Schwellenländer auf dem Prüfstand

Schwellenländer auf dem Prüfstand


 

#3 Emerging Markets

Die Emerging Markets verheißen gemeinhin ein höheres Wachstumspotenzial als entwickelte Staaten. Doch wie vereinbar sind Investitionen in Unternehmen der Entwicklungs- und Schwellenländer mit der Nachhaltigkeit?
Rettungsteams suchen nach dem Dammbruch der Eisenerzmine Córrego do Feijão nach Überlebenden. Bereits 2015 war im selben Bundesstaat ebenfalls an einem Absetzbecken eines Eisenerzbergwerks von Vale ein Damm gebrochen. Dabei waren 19 Menschen ums Leben gekommen.

#Dammbruch

Rettungsteams suchen nach dem Dammbruch der Eisenerzmine Córrego do Feijão nach Überlebenden. Bereits 2015 war im selben Bundesstaat ebenfalls an einem Absetzbecken eines Eisenerzbergwerks von Vale ein Damm gebrochen. Dabei waren 19 Menschen ums Leben gekommen.

Am Mittag des 25. Januar 2019  begrub eine gewaltige Schlammlawine alles Leben in der Nähe der brasilianischen Kleinstadt Brumadinho. Auslöser des Unglücks an der Eisenerzmine Córrego do Feijão war der Bruch eines Staudamms für ein Rückhaltebecken mit hochtoxischen Minenabwässern, der mindestens 256 Menschenleben forderte und das Ökosystem des Paraopeba-Flusses zerstörte. Der betreibende Bergbaukonzern Vale wurde in der Folge zur Verantwortung gezogen und im Juli 2019 dazu verurteilt, für alle Schäden der Katastrophe aufzukommen. Weil eine genaue Schadenssumme bis zur Urteilsverkündung noch nicht beziffert werden konnte, blieben umgerechnet 2,5 Milliarden Euro an Vermögenswerten des Konzerns für mögliche Schadensersatzzahlungen eingefroren.

Neben der menschlichen Tragödie ist der Fall Vale auch ein Beispiel für die Folgen nicht nachhaltigen Wirtschaftens in Bezug auf Arbeitssicherheit und den Umweltschutz. Dies war nicht der erste Staudammbruch, für den Vale zur Verantwortung gezogen wurde. Deswegen ist der Konzern seit einigen Jahren für Nachhaltigkeitsfonds von Union Investment nicht investierbar. Nach dem Staudammbruch von Brumadinho beschloss das Portfoliomanagement jedoch, den Ausschluss Vales auf die gesamte Produktpalette auszuweiten.

# BRIIC

Das Kürzel steht für Brasilien, Russland, Indien, Indonesien und China. Den Begriff BRIC hatte 2001 der Goldman Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neil geprägt. Er fasste damit die wirtschaftlich bedeutendsten Schwellenländer zusammen. Das Akronym wurde später um Indonesien erweitert.

 

Auf wessen Kosten wird  Wachstum erkauft?

Fälle wie Vale sind keine Seltenheit in den Emerging Markets (EM). Es entsteht der Eindruck, dass wirtschaftliches Wachstum in den Schwellenländern auf Kosten von Ökologie und Menschen erkauft wird. Die daraus resultierenden Umweltkatastrophen, soziale Konflikte sowie die in Mitleidenschaft bezogene Reputation der Unternehmen stellen ein Risiko für Anleger dar. Aufgrund der mangelnden Transparenz von Unternehmen und der besonderen Umstände, in der sich schwächer entwickelte Länder in Bezug auf Nachhaltigkeit befinden, beispielsweise hinsichtlich der Energiegewinnung, galt lange, dass Nachhaltigkeit und Emerging Markets nicht vereinbar seien.

Wachsende Bedeutung der Emerging Markets

Die Bedeutung der Nachhaltigkeit hat über alle Anlageklassen hinweg zugenommen. Davon lassen sich Investitionen in Emerging Markets nur noch schwer ausklammern. Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsprodukts und drei Viertel der Landfläche darstellen. „Die BRIIC-Staaten gehören zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Dieser Trend wird sich in  Zukunft fortsetzen, sodass zu erwarten ist, dass die BRIIC-Staaten bis 2050 das Ranking der größten Volkswirtschaften dominieren werden“, sagt Dijana Bogdanovic, ESG-Analystin von Union Investment. Der zu erwartende Energie- und Ressourcenverbrauch wird in diesen Ländern weiterhin steigen. „Das zeigt, dass Entwicklungsländer durch Verbesserung ihrer Nachhaltigkeit einen wichtigen positiven Beitrag leisten können, der weitaus höher als bei Industriestaaten liegen dürfte“, schlussfolgert Bogdanovic.

Positive Beispiele in Sachen Nachhaltigkeit

Inzwischen tut sich in den Emerging Markets aber auch einiges in puncto Nachhaltigkeit. So haben in der Volksrepublik China Umweltziele inzwischen eine ähnlich hohe Priorität wie das Wirtschaftswachstum. Das Reich der Mitte strebt seit 2016 die Umsetzung eines „Green Finance Systems“ als strategisches Entwicklungsmodell an.

Und auch Unternehmen sehen ihre Chance in mehr Nachhaltigkeit, so zum Beispiel der chinesische Bushersteller Yutong Bus. Yutong sprang frühzeitig auf den Trend zu batteriegetriebenen Bussen im Stadtverkehr auf, entwickelte gute Modelle und hat sich einen hohen Anteil in diesem Marktsegment erarbeitet. Gleichzeitig partizipieren die Mitarbeiter überproportional am finanziellen Erfolg des Unternehmens und sind somit stärker motiviert, innovativer zu bleiben und höhere Qualität zu produzieren. Die indonesische Bank Rakyat ist ein weiteres gutes Beispiel. Sie ist ein wichtiger Anbieter von Mikrokrediten und unterstützt damit Kleinbauern und Gemeinschaften zu günstigen Konditionen und kann dennoch risikoadäquat und profitabel wirtschaften.

Positivbeispiel: Die indonesische Bank Rakyat unterstützt mit ihren Mikrokrediten Kleinbauern zu günstigen Konditionen. Dabei kann sie risikoadäquat und profitabel wirtschaften.
Positivbeispiel: Die indonesische Bank Rakyat unterstützt mit ihren Mikrokrediten Kleinbauern zu günstigen Konditionen. Dabei kann sie risikoadäquat und profitabel wirtschaften.

Nachhaltige EM-Fonds sind eine Herausforderung

Für Investoren stellt sich allerdings die Frage, wie sie sich bei Aktien und Anleihen aus den Emerging Markets über die wirtschaftlichen Kerndaten hinaus ein möglichst klares Bild über ökologische, soziale und Governance(ESG)-Auswirkungen der Unternehmensaktivitäten bilden können. „Nachhaltige EM-Fonds stellen Fondsanbieter vor neue Herausforderungen. Investmentprozesse, die bislang für Industrieländer angewendet werden, können nicht eins zu eins übernommen werden“, sagt Bogdanovic. In der Tat werden nur wenige nachhaltige EM-Fonds, die Aktien, Unternehmens- oder Staatsanleihen enthalten, angeboten.

„Wenn man sich innerhalb dieser Fonds die darin enthaltenen Titel anschaut, ist das Ergebnis oftmals unbefriedigend: Der Fonds investiert zwar in Emerging Markets, dem Thema Nachhaltigkeit kommt bei der Titelselektion aber anscheinend kaum eine Bedeutung zu“, so Bogdanovic. Nachhaltig in Schwellenländern zu investieren sei kein Widerspruch an sich.

Die bestehenden Investmentprozesse müssten jedoch den Besonderheiten  dieser Länder Rechnung tragen und daran angepasst werden. Dem kommt zugute, dass höhere Offenlegungsanforderungen durch Regulatoren in Verbindung mit dem Drängen der Anleger auf mehr Nachhaltigkeit auch in den Emerging Markets zunehmend Wirkung zeigen: Die Datengrundlage zur Beurteilung der Nachhaltigkeit wächst somit auch in den Schwellenländern.

Schwellenländer- und Industriestaatentitel im Vergleich

Um zu ermitteln, wie hoch inzwischen die Zuverlässigkeit einer Nachhaltigkeitsbeurteilung in den EM im Vergleich zu den Industrieländern ist, hat Bogdanovic im Team Nachhaltigkeit und Engagement von Union Investment 2019 mit an einem Vergleich über quantitative Ausprägungen von Ausschlusskriterien und dem Union Investment NachhaltigkeitsRating gearbeitet. Sieben Indizes und drei Fonds wurden dabei stellvertretend für die jeweiligen Anlageklassen (Aktien, Unternehmens­ und Staatsanleihen) in den Schwellen­ und Industrieländern verglichen.

Kritische Sektoren: Energie, Rohstoffe und Versorger

Die Ergebnisse bestätigen, dass die Ausschlussquoten für Unternehmen, die für nachhaltige Publikumsfonds angewendet werden, in Entwicklungs­-gegenüber Industrieländern überraschenderweise ungefähr vergleichbar sind. Unternehmen in den Entwicklungs­- und Schwellenländern werden zumeist aufgrund von Kohlegeschäften oder Kontroversen in den Bereichen Korruption und Betrug, Umwelt­ und Menschenrechten ausgeschlossen. Folglich werden die Sektoren Energie, Roh­, Hilfs­ und Betriebsstoffe sowie die Versorger besonders kritisch gesehen.

Schwache Governance und anderes Verständnis von  Geschäftspraktiken

Die Nachhaltigkeitsratings für Unternehmen sind in den Emerging Markets im Durchschnitt niedriger als die der Industrienationen, wobei die Differenz relativ klein ist. Die Governance­-Komponente erscheint für Entwicklungs-­ und Schwellenländer besonders schwach ausgeprägt zu sein, was vermutlich eng mit einer eingeschränkten Regulatorik sowie einer teilweise mangelhaften Implementierung zusammenhängt. Hingegen ist auffällig, dass der Kontroversen­-Score in den Emerging Markets überwiegend höhere Werte als in den Industrieländern annimmt. Mögliche Gründe dafür sind eine nach wie vor in Teilen eingeschränkte Datenabdeckung sowie unter Umständen ein anderes kulturelles Verständnis, was als kontroverse Geschäftspraktiken eines Unternehmens aufgefasst wird. Es empfiehlt sich daher, die Schwere der Kontroversen hier nur als erste Indikation zu betrachten.

Dustin Neuneyer

Im Gespräch mit Dustin Neuneyer, PRI Head of Germany & Austria

Union Investment fragt nach

Herr Neuneyer, wie weit verbreitet sind die Möglichkeiten nachhaltiger Aktieninvestments in Schwellenländern?

Entwicklungs-­ und Schwellenländer haben eine besondere Bedeutung bei der globalen Wertschöpfung. Die Produktion oder Veredelung von Waren und Gütern für Länder mit hohem Pro­-Kopf­-Einkommen findet zu einem großen Teil in Entwicklungs-­ und Schwellenländern statt. Hierbei bestehen gleichermaßen hohe  Geschäftschancen wie ­-risiken.

Was sind in Ihren Augen dabei die größten Hürden?

Umwelt­-, Arbeits­- und Sozialstandards in Entwicklungs-­ und Schwellenländern sind oftmals niedrig oder wenig vorhanden oder werden kaum überprüft, und die Nichteinhaltung wird kaum verfolgt oder sanktioniert. Zudem können Bestechung, Korruption und strukturelle Misswirtschaft die Investition beziehungsweise deren Wertentwicklung gefährden. Vermeintlich lukrative Produktions­ und Investitionsstrategien sind von unvorhersehbaren Kosten oder gar von Ausfall bedroht; oder es besteht das Risiko, in Vorfälle und Zustände verwickelt zu sein, in die man lieber nicht verwickelt sein möchte.

Sehen Sie in Zukunft ein Wachstumspotenzial für solche Investments?

Natürlich – allerdings empfiehlt sich ein umsichtiger Ansatz: Sich allein auf jeweils lokale Standards und Regelungen zu beziehen käme mit Blick auf die genannten Risiken einem Versteckspiel gleich, oder einer Wette, dass es schon gut gehen wird. Grundsätzlich empfiehlt es sich daher, mehr als die jeweils lokalen Standards zum Maßstab zu machen; es geht darum, sich zu positionieren und sich abzusichern, aus finanziellen wie aus gesellschaftlichen Erwägungen heraus. Der umfassend verantwortliche Investmentansatz kombiniert die Finanzanalyse mit ESG-­Kriterien und bezieht diese aufeinander. Höhere Risiken können zu höheren Kosten führen, mit Beachtung der ESG-­Kriterien stehen dem idealerweise höhere Renditen und umfassend geschützte Investments gegenüber. PRI hat dafür  einen Leitfaden für Investoren zum Thema „Managing ESG Risks in the Supply Chains of Private Companies and Assets” publiziert.

 

#PRI – Principles for Responsible Investment

PRI ist eine weltweite unabhängige Investoreninitiative zum Thema verantwortungsvolles Investieren. Union Investment ist seit 2010 unterzeichnendes Mitglied der PRI.

 

Aktien und Unternehmensanleihen lassen sich besser analysieren

In den Emerging Markets sind ESG-Probleme weiter verbreitet als in den entwickelten Ländern. Ein Negativscreening kann Investoren  helfen, die daraus resultierenden Risiken zu vermeiden. Unsere Analyse zu den Ausschlusskriterien und UI NachhaltigkeitsRating in den drei Assetklassen Aktien, Credit und Sovereigns der Emerging Markets stellen zunächst nur eine erste Momentaufnahme dar. Sie basiert auf einer relativ kleinen Auswahl von Fonds und Indizes. Daher sehen wir sie eher als eine erste Annährung an dieses Thema. Weitere tiefer gehende Analysen sind notwendig, um ein größeres Verständnis zu bekommen und weitere Aussagen treffen zu können. Bisher kann jedoch festgehalten werden, dass sich auch die Emerging Markets insbesondere bei Aktien- und Unternehmensanleihen aufgrund einer höheren Datenverfügbarkeit besser unter ESG-Gesichtspunkten analysieren lassen und sich damit als Investment anbieten. Die Art und Weise der Interpretation der bereitgestellten Informationen bedarf allerdings eines genauen Blicks auf den jeweiligen Kontext, die Peers  und den konkreten Nachhaltigkeitsaspekt. Die weiterhin bestehenden Herausforderungen der verschiedenen Analyseebenen fordern somit eine umso sorgfältigere Einordnung der jeweiligen Einzeltitel in einen nachhaltigen Gesamtkontext.

Dijana Bogdanovic

Dijana Bogdanovic

ESG-Analystin Nachhaltigkeit und Engagement  Portfoliomanagement  von Union Investment

Stand aller Informationen, Darstellungen und Erläuterungen:
10. Juni 2020, soweit nicht anders angegeben.