Rohstoffe: Es wird turbulenter

Es ist noch nicht lange her, da gehörten Industriemetalle zu den großen Verlierern am Rohstoffmarkt. Die Sorge um eine Eskalation im Handelsstreit zwischen China und den USA lastete schwer auf dem Sektor. Allein im März verlor Aluminium fast acht Prozent an Wert. In den letzten Handelstagen vollzogen Industriemetalle allerdings eine Kehrtwende: Aluminium und Nickel legten innerhalb weniger Stunden zweistellig zu. Als Grund für den plötzlichen Preisanstieg machten Marktteilnehmer im Wesentlichen die Anfang April erlassenen Sanktionen der USA gegen 24 russische Oligarchen aus. Einer von ihnen ist Oleg Deripaska, dem eine Einmischung in den US-Wahlkampf, Bestechung der Regierung und eine Verbindung zur Mafia vorgeworfen wird. Zu seinem Imperium gehört das börsennotierte Unternehmen Rusal, das für sechs Prozent der weltweiten Aluminiumproduktion steht und einen Großteil seiner Exporte nun stoppen muss. Faktisch ist es dem Unternehmen derzeit nicht mehr möglich Geschäfte in US-Dollar abzuwickeln, also jener Währung, in der alle Rohstoffgeschäfte abgewickelt werden. Der Börsenkurs des Unternehmens kollabierte, die an der Börse in Hongkong gelisteten Aktien sind inzwischen vom Handel ausgesetzt. Der Marktwert von Rusal beträgt etwa nur noch ein Achtel vom Börsengang im Jahr 2010.

Sanktionen belasten Lieferketten

Rohstoffe gelten als spätzyklisch und sind damit die Profiteure des aktuellen Konjunkturzyklus, der sich in einem eher reifen Stadium befindet. Anders als noch vor ein oder zwei Jahren sind die Lagerbestände bei vielen Rohstoffen deutlich zurückgegangen. Kommt es in solchen Phasen zu externen Schocks – wie die aktuellen Sanktionen der USA – kann ein Ausfall häufig nicht mehr sofort kompensiert werden. Die Folge sind exzessive Preisbewegungen, bis eine Anpassungsreaktion erfolgt ist. Der Markt für Aluminium und Nickel gilt eigentlich als gut versorgt, doch die Sanktionen gegen Rusal treffen die globalen Lieferketten empfindlich. Rusal wurde der Export in die USA verboten, auch andere Firmen laufen Gefahr bestraft zu werden, sofern sie Geschäfte mit dem Unternehmen abschließen. Zwar befinden sich die Minen größtenteils in Russland, zwei Drittel der Alumina-Raffinerien liegen jedoch außerhalb, etwa in Irland und Jamaika. Auch viele deutsche Firmen beziehen ihr Alumina bislang aus Irland.

Herstellung von Aluminium

Herstellung von Aluminium

Quelle: Bloomberg, Stand: 20. April 2018

Ein Unternehmen, das bislang von Rusal beliefert wurde, kann es sich nicht erlauben, seine Produktion wegen der fehlenden Zulieferung einzustellen. Die Einkaufsmanager sind vielmehr gezwungen, auf andere Zulieferer auszuweichen. Kurzfristig kann es dadurch zu einer überzogenen Marktreaktion kommen. Im Fall von Aluminium ist vor allem die Notierung an der Londoner Rohstoffbörse LME angezogen. In China blieb der Preisanstieg moderat. Das spricht dafür, dass innerhalb des Landes keine Knappheit entstanden ist und China weitestgehend Selbstversorger von Aluminium ist.

Nickelpreis zieht ebenfalls an – Sanktionen aber unwahrscheinlich

Der starke Preisanstieg bei Nickel wurde durch eine Aussage der US-UNO-Botschafterin Nimrata Haley befeuert. Nach den Luftangriffen auf Syrien kündigte sie neue Sanktionen gegen Russland an. Dabei geriet das Rohstoffunternehmen Norilsk Nickel ins Fadenkreuz der Anleger. Norilsk Nickel steht in der Rangfolge der größten Nickelproduzenten auf Platz zwei. Die Probleme am Weltmarkt wären daher ungleich größer. Das Weiße Haus dementierte das Vorhaben zwar, dennoch kam es unter Investoren zu Eindeckungen in diesem Metall.

Preisentwicklung von Nickel

Preisentwicklung von Nickel

Quelle: Bloomberg, Stand: 20. April 2018

Wir glauben nicht, dass es seitens der US-Regierung Sanktionen gegen Norilsk Nickel geben wird. Das russische Unternehmen ist nicht nur der zweitgrößte Nickel-Produzent, sondern gleichzeitig auch der weltweit größte Hersteller von Palladium, mit einem Marktanteil von etwa einem Drittel. So verwundert es nicht, dass auch bei Palladium in den letzten Tagen scharfe Preisbewegungen zu beobachten waren. Die Lagerbestände des Edelmetalls sind schon seit vielen Jahren rückläufig. Palladium findet vor allem in der Automobilbranche Verwendung und wird für den Bau von Benzin-Katalysatoren benötigt. Eine Sanktion seitens der USA würde zu enormen Problemen führen und auch die US-Autoindustrie empfindlich treffen. Hier gäbe es zudem deutlich geringere Ausweichmöglichkeiten, schließlich dauert es Jahre, um eine Palladium-Mine zu erschließen, sofern das Edelmetall überhaupt als Bodenschatz vorhanden ist. Wir halten die Preissteigerung aufgrund dieser Gerüchte für übertrieben.

Saudi-Arabien hat den Ölpreis fest im Griff

Doch nicht nur bei Metallen, auch im Energiesektor kletterten die Preise zuletzt kräftig. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete, dass Saudi-Arabien den Ölpreis bei 100 US-Dollar pro Barrel sehen möchte. Daraufhin kletterte der Preis der Sorte Brent über die Marke von 74 US-Dollar, auf den höchsten Stand seit Herbst 2014. In der Presse war in diesem Zusammenhang zu lesen, dass Saudi-Arabien ein großes Interesse daran habe, den Preis nach oben zu treiben. Einerseits wolle man die Bewertung der staatlichen Ölfirma Saudi Aramco vor dem geplanten Börsengang im kommenden Jahr verbessern. Zudem soll eine stabilere Haushaltslage dazu dienen, den Krieg im Jemen und den Bau der neuen Megastadt Neom zu finanzieren. Insgesamt war Saudi-Arabien aber schon immer an einem hohen Ölpreis und einer Gewinnmaximierung interessiert, insofern lieferten die Nachrichten kaum neue Erkenntnisse.

Ölproduktion der OPEC

Ölproduktion der OPEC

Quelle: Bloomberg, Stand: 20. April 2018

Die Öl-Produktion des OPEC-Kartells beträgt momentan nur noch 32 Millionen Barrel pro Tag. Obwohl die Saudis Reservekapazitäten haben, kompensieren sie den Rückgang der Förderung in Venezuela nicht. Andere OPEC-Mitglieder operieren weitgehend an ihrer Kapazitätsgrenze und haben diese Möglichkeit ohnehin nicht. Saudi-Arabien hat somit als größter Player innerhalb der OPEC die Fäden derzeit (noch) fest in der Hand. Die Araber werden deshalb versuchen, das Zeitfenster für ihre Gewinnmaximierung zu nutzen. Nach vorne blickend gefährden diese Eigeninteressen jedoch die Einigkeit innerhalb der OPEC. Sollten die USA neue Sanktionen gegen den Iran erlassen, dürfte die dortige Regierung wohl versuchen, so viel Öl wie möglich zu fördern. Es ist fraglich, ob sich die Produktion dann noch deckeln lässt, zumal auch der internationale Druck auf Saudi-Arabien und Russland, die Förderung zu erhöhen, zunehmen dürfte. Ein erster Vorgeschmack dazu lieferte ein Tweet von Donald Trump vergangene Woche, wonach ihm der Ölpreis derzeit zu hoch sei. Die aktuelle OPEC-Vereinbarung läuft noch bis Ende 2018. Die Anzeichen mehren sich, dass viele Mitglieder eine Verlängerung befürworten. Eine endgültige Entscheidung dazu wird erst im Juni beim nächsten OPEC-Treffen gefällt. Parallel dazu rechnen wir mit einer anhaltend hohen Nachfrage, insbesondere aus den Emerging Markets. Die Lagerbestände sind in den vergangenen Wochen schon deutlich zurückgekommen. Noch bewegen sich die Bestände in etwa auf dem Niveau des Fünf-Jahres-Durchschnitts. Dennoch hat der Rückgang bereits jetzt zur Folge, dass Ausfälle schwieriger abgefedert werden können, als dies noch vor einem Jahr der Fall war. Kurzfristig kann es daher immer wieder zu einem Überschießen kommen, was verlässliche Preisprognosen erschwert. Preisspitzen über 75 US-Dollar hinaus sind daher nicht auszuschließen. Sollte sich der Durchschnittspreis in den kommenden Monaten aber auf dem aktuellen Niveau halten, dann wäre der Preis bereits hoch genug, um die Situation für die Zukunft wieder zu entspannen. Denn einerseits reicht das Preisniveau aus, um den Nachfrageanstieg zu bremsen – und andererseits sind die Anreize für Produktionssteigerungen hoch. Gerade für die US-Amerikaner lohnen sich Investitionen bereits wieder. Dort liegt die Ölproduktion inzwischen deutlich oberhalb des Fünf-Jahres-Durchschnitts und nimmt aktuell mit schnellem Tempo von annualisiert 1,5 Millionen Fässern pro Tag zu.

Fazit:

Das spätzyklische Umfeld sollte Rohstoffe weiter stützen. Die vergangenen Tage haben aber gezeigt, dass Anleger mit größeren Marktschwankungen rechnen müssen – denn die hohe Nachfrage hat zu geringeren Lagerbeständen als noch vor einem Jahr geführt. Dadurch ist der Rohstoffmarkt für externe Schocks und Gerüchte anfälliger geworden. Mögliche weitere Sanktionen der USA gegen Russland würden die Preise für Industriemetalle kurzfristig in die Höhe treiben. Der Ölpreis bleibt ebenfalls anfällig – auch, weil er ein Spielball der Geopolitik ist. Anleger sollten in diesem Kontext vor allem ein Auge auf eine mögliche Aufkündigung des Iran-Deals seitens der USA achten. Weitere Handelsbeschränkungen zwischen China und den USA könnten auch den Agrarsektor treffen. Hier gäbe es allerdings bessere Ausweichalternativen, da die Lagerbestände noch hoch und die Anbaugebiete gut über den Globus verteilt sind. Die Volatilität in diesem Sektor sollte deshalb geringer ausfallen.

Stand: 20. April 2018