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Der Haken mit den Aquakulturen

Fischzucht im Nachhaltigkeitscheck

Lange galten die Fischbestände der Weltmeere als unerschöpfliche Ressource. Doch seit hochmoderne Fangflotten die Ozeane überfischen, schrumpfen die Bestände dramatisch, Fischzuchten könnten eine Alternative sein, doch auch sie sind nicht unproblematisch.

Die Weltbevölkerung wächst. Leben heute rund 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde, könnten es 2025 schon neun Milliarden sein. Und alle müssen ernährt werden. Fisch bildet dafür eine wichtige Grundlage. Doch nicht nur die Bevölkerung wächst, denn mit dem Wohlstand ist auch der Konsum gewachsen. So ist seit 1980 der Pro-Kopf-Fisch-Konsum von 15 Kilogramm auf 23 Kilogramm im Jahr 2016 angewachsen. Der Hochsee- und Flussfischfang stößt dabei schon jetzt an Grenzen. Viele Arten sind überfischt. Die Zucht in Aquakulturen könnte Abhilfe schaffen und die Nachfragelücke schließen. Sie trägt dazu bei, den Welthunger zu stillen und den Reichtum der Weltmeere zu erhalten. Seit im alten China die Fischzucht vor rund 3.000 Jahren in künstlich angelegten Teichen kultiviert wurde, hat sich viel verändert. Die Branche der Aquakulturen ist einer der am schnellsten wachsenden Sektoren der Lebensmittelproduktion. Fast jeder zweite Speisefisch wächst inzwischen in einer Aquakultur auf. Und so stammen rund 50 Millionen Tonnen gezüchteter Fisch und Meeresfrüchte pro Jahr weltweit aus kontrollierter Aufzucht. Doch die Aquakulturen bergen auch Risiken für Umwelt, Tier, Mensch und Ökosystem.


Immer mehr Speisefisch stammt aus Aquakulturen

Vor allem China setzt auf Fischfarmen
Immer mehr Speisefisch stammt aus Aquakulturen

Massentierhaltung unter Wasser

Das Gros der Fische in Aquakulturen wird in sogenannten offenen Systemen gehalten. Das heißt, die Anlagen stehen mit der natürlichen Umgebung in direkter Verbindung. Meist sind es schwimmende Netzgehege an Küstenregionen. Dadurch gelangen oft Antibiotika, Chemikalien, Nahrungsreste und Fischkot ins Meer und schädigen das Ökosystem. Absinkendes Futter und Fäkalien verschmutzen zudem den Meeresboden unterhalb der Gehege. Außerdem müssen paradoxerweise die Farmen kleineren Wildfisch fangen, der an die Zuchtfische verfüttert wird. Für die Zuchtfische ist eine Massenhaltung auf engem Raum wenig artgerecht und schadet dem Tierwohl. Aber nicht nur das: Durch die Haltung vieler Tiere auf engem Raum können sich Krankheiten schnell verbreiten. Und dies hat wiederum Rückwirkung auf die Konsumenten, denn die Antibiotika, die die Fische zur Krankheitsabwehr verabreicht bekommen, gelangen in die Mahlzeit. Dies kann zu antibiotikaresistenten Erkrankungen beim Menschen führen. Aber auch die biologische Vielfalt wird durch Aquakulturen gefährdet. Denn in den Aquakulturen werden Fische gezüchtet, die sehr robust sind und sich gut gegen Umwelteinflüsse behaupten können. Sollten diese speziellen Zuchtfische in das Ökosystem gelangen, könnten sie das ökologische Gleichgewicht durcheinanderbringen. Diese robusten Fischarten würden dann wiederum andere Wildfische bedrohen.


Der Einsatz von Antibiotika in der Lachszucht

Chile und Norwegen im Vergleich
Der Einsatz von Antibiotika in der Lachszucht

Shrimpsfarmen schaden oft schon bei der Errichtung

Ein besonders drastisches Beispiel für wenig nachhaltige Aufzucht von Meerestieren sind die Shrimpfarmen. Oft liegen sie in tropischen Gebieten wie in Afrika, Südamerika und Asien. Sie benötigen flache Gewässer für die Aufzucht, und so werden sie oft an Stellen errichtet, wo ökologisch wertvolle und bedrohte Mangrovenwälder stehen. Laut dem World Wide Fund (WWF) wurden alleine auf den Philippinen für die Errichtung von Shrimpzuchten zwei Drittel der Mangrovenwälder abgeholzt. Weltweit sind nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO seit 1980 rund 3,6 Millionen Hektar Mangrovenwälder verloren gegangen. Oft waren Shrimpzuchten dafür der Grund.

Lachsfarm in Norwegen
Lachsfarm auf den zu Norwegen gehörenden Lofoten.

#Lachszucht in Norwegen

Mit circa 20 Prozent Marktanteil ist der Lachs der beliebteste Speisefisch in Deutschland und stammt zu 90 Prozent aus den großen Lachsfarmen in Norwegen.

In über 2.000 Lachsfarmen werden dort rund 400 Millionen Lachse in Netzgehegen gezüchtet.

Besuch auf einer Fischfarm in Norwegen

Duy Ton, Portfoliomanager im Team Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment, hat im Juni 2017 eine Fischfarm von Marine Harvest (MHG) im norwegischen Kjeahola bei Stavanger besucht. „Das Nahrungsmittelunternehmen Marine Harvest ist in Sachen nachhaltiger Fischzucht auf einem guten Weg“, sagt Duy Ton nach dem Besuch. Das norwegische Unternehmen ist der größte Zuchtlachskonzern der Welt und ist unter anderem in Norwegen, Schottland, Chile, Kanada und Japan tätig.

„Wir beschäftigen uns bereits seit knapp zehn Jahren mit dem Unternehmen“, berichtet Duy Ton. Und mit Blick auf diese Dekade sieht der Portfoliomanager wesentliche Verbesserungen. So etwa, dass der Konzern den Einsatz von Antibiotika inzwischen weitestgehend eingestellt hat. In den Farmen in Norwegen verwendet MHG gar keine Antibiotika mehr. Auch in Sachen Futter hat das Unternehmen die Effizienz gesteigert: Die Firma braucht für ein Kilogramm Fischfleisch 1,13 Kilogramm Futter. Dabei nutzen sie mehr und mehr alternative Futterarten. Dem Wildfisch werden also Algen und andere Proteine zugesetzt, sodass mittlerweile nur noch 0,77 Kilogramm Wildfisch für ein Kilogramm Lachs verwendet werden muss. „Vor ein paar Jahren lag dieser Wert noch deutlich höher“, erinnert sich Duy Ton. Rund 75 Prozent ihres Futterverbrauchs stellt die Firma selbst her. Außerdem verwendet MHG Frischwasser aus den Bergen, das das Unternehmen nach der Nutzung recycelt ins offene Meer leitet.

„Wir begrüßen diese Fortschritte. Dennoch gibt es auch noch einige Herausforderungen, die wir immer wieder ansprechen“, fasst der Portfoliomanager zusammen. So werden in der Futterherstellung Chemikalien eingesetzt, um es länger haltbar zu machen. Das ist in der Produktion zwar praktisch, aber nicht gut für die Umwelt und für die Gesundheit. „MHG sollte den Anteil an Biofischen an der Gesamtzucht deutlich steigern, nicht zuletzt weil es auch die Abnehmer fordern“, sagt der Nachhaltigkeitsexperte. Während die Fischfarmen in Norwegen schon ziemlich nachhaltig sind, gibt es bei den MHG-Aquakulturen in Chile einiges zu bemängeln: Dort werden nach wie vor Antibiotika eingesetzt. Zugegeben, das rührt auch daher, dass sich in Chile in Küstennähe Farm an Farm reiht. „Solange der Nachbarzüchter die Mittel einsetzt, kann MHG hier nicht viel erreichen“, räumt Duy Ton ein. „Trotzdem drängen wir darauf. Außerdem sollte das Fischfutter noch nachhaltiger werden und MHG intensiver nach Alternativen forschen.“

Dr. Philipp Kanstinger

Im Gespräch mit Dr. Philipp Kanstinger, Referent Seafood Zertifizierungen, WWF Deutschland

Union Investment fragt nach

Herr Dr. Kanstinger, warum sollten Investoren bei Fischzuchten auf Nachhaltigkeitsaspekte achten?

Fischzuchten, die auf Nachhaltigkeitsaspekte achten und sich dahin weiterentwickeln, haben drei starke Wettbewerbsvorteile: zunächst ein sinkender Ressourcenverbrauch und Kostenersparnis durch den reduzierten Einsatz von Fischmehl und Kraftstoff bei neuen Fütterungsautomaten. Abgesehen von sogenannten Kreislaufanlagen, die weniger als drei Prozent der Weltproduktion ausmachen, sind alle Fischzuchten auf die Ökosystemdienstleistungen ihrer näheren Umgebung angewiesen (z. B. sauberes Wasser, Pufferkapazität des Wasserkörpers etc.). Langfristig können nur Betriebe Erfolg haben, die ihr Ökosystem erhalten und nicht durch Abwässer, Überdüngung oder Entwaldung ihren Standort schädigen. Schließlich haben sich in nahezu allen Produktionsländern die Umweltauflagen in Bezug auf Fischzuchten verschärft. Nur Firmen, die sich mit diesem Thema bereits auseinandersetzen und Erfahrungen sammeln, haben auch in Zukunft ihre Lizenz sicher.

Der WWF hat die Entstehung des Aquaculture Stewardship Council (ASC) mit angeschoben, das seit 2010 ein Umweltsiegel für konventionelle Fischzucht ist. Wie viele Unternehmen der Branche sind damit bereits zertifiziert?

Der WWF ist einer von vielen Stakeholdern beim ASC. Inzwischen sind weltweit 577 Fischfarmen ASC-zertifiziert. Das entspricht etwa sechs Prozent der gesamten Aquakulturproduktion.

Welche Schritte plant der WWF, damit sich noch mehr Unternehmen zertifizieren lassen?

Der WWF unterstützt an drei Punkten die ASC-Zertifizierung: Zum einen unterstützen wir mehrere Pilotprojekte mit Kleinbauern in Schwellenländern. Ferner haben wir für die Qualitätssicherung Standards im Rahmen der zyklischen Standard-Reviews entwickelt. Und zuletzt sind wir aktiv in der Verbraucher- und Händlerberatung. Alle drei Ansätze helfen, der ASC-Zertifizierung weitere Impulse zu geben.

#Internationales WWF-Zentrum für Meeresschutz

Mit dem Internationalen WWF-Zentrum für Meeresschutz in Hamburg will der WWF Deutschland dazu beitragen, dass mindestens zehn Prozent der Ozeane dauerhaft durch Schutzgebiete gesichert werden und der industriellen Überfischung der Ozeane Einhalt geboten wird.


„Die Firmen müssen es richtig machen“

Um eine wachsende Weltbevölkerung mit Fisch zu ernähren und gleichzeitig die Überfischung der Meere zu reduzieren, stellen Aufzuchtanlagen eine kaum zu ersetzende Alternative dar. Längst geht es nicht mehr ohne. Doch die Firmen müssen es richtig machen. Es gibt viele Stellschrauben, an denen sie drehen können, um ihr Geschäft nachhaltiger aufzustellen – und somit einen Beitrag für alle zu leisten.

Ein Beispiel, dass es funktionieren kann und man mit nachhaltig gezüchtetem Fisch und Meeresfrüchten wettbewerbsfähig sein kann, sind viele Aquakulturen in Norwegen. Dort herrschen strenge Umweltauflagen. Über ein Ampelsystem, das die norwegischen Behörden eingeführt haben, werden die Umweltbelastungen signalisiert und die genehmigten Kapazitäten gesteuert. Rot bedeutet, die Umwelt ist bedroht und es müssen Kapazitäten abgebaut werden. Orange ist neutral, und Grün wird vergeben, wenn alles in Ordnung ist. Dann darf mehr produziert werden. Global tätige Firmen wie etwa MHG sollten außerdem die Erkenntnisse aus Norwegen nutzen und darauf hinwirken, dass die Fischzucht auch in anderen Ländern nachhaltiger gestaltet wird.

Duy Ton
Duy Ton

Portfoliomanager im Team Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment

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