Machtlose Gläubiger?

Machtlose Gläubiger?

#1 Staatsanleihen

Staaten sind unter ESG-Gesichtspunkten weit schwieriger zu beurteilen als Unternehmen. Und auch die Möglichkeiten der Einflussnahme sind begrenzt. Aber es gibt sie.

Lange Zeit galten Staatsanleihen von Industrieländern als sicherer Hafen. Die Staatsschuldenkrise in Europa hat allerdings gezeigt, dass selbst entwickelte Staaten mit überdurchschnittlichen Nachhaltigkeitsbewertungen volatil sein können und Risiken hinsichtlich einer signifikanten Spreadausweitung bestehen. Mehrere Studien belegen, dass dabei ein Zusammenhang zwischen Kreditrisiken und Mängeln bei Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) besteht – bei Industriestaaten genauso wie bei Schwellen- und Entwicklungsländern. Den Nachweis erbrachten unter anderem Dr. Mauricio Vargas und Florian Sommer für Union Investment durch Untersuchungen des Einflusses von Korruption auf Staatsanleihen.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer ESG-Faktoren, die die volkswirtschaftliche Entwicklung beeinflussen können und die Folgen für die Performance von Staatsanleihen haben. Durch Korruption werden Staaten ineffektiver. Soziale Spannungen können auch durch Umweltschäden oder durch ein mangelhaftes Gesundheitssystem hervorgerufen werden und in Unruhen münden, die spürbare Auswirkungen für Investoren haben können. Die Betrachtung von Staaten unter ESG-Aspekten bietet Anlegern also die Möglichkeit, sich ein vollständigeres Bild von dem jeweiligen Land und seinen Anlagerisiken zu machen.

„Denn im Gegensatz zu anderen Anlageklassen sind Investoren nicht die wichtigsten Stakeholder von Sovereigns, sondern die Bürger.“

Johannes Böhm, ESG-Analyst im Portfoliomanagement  von Union Investment
 

Wie informieren? Wie Einfluss nehmen?

Investoren stehen dabei allerdings vor zwei grundsätzlichen Problemen: Wie können sie sich ein möglichst genaues Bild über die Nachhaltigkeit von Staaten machen? Und wie können sie Einfluss nehmen und  Staaten motivieren, ihre Nachhaltigkeitsbilanz zu verbessern? „Denn im Gegensatz zu anderen Anlageklassen sind Investoren nicht die wichtigsten Stakeholder von Sovereigns, sondern die Bürger“, sagt Johannes Böhm, ESG-Analyst im Portfoliomanagement von Union Investment. „Folglich ist der Staat nur seinen Bürgern und nicht den Investoren Rechenschaft schuldig. Es gibt zudem weniger Kanäle zur Einflussnahme wie etwa die Wahrnehmung von Aktionärsrechten auf einer Hauptversammlung.“ Außerdem liegen Nachhaltigkeitsthemen selten im Kompetenzbereich des emittierenden Finanzministeriums. Die Datenverfügbarkeit ist das erste Problem: Standardisierte und zuverlässige ESG-Daten von Regierungen sind eher die Ausnahme. Anleger sind daher auf die Erhebungen von Nichtregierungsorganisationen angewiesen. „Darüber hinaus sind solche Daten in der Regel nicht vergleichbar mit der Aktualität von Aktienkursen. Entsprechend zeitverzögert und ungenauer ist die Sicht, und das erfordert häufig zusätzliche Eigenrecherche“, berichtet Johannes Böhm. Union Investment bedient sich hierbei ihrer eigenen Nachhaltigkeitsplattform SIRIS und der Auswertung zusätzlicher Informationen, die unter anderem auch durch direkte Gespräche mit Vertretern der Staaten gewonnen werden.

Die Informationsgewinnung ist gleichzeitig der Einstieg in den Engagement-Prozess mit Staaten. Der übrigens eine relativ junge Disziplin im Asset Management von Union Investment ist und für den es noch vergleichsweise wenig Erfahrungswerte gebe. Wobei Böhm unterstreicht, dass es für Staaten keinen „Standardfall“ im Bereich  Engagement gebe. Zu unterschiedlich seien die Einzelbefunde und die Kanäle, über die mit Regierungen kommuniziert werde. Ein Beispiel aus der Praxis ist Brasilien, ein Land, das zu den fünf wichtigsten Schwellenländermärkten zählt. Seit Jair Messias Bolsonaro am 1. Januar 2019 das Amt des Staatspräsidenten übernommen hat, führte der Wechsel in vielen Bereichen auch zu einer neuen Politik. Wie weit sich diese negativ auf die Nachhaltigkeit auswirkte, war Ziel einer genaueren Analyse von Union Investment. Anlass für die Untersuchung waren die Waldbrände, die im Sommer und Herbst 2019 in Brasilien und in mehreren südamerikanischen Staaten ausbrachen und über Wochen für Schlagzeilen sorgten.

Eine Satellitenaufnahme von Südamerika zeigt das Ausmaß der Brandherde in Brasilien und in angrenzenden Staaten zwischen dem 15. und dem 22. August 2019.
Eine Satellitenaufnahme von Südamerika zeigt das Ausmaß der Brandherde in Brasilien und in angrenzenden Staaten zwischen dem 15. und dem 22. August 2019.

Differenzierter Blick auf die Waldbrände

Hierzu nahm Union Investment Kontakt mit dem brasilianischen Bundesumweltamt IBAMA auf, das bereitwillig Auskunft zu einem ganzen Katalog von Fragen gab. Wie die genauere Recherche ergab, sind die Waldbrände ein alljährlich wiederkehrendes Phänomen, das vor allem in der Trockenperiode von Juli bis Dezember zu sehen ist. Die Überprüfung der Statistik ergab im Vergleich zum Vorjahr für 2019 eine leichte Zunahme der Brände. Im Vergleich zu den Jahren 2010, 2007 und den frühen 2000er Jahren waren die Brände sogar deutlich kleiner ausgefallen. Dennoch könnte die Waldbrandsaison 2019 angesichts der Lockerung der umweltpolitischen Haltung der derzeitigen Regierung Brasiliens den Beginn eines längerfristigen Anstiegs der Entwaldung markieren. Die Zunahme der Brände 2019 stand unter anderem im Zusammenhang mit den illegalen Brandrodungen, die stark zugenommen haben. Nach Angaben des IBAMA wolle die Regierung mit neuen Strategien und einem Fünf-Punkte-Plan dagegen vorgehen.

„Diese und andere Angaben des IBAMA wurden von uns kritisch geprüft und mit weiteren uns zur Verfügung  stehenden Informationen abgeglichen“, sagt Böhm. Wobei sich nicht alle in den Antworten genannten Zahlen abschließend prüfen ließen. „Im Ergebnis können wir allerdings keine ambitionierte und langfristige Waldschutzstrategie in Brasilien erkennen. Angesichts der halbherzigen Umweltpolitik der derzeitigen Regierung befürchten wir sogar, dass es in den kommenden Jahren zu einem stärkeren Verlust von Regenwald kommen könnte“, so Böhm. Falls die aktuelle Lockerung der Umweltschutzregulierungen in Brasilien nicht gestoppt wird, besteht außerdem ein erhebliches Risiko, dass das Land seine Klimaschutzziele im Bereich Aufforstung nicht erreicht und damit die im Pariser Abkommen zugesagten Verpflichtungen zu den nationalen Klimabeiträgen (Nationally Determined Contributions, NDC) bei den CO2-Emissionsreduktionszielen verfehlen könnte.

Im Gespräch mit Dr. Ekaterina Gratcheva Lead Financial Officer, World Bank Treasury, Washington, D. C.

Union Investment fragt nach

Frau Gratcheva, wie weit verbreitet ist unter Anlegern die Kombination von Sovereign Debt Investment und Engagement-Aktivitäten? 

Wir beobachten auf Anlegerseite zwar ein wachsendes Interesse an ESG-Themen, auch in Bezug auf Schuldtitel staatlicher Kreditnehmer, zum Beispiel bei Green Bonds. Aber das aktive Engagement gegenüber staatlichen Emittenten mit Blick auf ESG-Themen befindet sich noch in den Kinderschuhen. Wir stellen auch fest, dass sich das Maß an ESG-Bewusstsein und der Integration von ESG-Faktoren deutlich zwischen Industrienationen und Schwellenmärkten unterscheidet.

Welche Aspekte sind besonders wichtig im Engagement mit Sovereigns?

Im Vergleich zu Unternehmen ist die Auseinandersetzung mit staatlichen Emittenten deutlich komplexer. Staatliche Emittenten – insbesondere in Schwellenländern – besitzen keine klare Vorstellung von den ESG-Problematiken. Und in der Regel existiert keine allgemein etablierte Methode, um die Auswirkungen von ESG-Faktoren auf das Ausfallrisiko von Staatsanleihen zu beurteilen. Bei der Weltbank arbeiten wir intensiv daran, die Integration von ESG-Faktoren in Anlage- und Anleihenemissionsprozessen weltweit voranzutreiben und das Finanzsystem nachhaltiger zu machen.

Werden Sovereign Debt Investment und Engagement eine Spezialdisziplin bleiben?

Die Anleger sind den Anleihenemittenten beim Thema ESG-Integration zwar voraus, aber wir sehen eine wachsende Beachtung  dieser Thematiken durch staatliche Schuldverwaltungsstellen und auch eine zunehmende Handlungsbereitschaft. Doch eine wirkliche ESG-Integration ist technisch sehr komplex und wird daher bislang hauptsächlich nur von besonders anspruchsvollen und vorausschauenden Anlegern praktiziert. Vor dem Hintergrund der Covid-19- Krise arbeiten die Weltbank und ihr Finance-Global-Practice-Team intensiv daran, Staatskunden zu unterstützen. Wir betrachten diese Krise auch als Chance, einen besseren Einblick in das Markt- und  Anlegerverhalten zu gewinnen sowie den Effekt nachhaltigkeitsbezogener Maßnahmen auf die finanzielle Performance genauer zu verstehen.

 

#Weltbank, Finance, Competitiveness and Innovation Global Practice (FCI GP)

Das FCI-GP-Team ist Teil des Weltbank-Teams für langfristige Finanzierungen, dessen Fokus auf der Beratung zum Thema nachhaltige Finanzwirtschaftspolitik liegt.

 

Engagement bei Staaten ist Maßarbeit

Wie lässt Union Investment als treuhänderischer Anleger die Ergebnisse solcher ESG-Analysen in ihren Anlageprozess für Staatsanleihen einfließen? Im Zweifel und als letztes Mittel durch Ausschluss aus dem Portfolio, doch dann ist auch kaum noch Engagement möglich. Deshalb ist ein Ausschluss oder ein Desinvestment auch nicht die erste Option. Aufgrund unserer treuhänderisch gebündelten Mittel haben wir bereits einen gewissen Einfluss. Manche Staaten werben bei Neuemissionen auch um Investoren. Diese Ebene nutzen wir unter anderem, um über Aspekte der Nachhaltigkeit zu sprechen. Ferner können wir über Plattformen wie die UN PRI und bestehende Kanäle gemeinsam mit anderen Investoren ein Engagement betreiben und so den Einfluss vergrößern. Dabei ist diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt. Engagement bei Staaten bedeutet auch viel kritische Recherche. Dabei ist es wichtig, sich nicht allein über die Tagesmedien zu informieren, die nur einen Ausschnitt abbilden können. Nur mit  einem umfassenderen Überblick kommen wir zu einem vollständigeren Bild, das wir für die Nachhaltigkeitsbewertung eines Landes nutzen und in unseren Anlageprozess einfließen lassen können. Bereits in der Geschichte versuchten große private Geldgeber wie die Fugger oder die Rothschilds Einfluss auf Europas Herrscherhäuser auszuüben – mehr oder weniger erfolgreich. Damals wie heute zeigt sich, dass im Bereich Sovereign Debt Investing Engagement eine äußerst komplexe Angelegenheit ist. Viel komplexer als bei Aktien oder Unternehmensanleihen.

Johannes Böhm

Johannes Böhm

ESG-Analyst im  Portfoliomanagement

Stand aller Informationen, Darstellungen und Erläuterungen:
10. Juni 2020, soweit nicht anders angegeben.