Klima

CO2-neutral ist erste Wahl

Klimarisiken in der Kapitalanlage werden messbar

Vier Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen belasten immer mehr Treibhausgase die Atmosphäre. Es gibt aber auch positive Signale. Zwei Initiativen haben dazu im Jahr 2018 weg- weisende Impulse gegeben: der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und die Empfehlungen der internationalen Expertenkommission „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ (TCFD).

Der Sommer 2018 hat eindrucksvoll gezeigt, dass der Klimawandel in Deutschland angekommen ist. 2018 war das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen von 1881. Mit Missernten spürte die Landwirtschaft in vielen Teilen Nordostdeutschlands die negativen wirtschaftlichen Folgen unmittelbar. Experten warnen, dass dies nur der Anfang einer Entwicklung ist. Acht der neun wärmsten Jahre seit 1881 liegen bereits im 21. Jahrhundert.

Alarmierende Daten

Noch nie waren die globalen Treibhausgasemissionen so hoch wie 2018. Die Daten sind besorgniserregend und zeigen, wie wichtig verstärkte Anstrengungen beim Klimaschutz sind. Das hat zuletzt auch der aus Anlass der UN-Klimakonferenz in Kattowitz veröffentlichte IPCC-Sonderbericht „1,5 Grad globale Erwärmung“ untermauert. Der IPCC-Bericht machte unter anderem deutlich, dass jedes zehntel Grad auf der Temperaturskala zählt, insbesondere im Hinblick auf die sogenannten Kippelemente im Erdsystem.

Kippelemente sind überregionale Teile des Erdsystems, die ihre Funktion qualitativ ändern, sobald eine bestimmte Temperaturschwelle überschritten wird. Zu diesen Elementen gehören zum Beispiel der grönländische Eisschild, die Permafrostböden in Sibirien, die tropischen Korallenriffe, aber auch der Amazonas-Regenwald. Sind solche Kippelemente erst einmal aktiviert, setzen sich selbstverstärkende Prozesse in Gang, die schwer oder gar nicht mehr zu bremsen sind. Aus dem Kohlenstoff speichernden Regenwald könnte  so langfristig eine Savanne werden, die Korallenriffe könnten absterben und der Eisschild abschmelzen. Die Konsequenzen wären katastrophal, weil sowohl die Geschwindigkeit als auch die Folgen des Kippprozesses unvorhersehbar sind.

Die Schwelle für viele Kippelemente liegt zwischen zwei bis vier Grad globaler Erwärmung. Auch daraus erklärt sich das Ziel der Pariser Klimakonferenz, die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius  zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, bleiben nur noch wenige Jahre Zeit. Bis spätestens 2050 muss der Nettoausstoß an Treibhausgasen null Tonnen erreicht haben.

Passivität kann teuer werden

Vor diesem Hintergrund droht allerdings selbst der ehemals selbst ernannte Musterknabe in Sachen Klimaschutz, Deutschland, seine Reduktionsziele deutlich zu verfehlen. Die bisher unzureichende Leistung könnte schmerzhafte ökonomische Konsequenzen haben. So drohen Milliardenzahlungen, weil für alle die Reduktionsziele überschreitenden Treibhausgasemissionen Zertifikate zugekauft werden müssen. Der ungebremste Klimawandel hätte aber noch weitere Auswirkungen, die ihn nach Ansicht des Weltwirtschaftsforums in Davos zu einem der größten Risiken auch für das Funktionieren globaler Lieferketten machen. So gut wie alle Branchen wären betroffen, sei es durch Versorgungsengpässe, Ernteausfälle, Sturmschäden, erhöhte Investitionsrisiken oder Kursverluste.

Teile der Wirtschaft haben diese Gefahren bereits erkannt. Eine wachsende Zahl von Unternehmen versucht, sich im Hinblick auf den Klimawandel besser aufzustellen und verfolgt dementsprechend ambitionierte Reduktionsziele, um möglichst vor 2050 CO2-neutral zu sein. „Diese Vorreiter verfallen nicht in Opportunismus, sondern handeln vorausschauend. Das verdient Respekt für die Unternehmen und bietet längerfristig erhöhte Renditechancen für die Anleger“, lobt Jennifer Paffen, ESG-Analystin bei Union Investment.

Die wichtigsten Kippelemente im Erdsystem

Die wichtigsten Kippelemente im Erdsystem

Die Kippelemente lassen sich in drei Klassen einteilen: Eiskörper, sich verändernde Strömungs- bzw. Zirkulationssysteme der Ozeane und der Atmospäre und bedrohte Ökosysteme. Fragezeichen kennzeichnen Systeme, deren Status als Kippelement wissenschaftlich noch nicht gesichert ist.

Quelle: PIK Potsdam.

Initiativen für die Transformation

Der Umbau des globalen Wirtschaftssystems hin zu einer CO2-neutralen Welt erfordert gewaltige Investitionsanstrengungen. Allerdings ergeben sich daraus auch zahlreiche Chancen für Unternehmen und Investoren, etwa durch neue Patente und zukunftsweisende Geschäftsmodelle. Während fossile Brennstoffe zunehmend an Bedeutung verlieren, sind erneuerbare Energien vor dem Hintergrund der Klimaschutzmaßnahmen alternativlos. Das hat auch Bedeutung für die Finanzierung der Pariser Klimaziele. Diesem Zweck dient der im März 2018 von der EU-Kommission vorgelegte Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Der Plan ist Teil der EU-Bestrebungen, eine emissionsarme, ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Einen Hebel stellen dabei die Kapitalflüsse dar, die zunehmend durch Investitionsentscheidungen geprägt sind und die Nachhaltigkeitskriterien explizit mitberücksichtigen.

„Der EU-Aktionsplan dürfte nun auch die bisher abwartenden Finanzakteure unter zusätzlichen Handlungsdruck bringen“, schätzt Dr. Henrik Pontzen, Leiter ESG im Portfoliomanagement bei Union Investment. „Die globale Erderwärmung und die notwendige Umstellung auf Klimaneutralität wurden von ihnen bisher eher als abstrakte Gefahr wahrgenommen.“ Mangels Transparenz und vergleichbarer Standards stellten die konkrete Quantifizierung und Bewertung dieser Risiken lange ein schwieriges Unterfangen dar. Marktteilnehmer konnten zahlenmäßig nur schwer abwägen, wie groß die Klimarisiken und Transformationschancen in jedem Einzelfall und sektorenweit wirklich sind. Inzwischen gibt es für Investoren und Unternehmen neue, klar definierte Richtlinien, die den Fokus auf Vollständigkeit und Materialität erleichtern sollen. Im Mai 2018 stellte die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) ein Rahmenwerk vor, das eine wertvolle Hilfe für die Erstellung der Klimaberichterstattung bietet. Die TCFD-Empfehlungen sind für Investoren und Unternehmen ein Hebel für die ganzheitliche Betrachtung von Risiken und Chancen des Klimawandels und einer emissionsarmen Wirtschaft in den Kernbereichen eines jeden Unternehmens.

Die Empfehlungen haben Signalwirkung. So hat die Europäische Kommission in ihrem Aktionsplan angekündigt, die TCFD-Systematik in eine überarbeitete Version der CSR-Richtlinie aufzunehmen. Auch Union Investment unterstützt die bisherigen Arbeitsergebnisse der Taskforce und nutzt diese beispielsweise im Unternehmensdialog, um so eine Verankerung und Vertiefung von Klimarisikoanalysen in der Geschäfts- und Finanzberichterstattung einzufordern. Der Nutzen von mehr Transparenz hinsichtlich des Umgangs einzelner Wertpapieremittenten mit den Herausforderungen des Klimawandels zeigt sich für den genossenschaftlichen Asset Manager unmittelbar: „Erkannte Chancen nutzen wir in unseren Anlageentscheidungen, erkannte Risiken versuchen wir zu minimieren beziehungsweise vor dem Hintergrund des Klimawandels möglichst optimal zu managen“, erläutert Jennifer Paffen, ESG-Analystin im Portfoliomanagement bei Union Investment.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer

Im Gespräch mit Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Union Investment fragt nach

Herr Prof. Edenhofer, mit dem EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums wird der Kampf gegen den Klimawandel sicherlich ein Stück weiterkommen. Was fehlt in Ihren Augen noch?

Zweifellos ist die Finanzwende eine wichtige Flankierung. Doch die Vorschriften laufen ins Leere, wenn das Überangebot an fossilen Energieträgern weiter ungehindert seine Marktkräfte entfaltet. Das wirksamste Mittel, das zu kontrollieren, ist ein über die Zeit steigender Mindestpreis für CO2.

Lange galt der Emissionshandel als Instrument, um den Ausstoß von Klimagasen wirksam zu reduzieren. Gilt das auch in Zukunft, oder gibt es bessere Alternativen?

Der Handel mit CO2-Zertifikaten soll ja eigentlich ein Marktplatz sein, um  die besten und effizientesten Technologien zur Emissionsvermeidung herauszufinden. Doch diese Rolle erfüllt er bislang nicht. Die Politik muss einen Mindestpreis auf die Zertifikate einführen, außerdem auch in den bisher nicht  im Emissionshandel enthaltenen Sektoren wie Verkehr und Gebäude CO2 vernünftig bepreisen. Und natürlich ist die globale Koordination wichtig, etwa  mit den Chinesen, die ebenfalls ein Emissionshandelssystem einführen wollen.

Was stimmt Sie bei dem Kampf gegen den Klimawandel optimistisch? 

Ich bin nicht optimistisch, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Zunächst mal kann einem ja angst und bange werden. Die mit dem Klimawandel einhergehenden Extremwetterereignisse werden zunehmen. Aber nach einer verlorenen Dekade ist offensichtlich politisch etwas in Bewegung gekommen. Der letzte Weltklimagipfel hat den Multilateralismus gestärkt, die Bundesregierung zeigt ernsthaftes Interesse an einer CO2-Bepreisung, viele Menschen sind freitags auf den Straßen.

 

#Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)

Das PIK untersucht Fragen zum globalen Wandel, zu Klimawirkungen und zur nachhaltigen Entwicklung. Das 1992 gegründete interdisziplinäre Institut gilt als eine der weltweit führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Klimafolgenforschung.

Chancen für Mehrwert

Die Erfüllung des in Paris formulierten Klimaziels, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, ist für Union Investment Teil der treuhänderischen Verantwortung. Dabei spielt unser Engagement eine wichtige Rolle: Auf beinahe jeder von uns besuchten Hauptversammlung im Jahr 2018 brachten wir das Thema Klimaschutz zur Sprache. Im Dialog mit den Unternehmen fordern wir häufig ambitioniertere Reduktionsziele, eine kohärentere Zwei-Grad-Strategie oder die Berücksichtigung von CO2-Preisen bei Strategieentscheidungen. Dabei bilden die TCFD-Empfehlungen eine Richtschnur für viele Unternehmen.

Wichtig ist uns dabei, den Klimaschutz in den Investmentprozess zu integrieren. Klimaschutz ist ein zentrales Anliegen, aber es muss in den Gesamtkontext des einzelnen Unternehmens gestellt werden. Das erfordert in jedem Einzelfall eine genaue Betrachtung durch die ESG-Lupe.

Unserer Ansicht nach spielen Anleger beim Klimaschutz in Zukunft eine ganz besondere Rolle. Auch wenn noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, bilden Nachhaltigkeit und Klimaschutz für immer mehr Investoren ein wichtiges Kriterium in der Kapitalanlage. Indem wir die Klimarisiken in unserem Risikomanagement und im Engagement-Prozess berücksichtigen, schützen wir unsere Anleger vor den negativen finanziellen Auswirkungen des Klimawandels. Gleichzeitig werden unsere Anleger aber auch an den Chancen der Transformation zu einer möglichst CO2-neutralen Wirtschaft beteiligt. Für diesen Mehrwert gilt es zu werben, denn am Ende entscheidet der Kunde, wie nachhaltig sein Geld investiert werden soll.

Jennifer Paffen

Nachhaltigkeitsanalystin im Portfoliomanagement von Union Investment