Türkei:
Lokale Finanzkrise mit Ansteckungspotenzial

Die Entwicklung am türkischen Kapitalmarkt gleicht einer Achterbahnfahrt: Nachdem es in der ersten Augusthälfte zu panikartigen Verkäufen gekommen war, summierte sich das Jahresminus bei der Türkischen Lira gegenüber dem US-Dollar zeitweise auf über 82 Prozent. Zuletzt hat sich eine gewisse Beruhigung der Lage eingestellt. Allerdings beläuft sich die Abwertung immer noch auf knapp 40 Prozent seit Jahresbeginn. Die Kernfrage internationaler Investoren lautet: Ist die Trendwende in der türkischen Finanzmarktkrise geschafft und wie hoch ist die Gefahr einer Ansteckung anderer Schwellenländer?

Intervention der Zentralbank und Unterstützung aus Katar

Dass es überhaupt zu einer Entspannung am türkischen Finanzmarkt kam, ist im Wesentlichen auf die Intervention der türkischen Zentralbank und die Unterstützung des Emirs von Katar zurückzuführen. Die türkische Zentralbank hatte Mitte August das Volumen von Devisentauschgeschäften türkischer Banken mit ausländischen Investoren zunächst auf 50 Prozent des Eigenkapitals beschränkt und die Quote wenige Tage später auf 25 Prozent weiter abgesenkt. Wenngleich sich der Verkaufsdruck durch die Maßnahme etwas abmilderte, wurde den türkischen Unternehmen zugleich die Möglichkeit einer Absicherung der Währungsrisiken genommen. Weiterer Abwertungsdruck auf die Türkische Lira scheint angesichts der hohen Inflationsrate mittelfristig aber wahrscheinlich. Deshalb dürfte auf Sicht der nächsten sechs bis zwölf Monate ein spürbar negativer realwirtschaftlicher Anpassungsprozess eintreten. Darüber hinaus hat der Emir von Katar dem türkischen Präsidenten Erdoğan seine Unterstützung in der Währungskrise zugesagt. Katar wird eine Reihe von Investitionen und Wirtschaftsprojekten in der Türkei finanzieren. Die potenzielle Investitionssumme wird auf 15 Milliarden Euro taxiert.

Albayrak weitgehend neutral, Trump klar negativ

Die mit Spannung erwartete Telefonkonferenz des türkischen Finanzministers Berat Albayrak, des Schwiegersohns von Präsident Erdoğan, Mitte August hatte kaum Einfluss auf die Marktentwicklung. Albayrak zeigte sich vor rund 6.000 Kapitalmarktakteuren erwartungsgemäß zuversichtlich, dass sein Land die Krise auch ohne Kapitalverkehrskontrollen und ein IWF-Hilfsprogramm bewältigen wird. Daneben sagte Albayrak, er werde alles dafür tun, dass die „notwendigen fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen“ eingeleitet werden, um die Inflationsrate von aktuell 15 Prozent wieder in Richtung des Zielwerts von fünf Prozent zu bringen. Investoren zeigten sich jedoch enttäuscht darüber, dass der Finanzminister keine konkreten Schritte und keinen klaren Zeitplan in Aussicht stellte.

Auch mit Blick auf die (geo-)politischen Streitigkeiten zwischen der Türkei und den USA kann es jederzeit zu einer erneuten Verschärfung der Sanktionen kommen. Auf die Verdopplung der US-Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte reagierte die türkische Regierung beispielsweise mit der Einführung von Zöllen auf zahlreiche US-Produkte. Da US-Präsident Trump entschlossen scheint, mit Blick auf die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson eine harte Linie zu fahren, ist eine weitere Eskalation der Spannungen zwischen der Türkei und den USA aus heutiger Sicht wahrscheinlich.

Ansteckungseffekte auf andere Schwellenländer nicht auszuschließen

Die Finanzkrise in der Türkei hat nicht nur zu einer Eintrübung der Stimmung an den internationalen Kapitalmärkten geführt, sondern auch die Währungsmärkte anderer Schwellenländer in Mitleidenschaft gezogen. Wenngleich die Ursachen des dramatischen Abverkaufs der Türkischen Lira im Wesentlichen länderspezifischer Natur sind, stehen in zunehmendem Maße auch andere Schwellenländer mit vergleichbaren wirtschaftlichen Voraussetzungen – vor allem hohes Leistungsbilanzdefizit und hohe Auslandsverschuldung – im Fokus.

Dabei hat der Gegenwind für die Schwellenländer schon längere Zeit zugenommen. Seit die US-Notenbank Federal Reserve bei der Straffung ihrer Geldpolitik auf Autopilot geschaltet und die Attraktivität von US-Zinsinvestments damit erhöht hat, gerieten Emerging Markets-Anleihen unter Druck. Denn die restriktivere Geldpolitik trifft die Schwellenländer gleich doppelt: Die höheren Renditen in den USA erhöhen die Zinsausgaben; der infolge der US-Leitzinserhöhungen zumeist teurere US-Dollar verstärkt die in US-Dollar gehaltene Auslandsverschuldung aus Lokalwährungssicht. Zu den Staaten, deren Devisen in der ersten Augusthälfte mit dem dramatischen Abverkauf der Türkischen Lira besonders unter Druck gerieten, zählten in erster Linie Südafrika, Argentinien und Russland. Sichtbare, wenngleich noch moderate negative Spillover-Effekte waren in einer Reihe lateinamerikanischer Länder wie Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Chile zu beobachten.

Leistungsbilanz, Auslandsverschuldung und (geo-)politische Lage als relevante Kriterien

Ähnliche wirtschaftliche Ungleichgewichte wie in der Türkei – hohe Leistungsbilanzdefizite und ein hohes Niveau an in Hartwährung denominierter Verbindlichkeit – sind vor allem in einigen lateinamerikanischen Staaten sowie Südafrika und Indonesien zu finden.

Gleiche Probleme? Leistungsbilanzdefizit und Verschuldung verschiedener Schwellenländer
Leistungsbilanzdefizit und Verschuldung verschiedener Schwellenländer
Quelle: Union Investment, Stand: August 2018.

Auch die (geo-)politische Lage sollte nicht unterschätzt werden. Die russische Währung neigte nicht zuletzt auch wegen der verschärften US-Sanktionen und den sinkenden Rohölpreisen zur Schwäche. In Brasilien könnte die Nachrichtenlage im Hinblick auf die im Oktober anstehenden Wahlen zu zusätzlichem Druck auf Währung, Anleihen und Aktienkurse führen. Nach der spürbaren Aufwertung des Mexikanischen Peso im Nachgang der Präsidentschaftswahl Anfang Juli scheint auch Mexiko verwundbar. Ein Scheitern der NAFTA-Verhandlungen mit den USA könnte zu einem empfindlichen Rücksetzer am dortigen Finanzplatz führen.

Positiv ist aber, dass viele Schwellenländer zuletzt mit geeigneten Gegenmaßnahmen auf den wachsenden Abwertungsdruck ihrer Währungen reagiert haben. Die meisten nationalen Notenbanken haben die Leitzinsen nach oben geschraubt, um den Inflationsgefahren zu begegnen und die Währungen zu stabilisieren. Hierzu gehört beispielsweise die Notenbank in Argentinien, aber auch die Währungshüter in den beiden asiatischen Staaten Indien und Indonesien.

Fazit

Die Beruhigung am türkischen Finanzmarkt sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die tiefgreifenden Probleme weiterhin vorhanden sind. Das Leistungsbilanzdefizit sollte sich zwar durch die deutliche Abwertung der Türkischen Lira spürbar reduzieren. Die Türkei dürfte allerdings weiterhin ein Wirtschaftsraum mit einem strukturellen Fehlbetrag in der Leistungsbilanz sein. Zudem verschärft sich die Lage des Unternehmenssektors umso mehr, je länger die türkische Notenbank die dringend notwendigen Leitzinserhöhungen zur Stabilisierung der Lira hinauszögert. Hinzu kommt: Je länger Präsident Erdoğan die Freilassung des US-Priesters hinauszögert, umso wahrscheinlicher werden weitere Sanktionen seitens der USA. Eine Rezession scheint bereits jetzt kaum noch zu vermeiden zu sein.

Auf der Liste der möglichen Ansteckungskandidaten stehen in erster Linie einige lateinamerikanische Länder, insbesondere diejenigen mit politischem Gefahrenpotenzial (unter anderem Mexiko und Brasilien). Im Gegensatz hierzu erweisen sich die asiatischen Emerging Markets gegenwärtig als relativ robust angesichts der brisanten Situation in der Türkei. Dort dürfte der Fortgang der handelspolitischen Streitigkeiten zwischen den USA und China von entscheidender Bedeutung für den Risikoappetit der Investoren sein.

 

Stand: 27. August 2018