ESG-Investments in Schwellenländern

Erfahrung zahlt sich aus

Zusammengefasst:

  • ESG-Datenbasis in den Schwellenländern verbessert
  • Ein „zweiter Blick“ hilft, Fallstricke zu vermeiden
  • Aktives Management zahlt sich aus

ESG-Investments in Schwellenländern: Erfahrung zählt

ESG-Anlagestrategien mit Schwerpunkt der Investments in Industrieländern sind bereits seit einigen Jahren eine Erfolgsstory. Naheliegende Frage: Wie steht es um die Möglichkeit nachhaltigen Investierens in Schwellenländern? Die kontinuierlichen Mittelzuflüsse in ESG-Konzepte und ihre erfreuliche Performance machen es zunehmend interessanter, eine Ausweitung des Investmentspektrums zu prüfen. Dies gilt unverändert (möglicherweise sogar erst recht) auch unter den Rahmenbedingungen der Corona-Krise: Unsere Analyse zum Thema „ESG-Performance und Resilienz“ aus dem Frühjahr 2020 gibt einen ersten Hinweis: Bislang verhalten sich ESG-Strategien robust in der Krise – gerade auch im Vergleich zu Standard-Indizes. Die positive Entwicklung nachhaltiger Investments in den Industrienationen könnte also eine „Blaupause“ für entsprechende Anlagen in den Schwellenländern sein. Aber: Wie auch im Bereich konventionellen Investierens sind die Herausforderungen bei der Analyse, Portfoliokonstruktion und Titelselektion häufig etwas grösser als in entwickelten Ländern. Welche „Fallstricke“ dabei zu vermeiden sind, wird nachfolgend skizziert. Um es vorwegzunehmen: Erfahrung und eine umfangreiche Datenbasis sind die wichtigsten Voraussetzungen.

ESG-Ansätze auch in Schwellenländern vielversprechend

Regional beschränkte sich die professionelle ESG-Analyse von Unternehmen und Staaten bislang schwerpunktmäßig auf die Industrienationen.

Eine fehlende oder ungenügende ESG-Datenbasis verhinderte in der Vergangenheit oft, dass sich nachhaltig orientierte Investoren in Schwellenländern umfassend engagierten. Zu groß war die Unsicherheit aus Anlegersicht, in Unternehmen und Staaten zu investieren, die nicht den gewünschten ESG-Standards entsprachen. Doch Datenbasis und -qualität verbessern sich kontinuierlich und stärken dadurch das Vertrauen von Investoren in die qualitativen – und mit Einschränkungen auch quantitativen – Ergebnisse einer Nachhaltigkeitsanalyse in den Schwellenländern.

Ebenfalls vertrauensbildend wirkt, dass nachhaltige Fonds und ESG-Indizes mit Schwerpunkt in den Schwellenländern zuletzt eine bessere Entwicklung aufwiesen als vergleichbare Standardindizes in dieser Region. Aus Gründen der einfachen Veranschaulichung zeigen wir dies nachfolgend durch einen Vergleich breit diversifizierter Aktienindizes – wohlwissend, dass Emerging Markets Aktienindizes im ESG-Bereich mit Vorsicht zu begutachten sind. Nichtsdestotrotz: Auf der Aktienseite weist der ESG-Leaders Index seit Mitte März 2019 bis zum 30. September 2020 einen deutlichen „Vorsprung“ gegenüber dem klassischen Aktienindex für Schwellenländerwerte auf: Er beläuft sich auf rund 680 Basispunkte (siehe Abbildung 1). Das Plus des ESG-Leaders Index betrug im genannten Zeitraum fast 15 Prozent. Im Vergleich dazu verzeichnete der „traditionelle“ Schwellenländer-Index „nur“ ein Plus von knapp 8 Prozent.

Performance Schwellenländer-Aktienindizes seit Auflage

Performance von EM Aktienindizes seit Auflage
Quelle: Bloomberg

Exkurs: Auch auf der Rentenseite scheint sich dieser Trend in den Schwellenländern zu bestätigen. In dieser Assetklasse entwickeln sich ESG-Indizes im gleichen Zeitraum ebenfalls relativ robust.

Natürlich weisen die betrachteten Indizes teilweise noch eine vergleichsweise kurze Historie auf, aber die bislang positive Performance – über den hier betrachteten Zeitraum hinweg – scheint das von ESG-Investments in Industrieländern bekannte Muster zu bestätigen. Der Anreiz auch Emerging Markets – stärker als bisher – unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten zu analysieren und geeignete Investitionschancen zu nutzen, ist da.

Datenqualität verbessert sich zwar….

Woran lag es genau, dass bislang viele Investoren zögerten, Schwellenländer als nachhaltige Anlageklasse und -region in Betracht zu ziehen? Zum einen an der mangelnden Transparenz der Unternehmen selbst. Zum anderen ist der Transformationsprozess, in dem sich schwächer entwickelte Länder in Bezug auf Nachhaltigkeitsstandards befinden, in einem sehr frühen Stadium. Aber: Höhere Offenlegungsanforderungen durch Regulatoren weltweit, gepaart mit zunehmendem Druck der Anleger, zeigen insbesondere im Umweltbereich bereits jetzt Wirkung - bei Unternehmen wie bei Staaten. Dem können – oder wollen – sich auch viele Schwellenländer nicht entziehen.

…ESG-Analysen für Schwellenländer weisen aber Besonderheiten auf

Zuletzt hat sich die Qualität der Daten und die Möglichkeit zur umfänglichen Beurteilung von nachhaltigen Investments in Schwellenländern verbessert. Analysen zeigen: Viele der aus entwickelten Ländern bekannten Muster finden sich wieder – aber auch einige Besonderheiten.

 

Ausschlüsse

Die Anwendung eines proprietären, einheitlich angewandten ESG-Filters für Schwellenländer und Industrienationen auf repräsentative Emerging und Developed Market Indizes und Fonds1 zeigt in Hinblick auf Anlageklassen grundsätzlich, dass

  • bei Aktien und Unternehmensanleihen keine großen Unterschiede in den Ausschlussquoten bestehen. Tendenziell kommt es in den Schwellenländern zu einer nur leicht höheren Anzahl an Ausschlüssen.
  • bei Staatsanleihen der Anteil ausgeschlossener Länder sehr stark von den jeweils zugrundeliegenden Kriterien abhängt. Diese können bei Industrie- und Entwicklungsländern unterschiedlich stark ins Gewicht fallen. So führt zum Beispiel eine stärkere Berücksichtigung von Rüstungsvorschriften, nationalen Nuklearprogrammen und kritischen Energiegewinnungsvorschriften tendenziell dazu, dass Anleihen von Industrienationen (eher) als Investment ausscheiden.

 

Die Hauptausschlussgründe in beiden Ländergruppen (Industrie- und Schwellenländer) sind:

  • Überdurchschnittlich hohe Geschäftsanteile in den Bereichen Kohle, Glücksspiel und Tabak.
  • Reputationsschäden von Unternehmen durch schwerwiegende Kontroversen.
  • Ein hohes Ausmaß an Korruption, sowie mangelnde Freiheitsrechte – dies gilt speziell in den Schwellenländern. Dort werden deshalb unter anderem Länder wie Ägypten, Katar, Türkei, Nigeria und Saudi-Arabien ausgeschlossen.
  • Ebenso kann die Anwendung der Todesstrafe zu einem Ausschluss führen.  Auf der Sektorenebene entfallen Ausschlüsse besonders auf folgende Bereiche:
  • Energie- und Versorgungsbetriebe (aufgrund von Kohlegeschäften und Umweltkontroversen) und Unternehmen aus dem Rohstoffbereich (wegen kontroverser Geschäftsfelder und -praktiken im Zusammenhang mit Umwelt- und Menschenrechten) sind in beiden Ländergruppen negativ betroffen.
  • Speziell in den Industrienationen werden auch Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich überdurchschnittlich oft ausgeschlossen.

 

Andere ESG-Strategien

Löst man sich von Ausschlussfiltern und analysiert zusätzlich ESG-Bewertungsniveaus – zum Beispiel im Rahmen von Best-in-Class-Ansätzen - bestehen einige größere Unterschiede zwischen den Ländergruppen:

  • Besonders bei den ESG-Einschätzungen für Staaten schneiden Schwellenländer deutlich schlechter als Industrieländer ab.
  • Vor allem die Beurteilungen von Unternehmen und Staaten in Bezug auf deren „Governance“ und teilweise auch deren Sozialstandards weisen in den Emerging Marktes deutlich niedrigere ESG-Werte auf. Ein Grund dafür könnte die noch immer fehlende – oder nicht umgesetzte – ESG-Regulatorik in vielen Ländern und Wirtschaftsbereichen sein.

Neben den Bereichen Versorger, Rohstoffe und Energie - die auch hohe Ausschlussquoten aufweisen - fällt auch die ESG-Score Bewertung des Real Estate Sektors in den Schwellenländern deutlich schlechter im Vergleich mit den Industrienationen aus. Undurchsichtige Vergabeprozesse für Bauvorhaben und eine weniger CO2-effiziente Bauweise sind oftmals Gründe für eine schlechtere Beurteilung.  

Fallstricke vermeiden!

Auch wenn die Auswertung von Nachhaltigkeitsratings und einzelnen ESG-Kennzahlen einen wichtigen ersten Schritt für ein erfolgreiches ESG-Investment in Schwellenländern darstellt, ist das „reine“ Vergleichen von Nachhaltigkeitsbewertungen nicht ausreichend. Statische Selektionsprozesse reichen für glaubwürdige Investitionsentscheidungen in diesen untereinander divergierenden und gleichzeitig hoch dynamischen Regionen nicht aus. Das Hinterfragen von Analyseergebnissen ist gerade bei der Beurteilung von Schwellenländerinvestments immens wichtig. So weist zum Beispiel die rein datengestützte Kontroversen-Bewertung – basierend auf der Berichterstattung zu Unternehmen und deren Fehlverhalten - in den Emerging Markets überwiegend einen höheren (also besseren) Wert als in den Industrienationen auf. Dies steht klar im Widerspruch zu einigen der zuvor gewonnenen Erkenntnisse. Eine mögliche Erklärung für den vergleichsweise hohen Kontroversen-Score ist die Folgende: In den Schwellenländern ist das Problembewusstsein und damit auch die Berichterstattung über Fehlverhalten von Unternehmen bislang deutlich weniger stark ausgeprägt – gerade auch bei kleineren Gesellschaften. Kritisch zu wertende Kontroversen kommen deshalb weniger oft „ans Licht“ und können nicht beurteilt werden. Aus diesem Grund kann die in den Industrienationen sehr hilfreiche Analyse und Berücksichtigung von Kontroversen-Ratings für Schwellenländer lediglich ein erster Indikator bei der Unternehmensbeurteilung sein. Ohne eine zusätzliche Plausibilitätsprüfung drohen nachhaltige Fehleinschätzungen.

Aktives Management erforderlich, um Chancen sinnvoll zu nutzen

In manchen Ländern sowie bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen gibt es nach wie vor Datenlücken. Trotzdem kann man resümieren: Investments in Schwellenländern sind auch unter Berücksichtigung von ESG-Gesichtspunkten möglich und aussichtsreich. Zwar unterscheiden sich Daten und Ergebnisse im Vergleich mit den Industrieländern noch in der Qualität und Abdeckungsbreite, doch beides verbessert sich relativ schnell und kontinuierlich.

Eine möglichst umfassende Datenbasis und etablierte Prozesse sind generell die Grundlage für Nachhaltigkeitsinvestments. Im Falle von ESG-Investments in den Emerging Markets sind allerdings zusätzlich ein besonders tiefes Verständnis der Daten und die Fähigkeit zu deren qualitativer Einordnung und Interpretation gefragt. Diese Expertise entsteht nur durch langjährige Erfahrung, transparente Prozesse und die enge Zusammenarbeit zwischen Research-Einheiten und den handelnden Portfoliomanagern.

Dies sind auch die Voraussetzungen, um erfolgreiches Engagement in den Schwellenländern zu betreiben. Der direkte Kontakt in die einzelnen Länder und zu ausgewählten Unternehmen - zum Beispiel in Form von persönlichen Gesprächen und Vor-Ort-Besuchen - ermöglicht es erst, ergänzende, hilfreiche Informationen für sinnvolle Investmententscheidungen zu erhalten. Durch die Interaktion mit ausgewählten Unternehmen gelingt es zusätzlich, frühzeitig Transformationsprozesse - hin zu mehr Nachhaltigkeit - zu erkennen und diese auch zu nutzen. Positive Beispiele für einen nachhaltigen Transformationsprozess sind unter anderem das chinesische Transportunternehmen Yutong Bus, das ein Vorreiter beim Einsatz von klimafreundlichen Elektrobussen ist. Oder: Die indonesische Bank Rakyat Indonesia unterstützt durch ihre breite Vergabe von Mikrokrediten kleine Mittelständler und fördert dadurch die wirtschaftlichen Chancen von ansonsten benachteiligten Gesellschaftsschichten. Ist allerdings der Engagement-Prozess mit Unternehmen nicht erfolgreich und ist keine „Besserung“ im Hinblick auf Geschäftspraktiken zu erkennen, kann es (wie im Falle der brasilianischen Vale) auch zu einem Ausstieg aus einzelnen Unternehmen kommen.

Die beschriebenen, notwendigen Strukturen, die ein glaubhaftes Portfoliomanagement in Schwellenländern unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten erst möglich machen, lassen auch einen aktiven Managementansatz gegenüber passiven Varianten bevorteilt erscheinen. Denn gerade in noch nicht (komplett) transparenten und effizienten Märkten, können ein „zweiter Blick“ und Erfahrung einen Mehrwert bei nachhaltigen Investmententscheidungen mit sich bringen – vor allem gegenüber statischen Selektionsmodellen wie zum Beispiel bei der Konstruktion von passiven Indexprodukten.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
2. Oktober 2020, soweit nicht anders angegeben.

Lesen Sie auch „Schwellenländer auf dem Prüfstand”