Protektionismus im Pazifik

Die USA und China haben sich zuletzt im Handelsstreit angenähert. Auf die Kapitalmärkte wirken diese Entspannungssignale unterstützend. Allerdings bleibt das Risiko einer Verschärfung bestehen, denn hinter der Auseinandersetzung um die Wirtschaftsbeziehungen verbirgt sich ein handfester geopolitischer Konflikt.

Vor wenigen Tagen hat US-Präsident Trump den Handelskrieg abgesagt. Die Verhandlungen mit China über ein Handelsabkommen seien weit fortgeschritten, so Trump auf Twitter. Er habe daher die Einführung von weiteren US-Strafzöllen auf chinesische Importe, die ursprünglich für den 1. März 2019 vorgesehen waren, verschoben. Bis dahin hatte Trump damit gedroht, zusätzliche Zölle auf Waren im Wert von 267 Milliarden US-Dollar einzuführen, sollte Peking nicht Maßnahmen zur Verringerung seines Handelsüberschusses mit den Amerikanern treffen. An den internationalen Kapitalmärkten sorgte die Nachricht für Erleichterung, handelt es sich bei den Kontrahenten doch um die beiden größten Volkswirtschaften der Welt.

Wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit

Aus rein ökonomischer Perspektive spricht alles dafür, dass die beiden Schwergewichte künftig wieder verstärkt auf einen Pfad der Kooperation einschwenken. Denn: Die wechselseitigen Abhängigkeiten sind groß. China als „Werkbank der Welt“ exportiert einen Großteil seiner Produkte in die USA. Fällt dieser Absatzkanal weg, verliert das chinesische Wirtschaftswunder seine Basis. Umgekehrt wird ein erheblicher Anteil der US-Staatsschulden von China gehalten. Die Pekinger Führung hat in den letzten Jahren ihre hohen Außenhandelsüberschüsse vor allem in US-Treasuries angelegt. Das hatte neben dem Sicherheitsaspekt durchaus auch handelspolitische Gründe. Durch den Kauf von aus US-Dollar lautenden Anleihen wurde die eigene Währung geschwächt: Der billige Renminbi machte chinesische Produkte in den US-Einkaufszentren oft konkurrenzlos wettbewerbsfähig.

In den vergangenen Jahren hat Peking seine Auslandsdevisen aber stärker gestreut. Seitdem werden auch Euro, Yen und Pfund vermehrt in die Depots der People’s Bank of China geladen. Der Vorwurf der Währungsmanipulation steht allerdings nach wie vor im Raum. Insbesondere die Amerikaner kritisieren, dass China über allerlei Instrumente den Renminbi gezielt schwach halte. Währungsliberalisierung lautet daher eine der zentralen Forderungen der Trump-Administration an die Adresse von Staatspräsident Xi Jinping.

Geopolitische Konkurrenz

Wirtschaftlich profitieren beide Nationen also voneinander, geopolitisch herrscht hingegen Konkurrenz, die mit jedem Tag schärfer zu werden scheint. China, das bevölkerungsreichste Land der Erde mit mehrtausendjähriger Zivilisationsgeschichte, sieht sich dabei auf dem Weg zurück zu seinem angestammten Platz: in die Mitte, ins Zentrum der Welt. Die USA hingegen als Sieger des Kalten Krieges verstehen sich als einzig verbliebene Supermacht und leiten aus ihrer Rolle als Verteidiger der Freiheit einen globalen Gestaltungsanspruch ab. Im Pazifik stoßen die Interessen der beiden Nationen aufeinander. Drei der fünf größten Volkswirtschaften sind Anrainerstaaten, in dieser Region konzentrieren sich fast zwei Drittel des weltweiten Brutto-Inlandsprodukts. Damit sind politische Fragen rund um die Beziehung zwischen Washington und Peking immer auch wirtschaftliche und damit kapitalmarktrelevante Themen.

Zukunftsstrategie für China

Vor diesem Hintergrund ist in den letzten Jahren ein regelrechter Wettlauf um die Vormachtstellung im Pazifik entbrannt. China hat seine Ambitionen sehr deutlich gemacht, indem es Initiativen auf verschiedenen Feldern startete. Darunter fällt beispielsweise der unter dem Schlagwort „Made in China 2025“ veröffentlichte industriepolitische Anspruch, in den nächsten Jahren eine führende Position in Schlüsseltechnologien zu erlangen – unter anderem haben die Planer dabei den Telekommunikationssektor im Auge. Insbesondere beim Ausbau der Funknetze auf den neuesten Standard 5G wurde die mögliche Beteiligung chinesischer Firmen auch in Deutschland zuletzt kontrovers diskutiert. In den USA ist die Debatte ungleich heftiger. China plane technologische Dominanz, monieren die Kritiker, daher dürfe man sich bei sicherheitsrelevanten Kernbereichen wie der Infrastruktur nicht von chinesischem Know-how abhängig machen.

Eine weitere Dimension umfasst die „Belt and Road Initiative“. Darunter fasst Peking seine Pläne zusammen, mittels einer Neuauflebung der Seidenstraße seine Nachbarn wirtschaftlich enger an sich zu binden. Durch einen Gürtel von Infrastrukturprojekten sollen die Anrainer so weit wie möglich mit Chinas Wirtschaft integriert werden. Die dafür notwendigen Investitionen werden zu einem Großteil aus chinesischen Kassen finanziert. Aus Sicht der USA und einiger besorgter Nachbarstaaten strebt die chinesische Regierung damit eine spürbare Erweiterung ihres außenpolitischen Einflusses bis hin zur regionalen Dominanz an.

Wie US-Amerikaner die Fairness im Handel bewerten

Wie schätzen Sie die Handelsbeziehungen gegenüber den USA ein?
(Angaben in Prozent)
Wie US-Amerikaner die Fairness im Handel bewerten
Quelle: Gallup, 24. Juni 2018

China rüstet auf

Diese Sorge wird umso größer, als auch Chinas militärische Ambitionen wachsen. Zwar ist der US-Verteidigungshaushalt nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts SIPRI mit 610 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 nach wie vor mit Abstand der größte weltweit. Aber: China holt kräftig auf und gibt mittlerweile 228 Milliarden US-Dollar für sein Militär aus. Zum Vergleich: Der deutsche Bundeshaushalt sah 2017 einen Wehretat von 44,3 Milliarden US-Dollar vor. Diese starke Steigerung der chinesischen Ausgaben werden in der politischen Klasse Washingtons mit Argwohn gesehen. Nicht nur Politiker aus der Republikanischen Partei, sondern auch die oppositionellen Demokraten warnen vor dem Aufstieg Chinas. Insofern handelt es sich bei dem Konflikt mit China nicht nur um ein Anliegen Trumps. Die (geo-)politische Auseinandersetzung setzt vielmehr den Rahmen, innerhalb dessen der Handelsstreit gesehen werden muss. Rein wirtschaftliche Erwägungen können daher immer wieder von strategischen Motiven überlagert werden. Entsprechend anfällig bleibt die Lage, trotz der jüngsten Annäherung zwischen beiden Lagern.

Fazit: Nicht nur ein Streit um Handelsfragen

In Summe ergibt sich daraus ein Bild, das den Zollkonflikt als ein Element des Ringens um die Kontrolle im Pazifik erscheinen lässt. Entspannungszeichen sind selbstverständlich zu begrüßen, nicht nur aus Kapitalmarktsicht. Sie sollten aber nicht über die zugrunde liegenden Konfliktlinien hinweg täuschen: Das Verhältnis zwischen Peking und Washington ist spannungsgeladen, nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Gegensätze. Eine grundlegende Beilegung der Differenzen ist daher wenig wahrscheinlich. Diese anhaltende Anfälligkeit in einer der ökonomisch wichtigsten Gegenden der Welt gilt es für Investoren zu beachten.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
22. März 2019, soweit nicht anders angegeben.