ESG-Strategien: Robust in der Krise

ESG-Strategien: Robust in der Corona-Krise

Nachhaltig wirtschaftende Unternehmen sind krisenfester als der Durchschnitt. Diese These klingt nicht nur auf den ersten Blick einleuchtend, sie wurde auch schon mehrfach mit Zahlen untermauert. Doch: Welche Erklärungsansätze gibt es dafür? Und: Finden sich Indizien, dass dies auch für die Corona-Krise gilt? Ein Überblick.

Bereits in früheren Abschwungphasen konnte exemplarisch gezeigt werden, dass sich Aktien nachhaltig agierender Unternehmen besser als der breite Markt entwickeln. Schon rein intuitiv lassen sich verschiedene Gründe für eine größere Widerstandsfähigkeit jener Firmen finden. Unternehmen, die sich in Bezug auf die Dimensionen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (oder auf Englisch: Environmental, Social, Governance, kurz: ESG) besonders hervortun, können mehr als „nur“ Geld zu verdienen. Genau das macht ihr Geschäftsmodell – gerade in Krisenzeiten – noch robuster.

Zu allererst kommen einem da – positive wie negative – Beispiele aus bestimmten Branchen in den Sinn. So sind etwa große Energieunternehmen häufig stark vom (globalen) Konjunkturzyklus abhängig. In Rezessionen bricht die Nachfrage nach ihren Gütern kräftig ein – in der Corona-Krise besonders abrupt. Folge: Der Aktienkurs leidet bei solchen „Zyklikern“ überproportional. Wie wirkt das im Bereich nachhaltiger Investments? Die betroffenen Unternehmen haben nicht per se einen schlechten ESG-Score, sie können unter sozialen Gesichtspunkten und Aspekten der Unternehmensführung gut aufgestellt sein. Sie haben aber, zumindest im Sektorvergleich, häufig eine Herausforderung bei den Emissionen, vor allem wenn sie energieintensiv produzieren und dabei eben auf fossile Energieträger setzen. Deshalb sind viele (wenn auch nicht alle) nachhaltig investierenden Strategien eher seltener bei den ganz großen Konzernen aus diesem Sektor engagiert. Eine ESG-orientierte Branchenauswahl kann allein aus diesem Grund in zyklischen Krisen schon einiges an Widerstandskraft für das Portfolio bieten.

Aber auch innerhalb der Unternehmensorganisation und -kultur gibt es Eigenschaften, die krisenfest machen und gleichzeitig verstärkt bei nachhaltigen Firmen zu finden sind. Ein Beispiel: Flexibilität. In der Rezession kann es überlebenswichtig sein, dass ein Unternehmen sein Geschäftsmodell schnell und flexibel an teils dramatisch veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann. Mit Blick auf die ESG-Faktoren kommt hier insbesondere der Punkt „Soziales“ ins Spiel. Denn ein Konzern, der sich etwa über eine – gerade in Krisenzeiten – möglichst gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, um die Mitarbeitermotivation und eine gute Unternehmenskultur sorgt, kann im Krisenfall auf motiviertere, leistungsfähigere und mitunter eben auch flexiblere Mitarbeiter zurückgreifen. So lässt sich möglicherweise eine Umstellung der Produktion auf neue, in der Krise stärker benötigte Güter schneller umsetzen.

Auch aus Managementperspektive finden sich hier Ansatzpunkte: Ein durchsetzungsstarkes, dabei aber gleichzeitig an der Erreichung langfristiger Ziele orientiertes Führungsteam nutzt die größere Flexibilität des Geschäftsmodelles konsequenter. Es ermöglicht damit nicht nur, den Gewinnausfall in der Krise so gering wie möglich zu halten. Über die Weiterbeschäftigung seiner passend ausgebildeten Arbeitskräfte erhält es sich außerdem das Potenzial, vom folgenden Aufschwung besonders stark zu profitieren. Denn: Kurzarbeit (als Alternative zu Entlassungen), Weiterbildung und auch Wartungstätigkeiten halten nicht nur wertvolle Mitarbeiter an Bord. Sie sichern zudem das schnelle Hochfahren der Produktion mit hoher Produktqualität und Lieferfähigkeit nach der Krise. Als Nebeneffekt des „People before Business“-Gedankens ergibt sich ein Imagegewinn. Dieser hebt das Unternehmen in Krisenzeiten und auch in der Folge positiv von eben jenen Konzernen ab, die sich durch kurzfristig, rein gewinnorientiertes und in Teilen unsoziales Verhalten hervorgetan haben.

ESG performt in der Corona-Krise

Aber lassen sich diese „gefühlten“, eher weichen Faktoren auch wirklich in Aktienperformance messen? Also: Sind ESG-Ansätze in der Corona-Krise tatsächlich resilienter? Wohlwissend, dass es noch zu früh ist, die Robustheit der Strategien vollends zu beurteilen, haben Spezialisten von Union Investment die Performance eines ESG-Aktienkorbs in den vergangenen Monaten genauer unter die Lupe genommen.

Als Anlageuniversum wurde dabei zunächst der MSCI World festgelegt. Mit seinen 1.640 Titeln aus 23 Industrieländern und einer breiten Sektorenzusammensetzung bildet er nicht nur einen verlässlichen Indikator für den globalen Aktienmarkt. Diese Eigenschaften sind ebenfalls entscheidend, um – mit Blick auf den kurzen Analysezeitraum – quantitativ detaillierte und gleichzeitig robuste Ergebnisse zu erhalten, etwa für die einzelnen ESG-Kategorien.

Im nächsten Schritt wurden deshalb alle Unternehmen aus dem MSCI World sektorweise nach ihrem ESG-Score sortiert. Im Rahmen einer stark vereinfachten Investmentstrategie wurde angenommen, die Aktien der besten 20 Prozent der so sortierten Unternehmen zu „kaufen“ („long“). Gleichzeitig wurden die am schlechtesten bewerteten 20 Prozent der Titel „verkauft“ („short“). Das zusammengestellte Portfolio profitiert somit, wenn die „gekauften“ Aktien steigen und/oder die „verkauften“ Titel fallen.

Der gewählte Long/Short-Ansatz mag auf den ersten Blick nicht der einfachste sein. Er liefert aber – auch unter Berücksichtigung der eingeschränkten Datenlage – die robusteste Antwort auf die Fragen nach der Performance von ESG-Strategien und der Selektionskraft der ESG-Scores in der Corona-Krise. Im Gegensatz zum weniger komplexen, reinen Vergleich zweier Aktienindizes oder Portfolien können so Nebeneffekte reduziert werden, die etwa aus der Portfoliokonstruktion resultieren und nicht zwingend ein Indiz für die positive Wirkung eines Nachhaltigkeitsansatzes sind. Innerhalb der Sektoren werden Long- und Shortseite jeweils gleichgewichtet. Zudem sind im Gesamtportfolio alle Branchen mit demselben Gewicht vertreten. Risiken mit Blick auf die Sektor-Allokation werden damit minimiert.

Aus der Reihung nach ESG-Scores ergeben sich Besonderheiten, die bei der Performance-Bewertung im Auge behalten werden müssen: Da europäische Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit im Durchschnitt weiter sind als ihre Pendants aus den USA oder Japan, ergibt sich für die 20 Prozent besten ESG-Werte durch Europa-Aktien ein Regionen-Übergewicht. Ähnlich sieht es bei den Investmentstilen aus. Momentum-Aktien – also jene Titel, die bereits in der jüngeren Vergangenheit gut gelaufen sind – werden ebenso wie Wachstumstitel bei ESG-Strategien eher gekauft. Jene Aktien etwa aus den Branchen Energie, Banken oder Autos, die – ausgehend von ihrem inneren Wert – eher unterbewertet scheinen („Value“), sind vermehrt auf der „Verkauf-Seite“ zu finden.

Blickt man nun zuerst auf die einzelnen Komponenten des ESG-Portfolios fällt auf: Während die nach Nachhaltigkeitsgesichtspunkten schwächer bewerteten Titel in der Seitwärtsbewegung der Märkte zu Jahresbeginn noch gleichauf mit den Top-ESG-Werten lagen, verloren sie im Abschwung ab Ende Februar deutlich. Über fünf Prozentpunkte betrug zeitweise der Vorsprung der Nachhaltigkeitsvorreiter (siehe Abbildung 1). Obwohl natürlich auch die Top-ESG-Aktien in der Krise Federn lassen mussten, ließ sich der Abschwung mit einem reinen Fokus auf eben jene Titel zumindest abfedern.

Abbildung 1: Indexierte Wertentwicklung der einzelnen Komponenten des ESG-Portfolios

Abbildung 1: Indexierte Wertentwicklung der einzelnen Komponenten des ESG-Portfolios
Quelle: Bloomberg, Betrachtungszeitraum: 30.12.2019 bis 30.04.2020

Das kombinierte Long/Short-Portfolio (siehe Abbildung 2) profitiert von der gezeigten Bewegung gleich doppelt. Zum einen, weil eben die Top-ESG-Titel weniger verlieren als ihre schwächeren Pendants. Zum anderen, weil die fallenden Kurse der Nachhaltigkeitsverlierer auf der Short-Seite ebenfalls Performance liefern. Damit zeigt sich: Eine intelligent konstruierte ESG-Strategie hätte selbst in der besonderes schwierigen ersten Phase der Corona-Krise die Chance auf positive Erträge geboten.

Abbildung 2: Indexierte Wertentwicklung des ESG-Long/Short-Portfolios

Abbildung 2: Indexierte Wertentwicklung des ESG-Long/Short-Portfolios
Quelle: Bloomberg, Betrachtungszeitraum: 30.12.2019 bis 30.04.2020

Die Gründe für diese Beobachtung sind vielfältig, drei stechen aber heraus: Zum einen bestimmt über den gesamten Betrachtungszeitraum vom Jahresanfang bis Ende April die unterliegende Marktentwicklung den Verlauf des ESG-Portfolios – aber eben mit mehrheitlich umgedrehten Vorzeichen. Zum anderen hat das ESG-Portfolio, insbesondere bis Mitte März, stark vom Einbruch der Rohölnotierungen profitiert. Exploration und Förderung, vor allem auch des in den USA verstärkt genutzten Schieferöls, sind mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden. Die entsprechenden Unternehmen finden sich demnach auf der „Verkauf-Seite“ des ESG-Portfolios. Da die Aktienkurse der Firmen im Zuge der krisenbedingt stark sinkenden Öl-Nachfrage bei gleichzeitig wachsendem Angebot (die OPEC-Länder und ihre Verbündeten konnten sich zunächst nicht auf eine Förderbeschränkung einigen) extrem unter Druck kamen, gewann das ESG-Portfolio überproportional. Weitere Unterstützung erhielten nachhaltige Anlagen schließlich durch – trotz aller Widrigkeiten – wachsende Mittelzuflüsse, die im ersten Quartal 2020 höher waren als bei klassischen Aktien-Investments.

Nimmt man die zuvor beschriebenen Risikofaktoren genauer unter die Lupe, zeigt sich, dass dem ESG-Portfolio vor allem seine „Verkauf-Position“ in Value-Titeln zugutekam. Unternehmen, die – ausgehend von ihrem inneren Wert – bereits vorher unterbewertet waren, haben im Abschwung weiter überproportional verloren. Regional betrachtet hat das stärkere Engagement des Portfolios in Europa gegenüber den USA und Japan hingegen vor allem im März Performance gekostet.

Besonders interessant ist aber, dass ab der zweiten Abwärtsphase des Marktes, die durch den „Lockdown“ in Europa ab Mitte März initiiert wurde, der Selektionseffekt den Ergebnisbeitrag dominiert. Hier profitiert das ESG-Portfolio also klar von der auf den Nachhaltigkeitskriterien basierenden Aktienauswahl. Zwar ist der Analysezeitraum (noch) sehr kurz. Dennoch könnte sich hier – losgelöst von allen externen Markt-, Faktor- und Regionen-Einflüssen – die Stärke von ESG-Unternehmen in der Corona-Krise zeigen.

Um die eingangs aufgezählten Argumente für die Robustheit von ESG-Unternehmen näher zu ergründen, wurden die Einflüsse der Bereiche Umwelt (E), Soziales (S), Unternehmensführung (G) sowie zusätzlich Kontroversen (C) auch getrennt untersucht (siehe Abbildung 3). Ausgeklammert wurde hingegen zunächst die Bewertung des nachhaltigen Geschäftsfeldes als fünfte Dimension des UniESG Score. Dabei zeigt sich, dass Aktien von Firmen mit einem hohen Social Score im März eine besonders gute Performance aufweisen. Eine Interpretation könnte wie einleitend erläutert sein, dass sich Unternehmen mit zufriedeneren Mitarbeitern schneller und besser an die massiven Eindämmungsmaßnahmen anpassen konnten. Und möglicherweise setzt sich dieser Faktor auch mit Blick auf die Wertschöpfungsketten fort. Eine gute und faire Beziehung zu Vorproduzenten und Lieferanten könnte sich auch auf deren Motivation und damit auf die Widerstandskraft aller beteiligten Unternehmen positiv auswirken.

Die Betrachtung des Environmental Scores zeigt im untersuchten Zeitraum hingegen gemischte Ergebnisse. Während die hier vertretenen Unternehmen zunächst konstant positive Performancebeiträge geliefert haben – was vorübergehend darauf hindeutete, dass die Themen Umwelt und Klima durch das Krisengeschehen eben nicht in den Hintergrund rückten – kehrt sich diese Entwicklung im April um. Ähnlich volatil zeigt sich der Verlauf des Governance Scores, dessen Performancebeitrag ab Anfang März zunächst stark einbricht, um sich dann im April wieder deutlich zu erholen. Hier zeigt sich auch der Einfluss der Regionen-Allokation: Verantwortlich für die Bewegung ist unter anderem das Untergewicht bei japanischen Unternehmen, die eben einen tendenziell schwächeren Governance-Score aufweisen. Die größten Performancebeiträge über den gesamten Zeitraum liefert der Kontroversen-Score. Auch diese Beziehung scheint intuitiv einleuchtend: Unternehmen, die in keine oder wenige Kontroversen verwickelt sind, performen in einer Phase größter Unsicherheit besser, als jene die zusätzlich noch durch fragwürdige Geschäftspraktiken negativ auffallen. Die Entwicklung der Performancebeiträge der Subscores werden in den kommenden Wochen weiter untersucht.

Abbildung 3: Performancebeiträge der ESG-Subscores

Abbildung 3: Performancebeiträge der ESG-Subscores
Quelle: Bloomberg, Betrachtungszeitraum: 30.12.2019 bis 30.04.2020

Fazit

Auch wenn der Untersuchungszeitraum (noch) kurz und die Beweisführung sicherlich nicht abgeschlossen ist, lässt sich dennoch festhalten: ESG-Strategien entwickeln sich in der aktuellen Krise robuster als der Gesamtmarkt. Das strikt nach vergleichsweise einfachen Nachhaltigkeitskriterien aufgebaute Portfolio konnte nicht nur die immensen Verluste an den Weltbörsen abfedern, sondern verzeichnete seit Jahresbeginn – auch aufgrund seiner „Verkauf-Seite“ – sogar eine positive Gesamtperformance. Die Gründe dafür sind vielfältig und nicht ausschließlich auf Nachhaltigkeitsfaktoren zurückzuführen. Dennoch spricht vieles dafür, dass eben jene Unternehmen, die unter ESG-Gesichtspunkten besonders nachhaltig wirtschaften, in der aktuellen Krise einen Sicherheitspuffer für das Depot bieten können. Nachdem, vor allem ab der zweiten Märzhälfte, die Titelauswahl größere Bedeutung für die Performance bekommen hat, spricht dies auch für einen aktiven ESG-Investmentansatz.

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
15. Mai 2020, soweit nicht anders angegeben.