US-Berichtssaison zum dritten Quartal: Vielversprechend, aber verzerrt

Die weltweiten Aktienmärkte haben 2017 spürbare Kursteigerungen verzeichnet. Vor allem in den USA sind die Leitindizes auf immer neue Rekordmarken geklettert. Der S&P 500 Index legte seit Jahresbeginn rund 14 Prozent zu, der technologielastige Nasdaq Index sogar über 22 Prozent. Haupttreiber dieser Entwicklung ist der seit Mitte 2016 synchron verlaufende Konjunkturaufschwung in allen wichtigen Regionen dieser Welt, der sich positiv auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne auswirkt.

Dies führte zu einer Beschleunigung des Profitabilitätswachstums der im S&P 500 gelisteten Unternehmen von 15 Prozent im ersten Quartal 11 Prozent im zweiten Quartal 2017 (jeweils im Vergleich zum Vorjahresquartal), nachdem „Corporate America“ in den Jahren 2015 und 2016 kein nennenswertes Gewinnwachstum erzielen konnte.

Gewinnwachstum S&P 500 Index

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Quelle: Union Investment, Factset, Stand: 6. Oktober 2017

Das dritte Quartal ist im Hinblick auf Umsatztätigkeit und Gewinnerzielung in der Regel das schwächste Quartal. Dennoch könnte die anstehende Berichtssaison von entscheidender Bedeutung bei der Beantwortung der Frage sein, ob sich die dynamische Gewinnentwicklung in dem für viele Unternehmen wichtigen vierten Quartal und darüber hinaus fortsetzen wird.

Erster Paukenschlag mit den Ergebnissen der Banken-Schwergewichte

Den Start in die US-Berichtssaison markieren traditionell die vier amerikanischen Großbanken JP Morgan und Citigroup (jeweils 12. Oktober) sowie Bank of Amerika und Wells Fargo (jeweils 13. Oktober). In den nachfolgenden drei Wochen wird die Berichtssaison an Dynamik gewinnen: Vom 16. Oktober bis 3. November werden schließlich rund drei Viertel aller S&P 500-Unternehmen über das abgelaufene Quartal berichten (62 Unternehmen in der Woche ab 16. Oktober, 192 Unternehmen in der Woche ab 23. Oktober und 131 Unternehmen in der Woche ab 30. Oktober).

Die Markterwartungen für den aggregierten Quartalsgewinn je Aktie liegen aktuell bei 32,6 US-Dollar. Dies entspräche einem Gewinnwachstum von rund 4 Prozent im Jahresvergleich. Dieses liegt zwar unter den hohen zweistelligen Expansionsraten im ersten Halbjahr des laufenden Jahres, dürfte sich jedoch immer noch als sehr robust erweisen, denn die spürbare Erholung der Unternehmensgewinne hatte im Verlauf des dritten Quartals 2016 eingesetzt, das heißt die Vergleichsbasis ist relativ hoch.

Seit dem 1. Juli haben sich die S&P 500-Gewinnerwartungen für das dritte Quartal 2017 um rund drei bis vier Prozent reduziert und weisen somit ein übliches Verlaufsmuster für den Marktkonsensus im Vorfeld des Beginns der Berichtssaison auf. Die kräftigsten negativen Gewinnrevisionen in den vergangenen drei Monaten hatten die US-Sektoren Grundstoffe (-19 Prozent aufgrund sinkender Industriemetallpreise), Energie (-17 Prozent) und Finanzen (-7 Prozent aufgrund sinkender Renditen weltweit). Sollte sich die Berichtssaison wie im Durchschnitt der letzten Quartale entwickeln, müssten die Unternehmensgewinne die aktuellen Erwartungen um rund drei Prozent übertreffen und schließlich zu einem äußerst soliden berichteten Gewinnwachstum von rund sieben Prozent im Jahresvergleich führen.

S&P 500 Gewinne ab Tag 1 des Quartals (rebasiert auf 100)

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Quelle: Union Investment, Factset, Stand: 6. Oktober 2017

Verwerfungen im dritten Quartal wahrscheinlich

Die makroökonomischen Rahmenbedingungen für den US-Unternehmenssektor sollten sich im abgelaufenen Quartal vorteilhaft dargestellt haben. Auch die Währungsentwicklung sollte Rückenwind verschafft haben – vor allem bei den international tätigen Konzernen. Im Vergleich zum dritten Quartal 2016 hat der US-Dollar gegenüber dem Euro um fünf Prozent und auf handelsgewichteter Basis um rund zwei Prozent an Wert verloren.

Für nicht zu unterschätzende temporäre Verzerrungen könnten die Hurrikans „Harvey“ und „Irma“ sorgen, die vor einigen Wochen die Bundesstaaten Texas und Florida heimgesucht haben. Die durch die Wirbelstürme verursachten Schäden könnten die US-Versicherer stark belasten. Eine Reihe von Ölkonzernen mussten ihre Raffinerien im Süden der USA für mehrere Wochen stilllegen, während andere Raffineriebetreiber außerhalb der Katastrophengebiete von den stark gestiegenen Ölproduktpreisen (beispielsweise für Gasöl und Benzin) spürbar profitieren konnten. Schwer abzuschätzen dürften auch die Umsatzeinbußen für Unternehmen aus den Bereichen Bau, Einzelhandel und Transport sein.

Die anstehenden Quartalsberichte könnten daher für positive und negative Überraschungen sorgen, die von den Marktteilnehmern jedoch größtenteils als „Einmaleffekte“ eingestuft werden dürften. Mittelfristig sollte es bei den meisten Unternehmen zu Aufholeffekten oder zumindest wieder zu einer Normalisierung der Geschäftstätigkeit kommen.

Ausblick für das Abschlussquartal 2017 und Geschäftsjahr 2018 im Fokus

Angesichts der Verwerfungen und Verzerrungen, die die Hurrikans auf die Quartalsergebnisse der US-Unternehmen haben könnten, wird der Fokus der Investoren verstärkt auf dem Ausblick liegen. Hierbei sind vor allem drei Aspekte von Relevanz:

  1. Hervorragendes Makroumfeld: Die Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor in den USA haben sich im September wesentlich besser als erwartet entwickelt. Der ISM-Manufacturing Index verbesserte sich spürbar auf 60,8 Punkte (nach 58,8 Punkten im August). Ferner hat sich der ISM Non-Manufacturing Index nach einem überraschenden Rückgang im Juli auf 53,9 Punkte mittlerweile wieder deutlich auf 59,8 Punkte im September erholt (nach 55,3 Punkten im August). Diese positive Entwicklung der Stimmungsindizes lässt die Vermutung zu, dass die US-Unternehmen umfangreiche Hurrikan-bedingte Aufholeffekte in den nächsten Monaten erwarten. Dies spricht auch mittelfristig für eine anhaltend dynamische Gewinnentwicklung.
  2. Vielversprechendes Mikroumfeld: Von den US-Unternehmen, die bereits Ergebnisse für den Zeitraum Juni bis August 2017 vorgelegt haben, konnten bislang 87 Prozent die Gewinnerwartungen übertreffen. Der „Earnings Beat“ bei diesen 23 Unternehmen lag bei rund sechs Prozent. Der Start in die Berichtssaison kann daher als vielversprechend eingestuft werden. Erfreulich war insbesondere, dass die beiden konjunktursensitiven Technologie-Unternehmen Applied Materials (Halbleiter) und Micron (Medizintechnologie) starke Quartalszahlen vorgelegt haben. Im Gegensatz hierzu wurde der Ausblick von Adobe und Oracle von den Marktteilnehmern als eher enttäuschend aufgenommen. Nichtdestotrotz strahlen nahezu alle Unternehmenslenker aus Europa und den USA zuletzt viel Optimismus aus, wenn es um die Geschäftsentwicklung im September geht.
  3. Steuerreform der Trump-Administration: Schließlich könnten die wiederaufkeimende Hoffnung auf eine Steuerreform zu einer Entlastung der US-Unternehmen führen. Die aktuellen Steuerpläne der Trump-Administration sehen eine spürbare Absenkung des Körperschaftsteuersatzes von aktuell 35 auf 20 Prozent. Obwohl die Gegenfinanzierung der US-Steuerpläne noch unklar ist und die steuerliche Entlastung der US-Unternehmen geringer als gegenwärtig angekündigt ausfallen könnte, dürfte der S&P 500-Gewinn in 2018/19 (Konsensus 2018: 146 US-Dollar und 2019: 160 US-Dollar) einen positiven Steuereffekt von bestenfalls bis zu 17 US-Dollar (oder 10 bis 12 Prozent) verzeichnen.

Fazit

Wenngleich die Expansionsraten der US-Unternehmensgewinne sich im dritten Quartal 2017 verlangsamen sollten, stellen sich die mittelfristigen Wachstumsperspektiven für die Konzerne in den USA von bereits erhöhten Profitabilitätsniveaus als vielversprechend dar. Die makroökonomischen Rahmenbedingungen sind so gut wie seit Jahren nicht mehr. Die US-Unternehmen werden die Hurrikan-Effekte im dritten Quartal zwar zu spüren bekommen, in den Folgequartalen jedoch von Aufhol- und Wiederaufbaueffekten profitieren. Die zuletzt wieder erhöhte Wahrscheinlichkeit einer US-Steuerreform könnte für zusätzlichen Rückenwind bei der Gewinndynamik in den kommenden beiden Jahren sorgen. Es bestehen daher guten Chancen, dass der Aufwärtstrend an den US-Börsen anhält.

(Stand: 06. Oktober 2017)