unsplash_valik-chernetskyi-D7fPbwGQMHY_sw_1200x675px

Osteuropäische Währungen erholen sich vom Corona-Knick

Die ost- und mitteleuropäischen Währungen haben sich beachtlich geschlagen – selbst gegenüber dem erstarkenden Euro. Was die Gründe dafür sind und was für Lokalwährungsanleihen aus der Region spricht, analysieren die Experten von Union Investment.

Die Devisenmärkte der Emerging Markets sind volatil und stark risikosensitiv. So weit, so bekannt. Umso erstaunlicher, dass die Währungen der ostmitteleuropäischen Staaten sich in den vergangenen Wochen und Monaten sehr achtbar geschlagen haben – anziehender Corona-Neuinfektionen zum Trotz. Während der US-Dollar gegen den Euro im Juli abwertete, legten Forint, Zloty und Leu sogar zu. Ein Zufall? Wohl kaum.

Fundamentalökonomischer Rückenwind

Vielmehr gibt es eine Reihe unterstützender fundamentalökonomische Gründe. Dazu gehört einerseits die Hoffnung auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung der Region als Reaktion auf die Wiedereröffnung der EU-Grenzen – auch wenn dieser Trend mit den anziehenden Infektionszahlen aktuell eher unsicherer wird. Eine verlässlichere Stütze stellt die allgemeine Schwäche des US-Dollar dar, die sich positiv auf die globale Liquidität auswirkt. Auch die lockere Geldpolitik der Zentralbanken in den Industriestaaten sowie der gestiegene Risikoappetit internationaler Investoren zeigen in diese Richtung. Das hilft Emerging-Market-Anlagen im Allgemeinen, und damit auch den ost- bzw. mitteleuropäischen Devisen.

Europäischer Wiederaufbaufonds stützt Region

Einen weiteren Schub erhielten die Währungen zudem durch die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels. Polen wird beispielsweise Zuschüsse aus dem Europäischen Wiederaufbaufonds (Recovery Fund) in Höhe von 26,8 Milliarden Euro erhalten, Rumänien über 13,7 Milliarden Euro und Ungarn immerhin noch 6,1 Milliarden. Die Mittel werden die Konjunktur in diesen Ländern stabilisieren und das Wachstum stärken, haben also einen expansiven Effekt auf Ostmitteleuropa. Ein starker Rebound der Wirtschaftsleistung im Jahr 2021 wird dadurch wahrscheinlicher.

Zuschüsse aus dem EU-Wiederaufbaufond

Osteuropäische Länder, in Mrd. Euro (inkl. Veränderung zum ursprünglichen Vorschlag der EU-Kommission)
Osteuropäische Währungen: EU-Gelder stützen, Geldpolitik bremst
Quelle: Bruegel, Bloomberg, Union Investment

Aber: Dieser Effekt dürfte eher mittelfristig auf die Währungen wirken. Kurzfristig ist die Unterstützung hingegen eher sentiment-getrieben. Denn: Das „frische“ EU-Geld wird nicht am Devisenmarkt konvertiert, sondern der Umtausch erfolgt über eine Verrechnung der jeweiligen Zentralbankreserven. Aus den Transfers erfolgt also kein unmittelbarer Zahlungsstrom an der Börse. Den Währungen hilft der Entscheid aber natürlich trotzdem.

Swap-Linien und Währungsreserven ausreichend vorhanden

Positiv sind außerdem die jüngst eingeführten Swap-Linien zwischen der Europäischen Zentralban (EZB) und ihren lokalen Pendants in der Region. Dadurch wird die Versorgung Ostmitteleuropas mit Euro-Liquidität sichergestellt – eine Rückversicherung für den Fall von möglicherweise erneut auftretendem Finanzmarktstress. Notwendig ist die Maßnahme derzeit allerdings nicht. Das Gros der osteuropäischen Länder weist ausreichende Währungsreserven auf, um die jeweiligen Devisenkurs erfolgreich zu stützen. Daher hat auch dieser Schritt in erster Linie einen symbolischen Charakter, stärkt aber das Sentiment.

Geldpolitischer Trend belastet

Negativ wirkt hingegen der geldpolitische Trend in der Region. Fast alle Zentralbanken – von Polen (Senkung um 140bp im Jahr 2020) über Tschechien (minus 200bp) bis hin zu Ungarn (minus 30bp) – haben ihre Leitzinsen auf Null oder nah an Null geführt. Gleichzeitig sind aber die Inflationszahlen, entgegen der Erwartungen, nicht kollabiert. Rein finanzwirtschaftlich bedeutet das: Die Länder sind auf absehbare Zeit mit einer stark negativen Realverzinsung konfrontiert. In der Theorie sollte dieser Effekt die Währungen mittelfristig belasten, auch weil ausländische Investoren ihre Bestände an lokalen Anleihen nach dem guten Lauf eher veräußern könnten und das Geld wieder in Hartwährungen konvertieren.

Auf dem Gaspedal: Geldpolitik im Lockerungsmodus

Überblick geldpolitisches Umfeld und Lokalwährungen ausgewählter osteuropäischer Staaten
Osteuropäische Währungen: EU-Gelder stützen, Geldpolitik bremst
Quelle: Bruegel, Bloomberg, Union Investment

Lokalwährungsanleihen attraktiv

Die Renditen für Lokalwährungsanleihen sind in den letzten Monaten stark gefallen. Wichtige Treiber dafür waren sowohl die skizzierten Zinssenkungen, aber auch quantitative Lockerungsmaßnahmen. Die Anwendung dieser geldpolitischen Instrumente stellt ein Novum für Osteuropa dar, zumindest was die aktuelle Ausprägung angeht. Die polnische Zentralbank hat beispielsweise innerhalb weniger Wochen Anleihen im Volumen von fast fünf Prozent des BIPs angekauft.

Obwohl der Risikoaufschlag (Spread) sich in der Folge stark eingeengt hat, bieten osteuropäische Anleihen in Lokalwährungen noch teilweise attraktive Prämien gegenüber „sicheren“ Anleihen. Polnische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit handeln aktuell rund 1,8 Prozent über deutschen Bundesanleihen, in Ungarn liegt der Aufschlag gar bei 2,5 Prozent. Gleichzeitig ist die Währungsabsicherung derzeit eher günstig. Für internationale Investoren aus dem Dollar- oder Euroraum kann daher eine Investition auf währungsgesicherter Basis durchaus lukrativ sein.

Allgemeiner Ausblick neutral

Solange die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte von der Corona-Krise gekennzeichnet bleiben, bestehen die Unsicherheiten für die Region aber weiter fort. In der Gesamtschau ist das Bild also gemischt: Belastungsfaktoren (wie die negative Realverzinsung, stark geschrumpften Spreads oder die QE-Maßnahmen der Notenbanken) werden durch ebenso starke Unterstützungskräfte (wie die US-Dollarschwäche, solide Handelsbilanzen, EU-Zuflüsse und EZB-Swap-Linien) ausgeglichen. Der Ausblick für die Währungen Ost- bzw. Mitteleuropas ist damit insgesamt derzeit neutral.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
05. August 2020, soweit nicht anders angegeben.