Woche der Notenbanken:
Auf den zweiten Blick überraschend

Es war die Woche der Notenbanken: Mit der Bank of Japan (31.07.), der US-Federal Reserve (01.08.) und der Bank of England (02.08.) haben gleich drei der wichtigsten Notenbanken in der zurückliegenden Handelswoche ein Update zu ihrem weiteren geldpolitischen Kurs gegeben.

Geldpolitik in Japan bleibt vorerst expansiv

Die Bank of Japan (BoJ) hat auf ihrer Sitzung am 31.07.den Leitzins unangetastet beibehalten und gleichzeitig ihren ultralockeren geldpolitischen Kurs bestätigt. Die Anleihekäufe können künftig aber etwas flexibler gestaltet werden. Zwar liegt der Zielzins für zehnjährige JGBs im Rahmen der „Yield-Curve-Control“ weiterhin bei null Prozent, allerdings darf sich die Verzinsung fortan in einer größeren Bandbreite um die Zielmarke bewegen, sofern es der Fall erfordert („upward and downward to some extent mainly depending on developments in economic activity and prices”). Das heißt: Die Zinsen können künftig je nach wirtschaftlicher Lage und Preisentwicklung bis zu einem gewissen Grad nach oben oder unten abweichen. Zudem werden die Währungshüter künftig verstärkt Hinweise auf wichtige Indikatoren bei der Bewertung von Zinsraten geben – eine Art „Forward Guidance“ wie bei den anderen großen Notenbanken.

Rendite zehnjähriger JGBs (in Prozent)
Rendite zehnjähriger JGBs (in Prozent)
Quelle: Union Investment, Thomson Reuters Datastream, Stand: 3. August 2018.

Die BoJ trägt damit ein Stück weit den weltweiten Straffungstendenzen und dem allgemeinen Zinsauftrieb Rechnung. In den vergangenen Handelstagen war die Rendite der zehnjährigen japanischen Staatsanleihe mehrmals über den Zielzins ausgebrochen, nachdem am Markt Gerüchte aufkamen, wonach die BoJ ihre Geldpolitik angesichts der hohen Nebenwirkungen für die Wirtschaft ändern und die im September 2016 implementierte Zinskurvenkontrolle aufgeben könnte. Innerhalb von acht Tagen griffen die Währungshüter deshalb drei Mal mit unbegrenzten Festzinsgeschäften in den Staatsanleihemarkt ein, um den Spekulationen auf höhere Zinssätze eine klare Absage zu erteilen und den Zehnjahreszinssatz wieder in Richtung der Zielmarke zu drücken.

Daneben gaben die Währungshüter bekannt, auch das Ankaufprogramm der handelbaren Fondsanteile (ETF) zu modifizieren. Die BoJ ist zu einem der größten Anteilseigner am japanischen Aktienmarkt avanciert. In über 800 Unternehmen gehört sie zu den zehn wichtigsten Aktionären. Die ETF-Käufe (jährlich sechs Billionen Yen) sollen deshalb künftig noch breiter gestreut werden, um etwaigen Verzerrungen am Aktienmarkt vorzubeugen. Die Allokation wird deshalb stärker in Richtung des TOPIX-Index gesteuert, der mit über 2.000 Werten als aussagekräftiger für den Zustand der japanischen Wirtschaft angesehen wird als der Nikkei 225-Index. Außerdem wurden die Inflationsprognosen für die vom 1. April bis 31. März laufenden Fiskaljahre 2019 und 2020 auf 1,5 Prozent (von 1,8) beziehungsweise 1,6 Prozent (von 1,8) abgesenkt.

Damit rechnet die Notenbank weiterhin mit einer Inflationsentwicklung unter der veranschlagten Zielmarke von zwei Prozent. Deutlich wird angesichts des jüngsten Treffens der Notenbanker aber, dass BoJ-Chef Haruhiko Kuroda die Zentralbank auf eine länger als angenommene Zeit der niedrigen Zinsen steuert, um die Inflationsrate auf das Zielniveau von zwei Prozent zu heben. Da viele Marktteilnehmer im Vorfeld mit ersten Straffungstendenzen gerechnet hatten – zum Beispiel in Form einer Anhebung der Zielrendite bei den Staatsanleihekäufen – hat die BoJ damit eher „dovish“ überrascht. Dennoch trägt die Notenbank den Marktentwicklungen Rechnung, indem sie vorsichtige Kurskorrekturen vornimmt. Zudem hat die BoJ das beschlossene Ankaufvolumen im laufenden Jahr noch nicht ausgeschöpft, sodass die Geldpolitik derzeit etwas weniger offensiv ausgeprägt ist als in den Vorjahren. Anpassungen am geldpolitischen Kurs im weiteren Jahresverlauf sind deshalb nicht unwahrscheinlich.

US-Notenbank sieht Wirtschaft auf Kurs

Auch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat am 01.08. – wie vom Gros der Marktteilnehmer erwartet – die geldpolitische Ausrichtung beibehalten (Schlüsselsatz weiter bei 1,75 bis 2,0 Prozent). Leichte Änderungen wurden lediglich bei der Beschreibung der wirtschaftlichen Lage vorgenommen. Das US-BIP legte im zweiten Quartal mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 4,1 Prozent so stark zu wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Deshalb beschrieben die US-Währungshüter das Wirtschaftsgeschehen etwas positiver als bei vorherigen Statements – die ökonomische Aktivität wurde als „strong“ anstelle von „solid“ bezeichnet. An ihrer Forward Guidance hielt die Fed indes fest.

Während Notenbank-Präsident Jerome Powell bei Vorträgen im Kongress in den vergangenen Wochen auf die Angemessenheit der Zinspolitik im aktuellen Marktumfeld verwies (gradual rate hikes are „the best path for now“), fehlte die Formulierung „for now“ in der FOMC-Sitzung am 01.08.. Investoren hatten zuletzt darüber spekuliert, dass die Fed eine Pause bei den Zinserhöhungen machen könnte, sobald die Zinsrate sich dem neutralen Zins nähert. Dass Powell auf die Formulierung „for now” nun verzichtete, spricht dafür, dass die Fed angesichts der vergleichsweise hohen Wachstumsdynamik der Wirtschaft und der gesunkenen Arbeitslosigkeit den Ende 2015 eingeleiteten Zinserhöhungszyklus fortsetzen und die für September und Dezember angepeilten Zinserhöhungen wie geplant umsetzen wird.

Bank of England hebt Leitzins auf das höchste Niveau seit 2009

Als letzte Notenbank im geldpolitischen Reigen hat die Bank of England (BoE) am 02.02. den Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent angehoben. So hoch war der Referenzsatz letztmalig zu Zeiten der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2009. Zudem war es erst das zweite Mal innerhalb der letzten elf Jahre überhaupt, dass die BoE den Leitzins anhob. Die Entscheidung fiel einstimmig, was die hohe Überzeugung sämtlicher Board-Mitglieder widerspiegelt.

Anlass der Entscheidung dürfte vor allem die anziehende Wirtschaftsdynamik gewesen sein. Nach dem durch Sonderfaktoren (u.a. Wetter) bedingten schwächeren ersten Quartal ist die Wirtschaft im zweiten Quartal wieder im Aufwind (plus 0,4 Prozent im Quartalsvergleich). Auch am Arbeitsmarkt gibt es positive Zeichen, die Erwerbslosigkeit ist auf den tiefsten Stand seit 42 Jahren gesunken. Ihre Wachstumsprojektionen erhöhte die BoE deshalb auf 1,4 Prozent (2018) beziehungsweise 1,8 Prozent (2019). Auch die Inflationsprognosen wurden um jeweils zehn Basispunkte angehoben. BoE-Präsident Carney geht davon aus, dass die Inflation auf absehbare Zeit noch über dem Zielniveau der Währungshüter liegen wird. Im Juni lag die Teuerung bei 2,4 Prozent. Für den Preisauftrieb sorgt vor allem das schwächelnde Britische Pfund, das seit dem Brexit-Votum im Sommer 2016 deutlich an Wert eingebüßt hat.

Daneben veröffentlichten die Währungshüter erstmalig eine Schätzung für den aus ihrer Sicht gleichgewichtigen Zins, der Auskunft darüber geben soll, wie sich der Leitzins mittelfristig entwickeln könnte. Die BoE veranschlagt die Größe zwischen null und einem Prozent – das ist etwas höher, als vom Gros der Marktteilnehmer erwartet (Konsens: zwischen minus 0,5 und plus 0,5 Prozent). Transferiert deutet die Größe für ein Nominalzinsniveau von zwischen zwei und drei Prozent hin. Alleine hieran gemessen, könnte der britische Leitzins in den kommenden Jahren stärker steigen als bislang vermutet. Die BoE gab jedoch an, den gleichgewichteten Zinssatz eher als Richtgröße und weniger als formelle geldpolitische Regel anzuwenden.

Angesichts des bevorstehenden Brexits sieht die BoE aber auch Risiken. So dürfte die private Haushaltsnachfrage und das Baugewerbe einen deutlich höheren Beitrag zum Wachstum leisten, während der Handel und die Geschäftsinvestitionen sich negativ entwickeln könnten. Zudem erwartet BoE-Gouverneur Carney, dass die Stimmung der Unternehmen und des Finanzmarktes in den kommenden Monaten erheblich leiden könnte. Er deutete deshalb an, dass das Leitzinsniveau in Abhängigkeit von unterschiedlichen Scheidungsszenarien variieren wird.

Investoren reagierten verwundert auf die eher „hawkishe“ Entscheidung der BoE. Angesichts der Brexit-Verhandlungen und der damit verbundenen Unsicherheit hatten viele Marktteilnehmer mit keiner Zinserhöhung gerechnet. Vieles spricht dafür, dass die BoE ihr Pulver angesichts der Brexit-Unsicherheit trocken halten und mit Blick auf weitere Zinsanhebungen äußerst behutsam agieren wird. Bis zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU im März 2019 ist es deshalb unwahrscheinlich, dass die Notenbank weitere Zinserhöhungsschritte nachlegen wird.

Fazit: Geldpolitischer Impuls wird weltweit nachlassen

Als Ergebnis lässt sich festhalten: Wenngleich die Headline-Entscheidungen auf keine geldpolitischen Straffungsentscheidungen hindeuten, so ist auf den zweiten Blick aber erkennbar, dass die Zentralbanken im Begriff sind, den Fuß vom geldpolitischen Pedal zu nehmen – wenn auch mit unterschiedlicher Dynamik. Die weltweite expansive Geldpolitik hat ihren Zenit also überschritten. Der geldpolitische Impuls dürfte in den kommenden Monaten weltweit an Unterstützungskraft verlieren – und die Kapitalmärkte werden lernen müssen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

 

Stand: 3. August 2018