Atomwaffen

Aus gutem Grund ausgeschlossen

Die Publikumsfonds von Union Investment werden atomwaffenfrei

Kriegswaffen und Nuklearenergie stellen für viele nachhaltigkeitsorientierte Investoren klassische Ausschlusskriterien dar. Dieser Ansatz sollte erst recht bei Atomwaffen gelten. Doch dafür ist ein genauer Blick auf die Produktionsprozesse notwendig.

Am 6. August 1945 warfen die USA eine Atombombe über der japanischen Großstadt Hiroshima und drei
 Tage später eine weitere über Nagasaki ab – mit verheerenden Auswirkungen. Hunderttausende Menschen kamen auf der Stelle ums Leben oder starben an den Folgen. Die beiden Städte wurden völlig zerstört. Über 70 Jahre danach sind die Schrecken des Atombombenabwurfs dort noch sehr präsent.

Eine Kriegsführung mit Nuklearsprengköpfen ist ein großes ethisches Problem. Das gilt sowohl für das Ausmaß der unmittelbaren Zerstörung als auch für  die unkalkulierbaren Risiken für die Nachwelt. Genau wie bei Atomunfällen (Tschernobyl oder Fukushima) werden auch beim Einsatz von Atomwaffen ganze Landstriche kontaminiert, die dann auf Jahrzehnte hinaus unbewohnbar sind. Obwohl Atomwaffen zu den schlimmsten Massenvernichtungswaffen zählen, werden sie auf politischer Ebene von vielen Staaten als Abschreckungswaffen toleriert. Die Weiterverbreitung von Kernwaffen soll zwar durch den Atomwaffensperrvertrag von 1970 aufgehalten werden. Allerdings behalten die Atommächte sich weiterhin das Recht auf eigene Kernwaffen vor. Dies stellt einen Sonderfall in den völkerrechtlichen Verträgen dar und führt dazu, dass Atomwaffen im Gegensatz zu Landminen, Streubomben, Chemie- oder Biowaffen nach internationalen Konventionen nicht einmal zu den geächteten Waffen zählen.

Zwar ist in den rund 30 Jahren nach Ende des Kalten Krieges die Zahl der Atomsprengköpfe gesunken, aber zunehmend wird vor allem in die Modernisierung von Atomwaffen investiert. Zu diesem Ergebnis kommt  das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), das die Investitionen in die Modernisierung  der Arsenale detailliert auflistet. Die Risiken eines atomaren Schlagabtauschs sind wieder gestiegen.

Neue Atommächte rüsten auf, und alte Atommächte wie die USA stellen Abrüstungsverträge auf den Prüfstand. So wurde am 1. Februar 2019 der 1987 mit der damaligen Sowjetunion geschlossenen INF-Vertrag zum Abbau von nuklearen Mittelstreckensystemen in Europa gekündigt.

 

Weniger, aber nicht weniger gefährlich

Die Atommächte modernisieren ihre Arsenale
Weniger, aber nicht weniger gefährlich
Weniger, aber nicht weniger gefährlich


Steigendes Risiko: Immer mehr Staaten sind im Besitz von Atomwaffen

Als verantwortungsvoller Investor hat sich Union Investment klar gegen Nuklearwaffen positioniert. „Auf Empfehlung des ESG Committee und eines turnusmäßigen Prozesses, in dem wir Nachhaltigkeitsthemen und damit auch ethische Fragestellungen erörtern, haben wir uns im April 2018 dazu entschieden, Atomwaffenproduzenten und Unternehmen, die an der Wartung von entsprechenden Systemen beteiligt sind, aus allen Publikumsfonds auszuschließen“, erläutert Janne Werning, Koordinator des ESG Committee und ESG-Analyst bei Union Investment.

Mit dieser Entscheidung sind die Weichen gestellt, damit sämtliche Publikumsfonds von Union Investment sukzessive atomwaffenfrei werden. Ausgeschlossen werden insbesondere Unternehmen, die an der Produktion von Trägerraketen, nuklearen Sprengköpfen und spezifischen Komponenten beteiligt sind. Ein Zukaufverbot für diese Unternehmen trat sofort in Kraft. „Die Bestände in den Fonds selbst werden seitdem sukzessive bis Ende 2019 abgebaut“, so Janne Werning.

Im Zuge des Atomwaffenausschlusses hat das Nachhaltigkeitsteam von Union Investment mit den betreffenden Unternehmen eine Diskussion über Nuklearwaffen angestoßen. Ziel der Engagement Aktivitäten ist es, auf die Konzerne dahingehend einzuwirken, dass sie die Beteiligung an der Atomwaffenproduktion einstellen oder zumindest entsprechende Geschäftseinheiten abspalten.

Bei den Unternehmen handelt es sich um private Firmen, die für die Atomwaffenprogramme der USA, von Großbritannien und Frankreich arbeiten, unter anderem zählen dazu Airbus, Northrop Grumman und Safran. „Wir halten es zwar für unwahrscheinlich, dass die Konzerne deutliche Veränderungen vornehmen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Unternehmen von den staatlichen Aufträgen für Waffensysteme ist einfach zu groß“, erklärt Janne Werning. „Langfristig besteht aber die Chance auf Spin-offs, also die Abspaltung des militärischen vom zivilen Geschäft.“ Neben dem Abbau der Anteile gilt es aus Nachhaltigkeitssicht nun, mit den Konzernen kontinuierlich in Kontakt zu bleiben und ein deutliches Signal gegen Massenvernichtungswaffen zu senden.

Stephanie Blenckner

Im Gespräch mit Stephanie Blenckner, Communications Director, Stockholm International Peace Research Institute

Union Investment fragt nach

Das SIPRI sammelt Daten über den Stand der atomaren Rüstung weltweit. Wo sehen Sie besonderen Grund zur Sorge?

In unseren Daten sehen wir zwei deutliche globale Trends: Positiv ist, dass auf der einen Seite die Anzahl der nuklearen Sprengköpfe weltweit weiter zurückgeht. Unsere neuesten Zahlen schreiben neun Staaten den Besitz von schätzungsweise 14.465 Atomwaffen zu. Das sind zwar noch sehr viele, aber im Vergleich zu Beständen von 60.000 zu Beginn der 1990er Jahre ist das ein deutlicher Rückgang. Was jedoch Sorge bereitet, ist, dass die atomaren Arsenale gleichzeitig umfassend modernisiert werden. Atomwaffen scheinen ihre Bedeutung als Mittel zur Abschreckung auf unbestimmte Zeit zurückgewonnen zu haben.

Warum ist es für Investoren wichtig, möglichst nicht direkt oder indirekt in Atomwaffen investiert zu sein?

Unser Institut stellt fest, dass sich die öffentliche Meinung weltweit wieder deutlicher positioniert, Atomwaffen sind wieder im Gespräch und sie bleiben  in der öffentlichen Wahrnehmung unbeliebt und bedrohlich. Aufgrund der jüngsten Ereignisse in Nordkorea und im Iran sind sich die Menschen der zunehmenden nuklearen Risiken wieder sehr bewusst geworden. Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges wird wieder eine reale Gefahr eines Atomkonflikts wahrgenommen. Eine solche Entwicklung möchten Investoren kaum unterstützen.

Wie reagieren Politiker und Investoren auf Ihre Warnungen?

Die Aufgabe des SIPRI ist es, die Fakten auf den Tisch zu legen, wir sprechen  in dem Sinne keine ausdrücklichen Warnungen aus. Jedoch sprechen in Bezug auf die Atomwaffen unsere Zahlen und die momentanen Entwicklungen weltweit für sich. Der kürzlich von den USA aufgekündigte INF-Vertrag über landbasierte nukleare Mittelstreckensysteme ist nur ein weiteres Glied in der Kette einer bröselnden Infrastruktur für atomare Abrüstung, für die momentan der Wille zu fehlen scheint. Die Macht von Investoren, wegweisende Signale zu setzen, sollte in diesem Zusammenhang durchaus nicht unterschätzt werden.

 

#Stockholm International Peace Research Institute

Kurz SIPRI, wurde 1966 in Form einer Stiftung durch die schwedische Regierung gegründet. Bekannt ist das Institut für seine jährlichen Berichte zu internationalen Rüstungsausgaben. Die SIPRI-Untersuchungen zur Rüstungsstärke waren eine von allen beteiligten Staaten anerkannte Zahlengrundlage für die Abrüstungsverhandlungen zwischen Ost und West..

 

Das Vorgehen ist anspruchsvoll

Aus gutem Grund schließt Union Investment Kapitalanlagen in Unternehmen, die völkerrechtlich geächtete Waffen wie Streubomben, Landminen, biologische oder chemische Waffen herstellen, kategorisch aus. Darüber hinaus werden auch Investments in Unternehmen mit Schlüsselpositionen bei der Produktion von Atomwaffen aus ethischen Gründen als höchst fragwürdig eingestuft. Wie bei den völkerrechtlich geächteten Waffen weist auch die Nuklearwaffenproduktion ein hohes Reputationsrisiko auf. Die Herausforderung beim Atomwaffen-Ausschluss ist jedoch, die genauen Produktions- und Wertschöpfungsketten dieser komplexen Technologie zu verstehen. Nuklearwaffen bestehen nicht nur aus atomaren Sprengköpfen, sondern aus einer Vielzahl Einzelbauteilen wie Trägersystemen, Elektronik oder Sensoren. Schwierig ist es in diesem Zusammenhang, die betreffenden Unternehmen zu identifizieren. Oft liefern auch zivile Firmen aus der Luft- und Raumfahrt sowie aus der Technologiebranche Teile, die im zivilen Bereich, aber auch in der Atomwaffenproduktion Verwendung finden. Ferner gibt es viele Unternehmen, die in kleinerem Maße oder indirekt involviert sind, etwa durch die Produktion von Kleinteilen für die Montage oder Wartung von Atomwaffensystemen. Während der zivile  Bereich unter ESG- Aspekten unbedenklich ist, möchten wir als nachhaltiger Asset Manager auf den militärischen Bereich der beteiligten Unternehmen im Sinne unserer Anleger einwirken.

Janne Werning

Janne Werning

ESG-Analyst bei Union Investment
 

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