China – Konjunkturentwicklung im Jahr des Feuer-Hahns mit Aufwärtsrisiken

Am 28. Januar 2017 begann in China das Jahr des Feuer-Hahns. Schenkt man den chinesischen Horoskopen Glauben, steht der Hahn im Berufsleben für Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Pünktlichkeit. Es wundert daher nicht, dass es den wirtschaftspolitischen Entscheidungsträgern in China im Laufe des ersten Halbjahres 2017 gelungen ist, die konjunkturelle Entwicklung und das Finanzsystem zu stabilisieren und das Vertrauen der Kapitalmärkte in die Wirtschaft des Reichs der Mitte wieder zu erhöhen.

In Zahlen ausgedrückt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) expandierte im zweiten Quartal 2017 um 6,9 Prozent im Jahresvergleich und liegt somit erneut oberhalb des von der Regierung angestrebten Wachstumsziels von 6,5 Prozent. Gleichzeitig ist es der People’s Bank of China (PBoC) seit Jahresanfang gelungen, die chinesische Kapitalbilanz zu stabilisieren und dem Abfluss der Währungsreserven auf Niveaus oberhalb der Drei-Billionen-US-Dollar-Marke Einhalt zu gebieten.

Konjunkturtrend mit Aufwärtsrisiken

Auch die Daten zur Industrieproduktion und den Einzelhandelsumsätzen geben am aktuellen Rand Anlass zu konjunkturellem Optimismus. Auf Basis dieser erfreulichen Makrodaten besteht eine gestiegene Wahrscheinlichkeit, dass die Schätzungen für das BIP-Wachstum in China für 2017 nach oben angepasst werden müssen und somit die von vielen Marktteilnehmern erwartete Wachstumsabschwächung für das zweite Halbjahr geringer ausfällt.

Die verbesserten Aussichten für die konjunkturelle Entwicklung in den nächsten drei bis sechs Monaten werden auch durch den sogenannten Li Keqiang Index bestätigt. Dieser alternative Makro-Index aggregiert die drei Indikatoren „Ausstehende Bankkredite“, „Elektrizitätsverbrauch“ und „Frachtvolumen auf Chinas Schienennetz“ und hat sich in den vergangenen zwölf Monaten spürbar erholt.

Verbesserte Aussichten für Konjunkturentwicklung in China

Verbesserte Aussichten Konjunkturentwicklung China
Quelle: Thomson Reuters; Stand: 21. Juli 2017

China als Profiteur des synchronen globalen Aufschwungs

Ein weiterer positiver Einflussfaktor für die chinesische Wirtschaft ist der synchron verlaufende globale Konjunkturaufschwung, der sich mittlerweile in nahezu allen Industrienationen und in einem Großteil der Schwellenländer manifestiert. Mit einem Exportvolumen von rund 2,2 Billionen US-Dollar ist China klarer Exportweltmeister und profitiert in signifikantem Maße von einer steigenden Nachfrage aus dem Ausland. Vor diesem Hintergrund beschleunigte sich das Exportwachstum Chinas im zweiten Quartal auf 9,4 Prozent im Jahresvergleich.

Umgekehrt dient eine robuste konjunkturelle Entwicklung in China als wichtiger Stabilisator und Impulsgeber für die Weltwirtschaft im Allgemeinen und für die Emerging Markets im Besonderen. Die chinesische Wirtschaft repräsentiert einen wichtigen Nachfragefaktor für eine Vielzahl von Schwellenländer – sei es über intensive Handelsverflechtung (unter anderem mit Südkorea, Taiwan und Vietnam) oder über den „Rohstoffhunger“ Chinas (unter anderem Indonesien, Südafrika und Lateinamerika). In diesem Zusammenhang sei die Wichtigkeit der chinesischen Volkswirtschaft für das globale Wirtschaftswachstum kurz erläutert: China repräsentiert aktuell rund 17 Prozent des globalen BIPs und wächst gegenwärtig mit 6,9 Prozent. Das ergibt einen Beitrag von rund 1,2 Prozentpunkten für das globale BIP-Wachstum, das 2017 um 3,0 bis 3,5 Prozent expandieren sollte. In anderen Worten: China allein steht für 35 bis 40 Prozent des weltweiten Konjunkturaufschwungs.

Stabilisierung der Kapitalbilanz

Trotz der zuletzt positiven Konjunktursignale aus China darf nicht in Vergessenheit geraten, dass die (wirtschafts-) politischen Entscheidungsträger vor immensen Herausforderungen stehen. Die Wirtschaftsstruktur bedarf mittelfristig eines grundlegenden Umbaus – weg von staatlichen Investitionen hin zu mehr Binnenkonsum. Nur durch ein starkes „neues China“ mit Fokus auf Dienstleistungen, Konsum und Erneuerbare Energien lassen sich die teilweise schmerzhaften Anpassungen in den „alten“ Sektoren wie Schwerindustrie oder Kohle ausgleichen.

Hinzu kommt die sehr hohe Verschuldungsquote der chinesischen Wirtschaft, die Ende 2016 bei 257 Prozent des BIPs lag und in erster Linie auf einen hochverschuldeten Unternehmenssektor (166 Prozent des BIPs) zurückzuführen ist. Der Abbau dieses extrem hohen Schuldenstands im Unternehmenssektor bei gleichzeitiger Vermeidung massiver Kapitalflucht stellt neben dem Umbau der Wirtschaftsstruktur die größte Herausforderung dar. Die aktuell positive Konjunkturentwicklung in China hat gemeinsam mit staatlichen Restriktionen (unter anderem Kapitalverkehrskontrollen) und Interventionen (unter anderem Deckelung der Rendite von Private Wealth-Produkten) dazu geführt, dass sich die Lage des chinesischen Finanzmarkts stabilisiert hat und der Abfluss der Währungsreserven auf Niveaus oberhalb der Drei-Billionen-US-Dollar-Marke gestoppt wurde.

Stabilisierung der Devisenreserven Chinas seit Jahresanfang

Devisenreserven in Millionen US-Dollar*
Stabilisierung der Devisenreserven China
*Zuflüsse (+); Abflüsse (-) / Quelle: Thomson Reuters; Stand: 21. Juli 2017

Fazit

Das konjunkturelle Umfeld in China hat sich in den letzten Monaten stabilisiert. Es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass die erwartete Wachstumsabschwächung für das zweite Halbjahr geringer ausfällt. Zudem ist es den (wirtschafts-) politischen Entscheidungsträgern in China gelungen, das Finanzsystem und die Kapitalbilanz des Landes zu stabilisieren. Wenngleich die strukturellen Probleme die wirtschaftliche Entwicklung jederzeit negativ beeinflussen können, scheint auf absehbare Zeit alles auf ein „Soft Landing“ der chinesischen Volkswirtschaft bei BIP-Wachstumsraten um die angestrebte 6,5-Prozent-Marke hinzudeuten. Die Stabilität der chinesischen Volkswirtschaft hat entsprechend positive Auswirkungen auf Emerging Markets-Assets und aufgrund der globalen Relevanz Chinas auch auf die Kapitalmärkte in den Industriestaaten.

(Stand: 21. Juli 2017)