Ozeane voller Plastikmüll

Es ist höchste Zeit für einen nachhaltigen Umgang mit Plastik

Plastikmüll hat sich zu einem ernst zu nehmenden Risiko für das Ökosystem der Meere und die Menschheit entwickelt. In den Ozeanen schwimmen mehr als 5,25 Billionen Kunststoffteile, die Tiere töten, Strände verschmutzen und letztlich unsere Gesundheit gefährden. Das Thema beschäftigt auch das Team ESG Capital Markets & Stewardship bei Union Investment.

Der sogenannte „Great Pacific Garbage Patch“ zwischen Kalifornien und Hawaii besteht aus Müll. Vornehmlich aus Plastikmüll. Rund 80.000 Tonnen davon wabern auf einer Fläche von rund 1,6 Millionen Quadratkilometern, das entspricht in etwa der vierfachen Größe der Bundesrepublik Deutschland. Und das ist nur die sprichwörtliche Spitze des Müllbergs: In die Ozeane gelangen jedes Jahr bis zu 13 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. „Sollte die bisher sorglose Produktion von Einweg-Kunststoffverpackungen und ihre Entsorgung nicht drastisch verändert werden, wäre im Jahr 2050 das Plastikgewicht größer als das der Meeresbewohner“, warnt Duy Ton, Portfoliomanager im Team ESG Capital Markets & Stewardship. Bis 2025 wird nach Schätzungen von Experten bereits auf drei Tonnen Fisch eine Tonne Plastik entfallen.

Die Weltbank warnte bereits in einem Bericht vor den Gefahren: Wenn der Plastikmüll nicht richtig gesammelt und gemanagt werde, werden Gewässer und Ökosysteme auf Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende kontaminiert und beeinträchtigt sein. Aus Sicht e ines nachhaltigen Investors besteht daher dringender Handlungsbedarf. Die Investitionen können genutzt werden, um in mehrere Richtungen gegenzusteuern: zum einen, um eine Zunahme des Plastikmüllaufkommens zu verhindern. Und zum anderen, um auf die R eduktion durch die Nutzung alternativer Materialien und die Verbesserung der Recyclingsysteme zu drängen.

Der Mikroplastik-Kreislauf

Der Mikroplastik-Kreislauf

Ansätze zur Verbesserung

Eigentlich haben Kunststoffe wegen ihrer Materialeigenschaften viele Vorteile: Sie sind leicht, kostengünstig, hygienisch und langlebig. Gerade die Haltbarkeit e rmöglicht im Grunde eine mehrfache Nutzung. Praktisch passiert das aber kaum. Die Recyclingraten von Plastik sind immer noch sehr niedrig: In Europa werden rund 30 Prozent des Plastikmülls recycelt, in China sind es rund 25 Prozent und in den USA gerade mal neun Prozent. Experten gehen allerdings davon aus, dass 95 Prozent der Plastikprodukte nur ein einziges Mal verwendet und dann weggeworfen werden.

Dabei gibt es inzwischen mehrere vielversprechende Ansätze, die Plastikflut einzudämmen:

  • Reduktion von Plastikmüll: Europa hat den Großteil des Plastikmülls bisher nach China exportiert. Doch seit dem 1. Januar 2018 hat China seine Einfuhrbestimmungen für Abfallrecycling verschärft und den Müllhandel gestoppt. Dieser Schritt gab e inen wesentlichen Impuls, dass das EU-Parlament einem entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission für ein Verbot von Plastik-Einwegprodukten zustimmte. Die Neuregelung sieht vor, bestimmte Produkte, für die es bereits Alternativen gibt, ab 2021 zu verbieten. Darunter fallen beispielsweise Wattestäbchen und Einweggeschirr. Neben dem Vorstoß der EU kommt es aber darauf an, dass sowohl Unternehmen als auch Konsumenten Plastik zunehmend vermeiden.
  • Erforschung alternativer Materialien: Um die Verschmutzung der Ozeane und der Umwelt einzudämmen, müssen biologisch abbaubare Alternativstoffe entwickelt und verwendet werden. Dazu gibt es bereits zahlreiche vielversprechende Ansätze. Unternehmen, die hierbei zukunftsfähige Lösungen erforschen und entwickeln, sind aus Sicht nachhaltiger Investoren besonders interessant.
  • Verbesserung des Recyclingsystems: Auch Recycling ist ein Investitionsthema: Wie fast kein anderes Material ermöglicht Plastik eine mehrfache Nutzung. Um Einwegprodukte zu verringern, bergen auch verbesserte Recyclingsysteme Chancen. Hier geht es insbesondere um die möglichst saubere Sortierung von Kunststoff, um die Reinheit der recycelten Stoffe zu gewährleisten. Einige Unternehmen wie Tomra sind auf einem guten Weg, diese herausfordernde Aufgabe zu bestehen. Mit den nötigen Anreizsystemen seitens der Regulierer sind in diesem Bereich deutliche Fortschritte möglich. Darunter fällt auch das Verbot von Müllhalden. Denn um Recyclingsysteme staatlich weiter zu fördern, ist es wichtig, das dauerhafte Ablagern oder Verbrennen von Müll auf Deponien abzuschaffen.

Das Thema bildete 2018 einen der Schwerpunkte im Bereich Engagement bei Union Investment. Duy Ton hat mit zahlreichen Unternehmen über Plastikmüll g esprochen, sie für das Thema sensibilisiert und auf Lösungen gedrungen. „Wir beobachten, dass einige Unternehmen an vielversprechenden Alternativen f orschen und auch schon Lösungen auf den Markt gebracht haben“, sagt Duy Ton. Stora Enso aus Finnland etwa ist eines der größten Forstunternehmen weltweit, das sich auf die Entwicklung und Herstellung von Verpackungsmaterial spezialisiert hat. Das Unternehmen ist mit seinen Produkten ein großer Lösungsanbieter  im Kampf gegen Plastikmüll. Viele der Produkte ersetzen die Plastikverpackung und sind biologisch abbaubar. Eine der größten Herausforderungen dabei ist der Ersatz der Plastikflasche. Das Unternehmen arbeitet daran, aus Holzfaser und Stärke ein Material herzustellen, das in puncto Gewicht, Hygiene, Optik und Preis in etwa der Plastikflasche entspricht.

Auch auf mehreren Hauptversammlungen wurde das Thema adressiert, wobei Union Investment von ihrem Stimmrecht Gebrauch machte, um vielversprechende Initiativen zu unterstützen. „Bei der Hauptversammlung von McDonald´s haben wir etwa mit unserer Stimme mehr Transparenz im Kampf gegen Plastikmüll gefordert“, berichtet Duy Ton. Der Fast-Food-Konzern habe signalisiert, dass er das Thema Plastikmüll ernst nehme. Bis 2025 sollen Verpackungen angepasst und Verpackungsmüll generell reduziert werden. Vor allem arbeitet McDonald´s daran, Plastikstrohhalme durch Alternativen zu ersetzen. Auch Adidas hat eine Reihe von Maßnahmen gestartet. Beispielsweise will das Unternehmen bis 2024 ausschließlich wiederverwertete Kunststoffe verwenden. „Ich bin zuversichtlich, dass wir bei der Eindämmung von Plastikmüll auf einem guten Weg sind. Aus Lösungen und neuen Ansätzen können wiederum Geschäftsmodelle entstehen, die für Investoren interessant sind“, so Duy Ton.

Vera Bürgi

Im Gespräch mit Vera Bürgi, Geschäftsleiterin von OceanCare

Union Investment fragt nach

Inwieweit ist die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll auch eine Bedrohung für den Menschen?

Jedes Jahr gelangen rund neun Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in die Ozeane. Unzählige Meerestiere verhungern mit dem Magen voller Kunststoffe, sammeln in ihren Körpern Giftstoffe an oder ertrinken jämmerlich, wenn sie sich in Plastikteilen verheddern. Plastikmüll bedroht das Ökosystem der Ozeane grundlegend. Von der Gesundheit der Meere hängt alles Leben auf der Erde ab. Auch das von uns Menschen.

Worauf sollten Investoren achten, um etwas gegen  die Plastikvermüllung der Ozeane zu tun?Investoren können philanthropisch aktiv werden und Organisationen wir OceanCare unterstützen. Unsere Organisation sorgt in internationalen Gremien dafür, dass verbindliche Regulierungen zu Produktion,

Entsorgung und Klassifizierung von Kunststoffen formuliert und implementiert werden. OceanCare zielt aber auch darauf ab, den individuellen Plastikverbrauch durch ein Umdenken zu senken, und sensibilisiert weltweit für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Kunststoffen. Für Unternehmen bieten die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) die Möglichkeit, gegenüber der UNO ein Versprechen für einen eigenen Beitrag zur  Reduktion von Plastik zu formulieren und zu realisieren. Das Plastikproblem geht uns alle an. Hoffnung auf Besserung besteht nur, wenn alle Bereiche einen Beitrag zur Eindämmung der Müllberge leisten.

Wie reagieren Investoren darauf, sehen Sie bereits Anzeichen, die Sie optimistisch stimmen?

Wissenschaftlichen Berechnungen zufolge ist der Höchstwert der Plastikproduktion global noch nicht erreicht, das heißt: Die Verschmutzung der Meere wird noch weiter zunehmen. Positiv ist, dass das Problem in den vergangenen Jahren in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist und ein hohes Potenzial zur Beunruhigung hat. Das zunehmende Bewusstsein von Unternehmen und Investoren, ihrer „Corporate Responsibility“ gerecht werden zu müssen, stimmt uns optimistisch. Angesichts des Ausmaßes der Plastikproblematik braucht es aber noch sehr viel mehr Engagement in diesem Bereich. Essenziell ist auf jeden Fall ein rascher, grundlegender Umbau der Ökonomie hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft.

 

#OceanCare

OceanCare ist eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Wädenswil, Schweiz. OceanCare sorgt weltweit dafür, dass die Ozeane und deren Bewohner geschützt werden. Seit 2011 ist die Organisation UN-Sonderberaterin für den Meerschutz.

Signalwirkung für Investoren

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Die Verwendung von Plastik hat mit dem globalen Welthandel und dem Onlinehandel massiv zu- genommen. Ein weiteres Beispiel dieser Auswüchse ist der Coffee to go. Rund 40.000 Tonnen Kunststoffmüll werden jährlich in Deutschland allein durch die Verwendung der Einweg-Kaffeebecher verursacht.

So kann es nicht weitergehen! Und die Politik beginnt zu reagieren: Auf EU-Ebene wurde mit dem Vorstoß, Einwegprodukte ab 2021 aus der Europäischen Union zu verbannen, ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gemacht. Allerdings entfaltet diese Vereinbarung nur ihre Wirkung, wenn sie auch auf nationaler Ebene in den Mitgliedsländern umgesetzt wird. Im Rahmen des französischen Energiewendegesetzes soll beispielsweise ab 2020 sämtliches Plastikgeschirr verboten werden. Das Bundesumweltministerium in Deutschland setzt zunächst auf die freiwillige Beschränkung des Handels. Es wird sich also noch zeigen, ob die EU-Richtlinie ausreichend Wirkung entfalten wird. Eines der striktesten Plastikverbote weltweit besteht übrigens in Kenia, wo seit Ende 2017 die Herstellung und Einfuhr von Plastiktüten unter Strafe steht. Insgesamt ergreifen immer mehr Länder Maßnahmen, um den Plastikmüll einzudämmen. Das ist wirklich erfreulich und macht Hoffnung.

Für Investoren und Unternehmen haben die politischen Entscheidungen auf jeden Fall Signalwirkung. Die Weichen sind gestellt, und wer sich rechtzeitig kritisch gegenüber Plastik positioniert, findet einerseits genügend attraktive Alternativen zu investieren und minimiert das Risiko von Stranded Assets, also von investiertem Vermögen, das an Wert verliert, wenn die Nachfrage nach Kunststoffen beispielsweise durch Regulierung gedrosselt wird.

Duy Ton

Duy Ton

Portfoliomanager im Team Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment

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