, so bieten doch ausgewählte Transformationskonzepte im Bereich Mobilität Wachstumschancen. Automobilproduzenten weltweit sind sich des Veränderungsdrucks, aber auch der Chancen bewusst. Einige der OEMs haben deshalb frühzeitig begonnen eine Vielzahl von neuen Mobilitätsdienstleistungen zu entwickeln. Bereits im Jahr 2015 erwarben BMW, Daimler und VW gemeinsam den digitalen Kartendienst „Here“, um zukünftig Navigationsdienstleistungen anbieten zu können. Abbildung 2 gibt einen Überblick über den Umfang neuer Geschäftsfelder einiger ausgewählter Automobilproduzenten im Bereich Elektromobilität.

Vielfältige Strategieansätze

Transformationsanalyse mit Fokus auf Anpassungsfähigkeit

Eine erfolgreiche Transformationsstrategie hat grundsätzlich bessere Aussichten auf Erfolg, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • OEMs müssen betriebswirtschaftlich gut aufgestellt sein, damit zur Finanzierung der Transformation ausreichende, finanzielle Mittel existieren.
  • Traditionelle Autobauer mit überdurchschnittlicher Innovationsorientierung sollten von Erfahrungswerten, technischer Expertise und ihrem Markenimage profitieren.
  • Einige Automobilproduzenten sind frühzeitig Kooperationen mit Unternehmen außerhalb der eigenen Branche eingegangen, unter anderem aus dem Software-, Halbleiter- und Chemiebereich3. Dadurch haben sie ihr Know-how gestärkt und erweitert.

Bewertung der Anpassungsfähigkeit mittels KPIs

Ob Unternehmen diese ausgeprägte Anpassungsfähigkeit besitzen, untersucht und bewertet Union Investment durch sektorspezifische „Key Performance Indicators“ (KPI) – in vielen Fällen begleitet durch Engagement-Initiativen (z.B. Fragebögen für Unternehmen, Gespräche mit dem Top Management):

  • KPI 1 analysiert die jeweiligen CO2-Reduktionsziele eines Automobilproduzenten in einem festgelegten Zeitraum für alle Produktvarianten (Elektroauto- und Verbrennungsmotortechnologien). Dafür werden die Emissionssenkungserfolge über den ganzen Lebenszyklus („Cradle to grave“) hinweg beurteilt. Der KPI berücksichtigt also die Emissionen und Umweltstandards während der Produktion selbst und auch in den Liefer- und Vorleistungsketten. Nur so werden transparente und sinnvolle Branchenvergleiche möglich.
  • KPI 2 beurteilt die Art und Höhe der Finanzströme, die von Automobilproduzenten in Transformationsprojekte zu nachhaltiger Mobilität investiert werden (können). Dabei werden Budgets für die Produktion einer CO2-ärmeren Autoflotte genauso analysiert wie die Beteiligungen an Partner-Unternehmen, durch die neue, zukünftige Geschäftsfelder erschlossen werden sollen. Ein Beispiel: Die bereits erwähnte Kooperation von Volkswagen und Northvolt.
  • KPI 3 bewertet die Governance eines Unternehmens in punkto Nachhaltigkeit. Die zu beantwortenden Fragen lauten hier: Gibt es für das Management eines Unternehmens ausreichende Anreize, die notwendige Transformation einzuleiten und umzusetzen? Erscheinen die nachhaltigen Strategien und Ziele plausibel, damit der jeweilige OEM erfolgreich sein kann? Auch die Berücksichtigung von Menschenrechten und Sozialstandards fließt in die Gesamtbeurteilung mit ein. Ein positives Beispiel: BMW wird als erster Autohersteller in seinem integrierten Geschäftsbericht nicht nur über klassische Finanzkennzahlen berichten, sondern darüber hinaus auch transparent über nicht-finanzielle Kennziffern wie zum Beispiel CO2-Ziele.

Erst durch die Beantwortung solcher Fragen und die Beurteilung solcher Indikatoren können Investoren Automobilproduzenten identifizieren, die betriebswirtschaftlich zukunftsfähig und gleichzeitig nachhaltig orientiert sind.

Es kann nicht nur Gewinner geben

Die Vielzahl der Veränderungen und die grundsätzlichen, technologischen Neuerungen lassen erwarten, dass nicht alle Automobilproduzenten im Transformationsprozess erfolgreich sein werden. Dies wird auch Auswirkungen am Kapitalmarkt mit sich bringen. Umso wichtiger ist es für Investoren, die jeweiligen Transformationsstrategien der einzelnen OEMs auf Chancen und Risiken zu prüfen. Zunächst die Erfolgsfaktoren auf der Chancenseite:

  • Schnelligkeit: Grundsätzlich ist die Situation insofern außergewöhnlich, als ein eigentlich etablierter Markt neu verteilt wird. In einer solchen Konstellation zählt auch Schnelligkeit – unter anderem, weil dann zügig Skalenvorteile realisiert werden können. Abbildung 3 verdeutlicht: Das Wachstum im E-Autobereich ist hoch. Das frühzeitige Sichern von Marktanteilen besitzt für OEMs deshalb Priorität.
Elektrisch angetriebene Autoflotte wächst
  • Überzeugender Mix von „klassischen“ und Nachhaltigkeitsattributen: Um Konsumenten von den neuen Stromer-Modellen zu überzeugen, sind ein erschwinglicher Preis, eine ausreichende (Batterie-)Laufleistung und ein hoher Sicherheitsstandard notwendig. Gerade zu Beginn des E-Mobilitätstrends dürfte auch eine möglichst transparente Aufklärung über die umfassende CO2-Bilanz eines E-Autos förderlich sein für den angestrebten Erfolg. Autohersteller, die diesen Anforderungsmix besser und schneller erfüllen, werden von der zunehmenden Nachfrage nach Elektroautos stärker profitieren. In Hinblick auf die die Transparenz, ob E-Autos eine wirklich ökologische Mobilitätsalternative darstellen, sind deutsche Automobilproduzenten wie Volkswagen und BMW im internationalen Vergleich aktuell Vorreiter. Die meisten ausländischen Wettbewerber tun sich bisher schwer, eine wirklich umfassende Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln – entsprechend enttäuschend ist auch die Kommunikation dazu. Das gilt im Übrigen auch für E-Pioniere wie Tesla.
  • Erfahrung ausspielen: Beim Vergleich verschiedener E-Modelle und -Produzenten, besitzen vor allem solche Unternehmen Potenzial, die den Kunden – neben der CO2-ärmeren Elektromobilität und zusätzlichen Software- und Kommunikationsinhalten – den vertrauten Komfort und Produktionsstandards erprobter Automobile bieten können. Trotz einiger Startschwierigkeiten konnten traditionelle OEM mit ihren neuen Modellen in den letzten Monaten gegenüber reinen EV-Anbietern wie Tesla zulegen und Marktanteile hinzugewinnen. Speziell Premium-Anbieter sind dann im Vorteil, wenn es ihnen gelingt ihre Kunden von den liebgewonnen Vorzügen eines Oberklassefahrzeugs in Kombination mit E-Mobilität und digitalen Zusatzleistungen zu überzeugen. Denn: auch in der Welt der E-Autos können in der Oberklasse höhere Margen erzielt werden.
  • Auf die richtigen Marktsegmente setzen: Im Stadtverkehr können E-Autos trumpfen, weil Reichweite und Ladeinfrastruktur nicht so entscheidend sind. In Großstädten und in Ballungsgebieten könnte deshalb der Marktanteil von Elektro-Mittelklassewagen steigen, zumal diese auch ökologischer sind. Denn der Einsatz auf kürzeren Distanzen ermöglicht die Verwendung einer kleineren, CO2-effizienteren Batterie. Mehr noch als in der Breite des Marktes kommt es in diesem Segment darauf an, kostengünstig zu produzieren und dadurch attraktive Kaufpreise anzubieten. OEMs, denen das nicht gelingt, drohen in diesem Marktsegment auf der Strecke zu bleiben. Deutsche Automobilproduzenten sind mit ihren aktuellen Angeboten, vor allem aber durch geplante Modelloffensiven in diesen Segmenten, inzwischen gut aufgestellt und gewinnen Marktanteile hinzu. Die Pläne sind ambitioniert: So kalkuliert zum Beispiel VW, dass bis zum Jahr 2030 die Verkäufe von E-Autos der Hauptmarke Volkswagen in Europa rund 70 Prozent der Auslieferungen ausmachen sollen.

Transformationsprozesse bergen auch Risiken

Die begonnenen Transformationsprozesse bergen für die beteiligten Unternehmen und Investoren naturgemäß auch Risiken:

  • Hohe Anfangsinvestitionen: Grundsätzlich ist die Transformation mit sehr hohen Anlaufkosten verbunden. Beim ein oder anderen Unternehmen mögen die verfügbaren finanziellen Mittel nicht ausreichen, um notwendige Investitionen zu tätigen. Oder sie sind zumindest nicht ausreichend für alle Märkte: So haben sich beispielsweise General Motors, Honda und Mitsubishi aus dem europäischen EV-Markt zurückgezogen, da ihnen die Investitionen in spezielle Modelle für die Europäer zu hoch erschienen. Die Folge: drohende Marktanteilsverluste in einer wichtigen Absatzregion.
  • Zwei-Welten-Problematik: Transformationsprozesse, bei denen alte und neue Produktions- und Geschäftsprozesse parallel beibehalten werden, stellen einen wirtschaftlichen Balanceakt dar. Aktuell ergeben mehrere Technologie-Standbeine (noch) einen ökonomischen Sinn. Denn es darf nicht vergessen werden, dass der Trend zur E-Mobilität zwar grundsätzlich an Dynamik gewinnt und in vielen Ländern unterstützt wird. Doch aufgrund unterschiedlicher struktureller Voraussetzungen und divergierender Umsetzungszeiträume werden Verbrennungsmotoren auch in der Zukunft noch in vielen Ländern eine wichtige Rolle spielen. Ein (zu) abrupter Kurswechsel kann dazu führen, dass die finanzielle Basis des Unternehmens aus dem Gleichgewicht gerät. Für Investoren ist deshalb die genaue Analyse einer langfristig tragfähigen Transformationsstrategie von besonderer Bedeutung.
  • Fehlende Transparenz & „green washing“: Wie zuvor beschrieben kann eine offene Kommunikation zu Nachhaltigkeitsaspekten die Erfolgschancen eines Autoherstellers unterstützen. Durch Intransparenz hingegen können Kapitalmarktrisiken entstehen. Denn gerade beim Thema Elektromobilität ist die Nachvollziehbarkeit des ökologischen Fußabdrucks ein wichtiger Faktor für den langfristigen Erfolg. Automobilproduzenten, die keine (glaubwürdigen) Informationen liefern oder sich dem Vorwurf des „green washing“ ausliefern, drohen im Konkurrenzvergleich zurück zu bleiben. Vor allem einige asiatische EV-Start-ups weisen aktuell noch deutliche Transparenzlücken auf. Das nachgewiesene Vortäuschen positiver, nachhaltiger Produkteigenschaften stellt auch eine Gefahr am Kapitalmarkt dar. Denn der dadurch entstehende Reputationsschaden – und mögliche drohende Strafen – hätten negative Effekte für die betroffenen Unternehmen und Investoren zur Folge.
  • Emissionen durch Batterieproduktion: Der vorstehende Punkt kann insbesondere in Hinblick auf die Hochvoltbatterien von E-Autos zum Tragen kommen. Da diese aktuell (noch) nicht grün hergestellt werden, fällt gerade die Öko-Bilanz von großen und schweren Batterien umso schlechter aus. Elektro-Modelle aus den SUV- und Pick-Up-Segmenten sind unter Klimagesichtspunkten kritisch zu sehen, da diese wegen ihres Gewichts sehr große Batterien benötigen. Inwiefern sich dieser Punkt auch betriebswirtschaftlich und damit für Investoren als kritisch erweist, hängt von der Regulatorik und vom Käuferverhalten ab. Trotz des hohen Spritverbrauch von SUVs mit Verbrennungsmotor hat es in den letzten Jahren in diesem Segment einen ausgesprochenen Boom gegeben. Dies mag sich mit zunehmender Fokussierung auf die Folgen des Klimawandels aber durchaus ändern.

Fazit und Ausblick

Trotz aller Kosten und Unwägbarkeiten hat die weitreichende Transformation des Pkw-Bereichs an Dynamik gewonnen. Im Kampf gegen den Klimawandel muss es auch hier zu einer deutlichen Senkung der schädlichen CO2-Emissionen kommen. Die aktuell mehrheitlich bevorzugte Lösung zur Erreichung dieses Ziels ist – bei allen noch bestehenden Problemen, Einwänden und notwendigen regulatorischen Nachbesserungen – der Ausbau der Elektromobilität. Doch für eine erfolgreiche Umsetzung dieser Strategie machen (nur) solche Elektroautos Sinn, die in einer Lebenszyklusbetrachtung und unter Klimagesichtspunkten einen ökologischen Vorteil aufweisen. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass moderne und effiziente Verbrennungsmotoren für viele Regionen der Welt noch für einen langen Zeitraum eine wichtige Rolle spielen werden. Dies gilt für die meisten Schwellenländer, aber auch für eine Vielzahl von Industrienationen.

Der begonnene Wandel erfordert somit von traditionellen Autobauern einen schwierigen Spagat und technologische Flexibilität. Etablierte Produktionsprozesse und -strukturen müssen teilweise völlig neu ausgerichtet, alternative Technologien adaptiert und ergänzende Geschäftsfelder etabliert werden. In der Tendenz gilt: Die eigentliche Produktion eines Autos bleibt zwar wichtig, doch gewinnen Kompetenzen in den Bereichen Software und vernetzte Mobilität zunehmend an Bedeutung.

Der traditionelle Autosektor hat die Transformationsnotwendigkeit akzeptiert, da der regulatorische Druck auf die OEMs zu groß geworden ist, ihre Emissionen zu senken. Bei CO2-Verstößen drohen zukünftig in Europa saftige Strafen. Auch durch ergänzende Entscheidungen in einzelnen Ländern wird die Adaption der E-Mobilität unterstützt. So haben zum Beispiel Dänemark, die Niederlande oder auch Schweden ein „Phase Out“ für Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2030 angekündigt. Für die Automobilproduzenten ist dies dennoch ein klares Signal, die Transformation zur Elektromobilität mit Nachdruck voran zu treiben.

Die enorme Komplexität dieser Umbruchsituation hat ein hohes Maß an Unsicherheit zur Folge – auch für Investoren am Kapitalmarkt. Denn nicht alle Hersteller (und Zulieferer) werden in der Transformation bestehen können. Noch ist unklar, wie zukünftig die Marktanteile zwischen etablierten OEMs und EV-Newcomern aufgeteilt sein werden. Doch die aktuellen Ankündigungen und Erfolge bereits etablierter Automobilproduzenten im Bereich Elektromobilität machen Hoffnung, dass auch deutsche OEMs eine dominante Rolle im Bereich E-Mobilität einnehmen können.

Um sich einen systematischen Überblick zu den Erfolgsaussichten der Automobilproduzenten verschaffen zu können, hat Union Investment Indikatoren entwickelt, die eine Beurteilung des Transformationsprozesses von Automobilunternehmen im Branchenvergleich möglich machen. Neben betriebswirtschaftlichen Faktoren steht dabei vor allem die Frage im Vordergrund, wie Nachhaltigkeitsziele im Rahmen der Transformation umgesetzt werden. Ziel: die zukünftigen Vorreiter in den Bereichen Elektromobilität und alternativer Mobilitätskonzepte zu identifizieren – unter betriebswirtschaftlichen, aber eben auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten. Hier zeigt sich: Konzepte und Strategien, wie sie zurzeit vor allem von Volkswagen und BMW verfolgt werden, sind global führend. Durch enge Kooperationen können vor allem bei der Batterieproduktion Skaleneffekte erzielt und Kosten langfristig gesenkt werden. Zudem erhöht sich die CO2-Transparenz durch bessere Kontrollmöglichkeiten und die Abhängigkeit von bislang dominanten Zulieferern nimmt ab. Mit anderen Worten: Nachdem lange Zweifel bestanden sieht es aktuell so aus, als habe die deutsche Autoindustrie ihre Route erfolgreich neu berechnet.

  1. 1 Siehe dazu Destatis Pressemitteilung 139 vom 9. April 2019.
  2. 2 Siehe dazu auch die ausführlichen Erläuterungen im Paper „Nicht ganz sauber!“ zu relevanten Fragen im Zusammenhang mit Hochvoltbatterien.
  3. 3 Beispiele zu den Verbindungen mit dem Chemiebereich finden sich im Transformation Insight: Von Schmutzfinken und Putzerfischen.

Autoren:

Katja Filzek, Michael Muders und Mathias Christmann

Stand: 14. April 2021