Ölpreis vor Sommerhoch

Max Holzer

Max Holzer leitet seit 2017 im Portfoliomanagement von Union Investment die Abteilung Relative Return des Bereiches Multi Asset und ist eines von sechs stimmberechtigten Mitgliedern des „Union Investment Committee“ (UIC).

Am Ölmarkt ist in den kommenden Monaten ein vorübergehendes Überschießen der Vorjahreshöchststände möglich. Ein Grund dafür ist die Verknappung des Angebots, unter anderem weil die US-Ausnahmeregelungen für iranisches Öl ausgelaufen sind. Hinzu kommt die erhöhte Nachfrage während der „driving season“.

Die Vereinigten Staaten hatten im November 2018 ihre bislang härtesten Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verhängt. Jedoch gab es für acht Länder, darunter China, Indien und die Türkei, eine Ausnahmeregelung. Sie durften bislang weiterhin Öl aus dem Land am Persischen Golf beziehen. Diese Regelung ist seit dem 2. Mai hinfällig. Für den Iran bedeutet die Entscheidung der USA einen Rückgang der Ölförderung um etwa 600.000 bis 700.000 Fässer pro Tag. Das trifft weltweit Autofahrer, Fluglinien und die Industrie. Allein die Ankündigung des Weißen Hauses Ende April, die Ausnahmeregelungen auslaufen zu lassen, sorgte für einen kräftigen Anstieg des Ölpreises auf knapp 75 US-Dollar je Fass der Marke Brent – 41 Prozent mehr als noch zu Jahresbeginn 2019. Die Höchststände vom Vorjahr, die bei rund 85 US-Dollar lagen, könnten in diesem Jahr noch übertroffen werden.

Angebot bleibt knapp

Bei dem durch die Sanktionen verknappten Ölangebot dürfte es zunächst bleiben, denn es gibt derzeit kein Land, das die Angebotsausfälle kompensieren kann und will. Saudi-Arabien, der größte Erdölexporteur der Welt, könnte die Lücke zwar füllen, scheint aber nicht dazu bereit zu sein.

Tatsächlich fördert Saudi-Arabien aktuell mit 9,8 Millionen Barrel pro Tag 800.000 Barrel weniger als noch Ende des Jahres 2018. Das liegt sogar deutlich unter der mit den anderen OPEC-Staaten bereits im vergangenen Dezember vereinbarten gedrosselten Quote von täglich 10,3 Millionen Barrel pro Tag. Der Grund: Saudi-Arabien will seinen Staatshaushalt ausgleichen, dafür muss der Ölpreis auf knapp über 80 US-Dollar je Fass steigen. Bei aktuell 71 US-Dollar pro Fass ist dieses Ziel noch nicht erreicht. Von einem höheren Ölpreis würde das Land also profitieren.

Ölmarkt rutscht durch Iran-Sanktionen ins Defizit

Wie Saudi-Arabien verknappen auch die anderen OPEC-Staaten ihr Ölangebot, um rentabler fördern zu können. Die im Dezember zusammen mit Russland und weiteren Staaten (OPEC+) vereinbarten freiwilligen Produktionskürzungen dürften somit erst einmal bis zur nächsten OPEC-Sitzung Ende Juni Bestand haben. Daneben fehlen täglich 400.000 Barrel venezolanisches Öl auf dem Markt. Denn auch das lateinamerikanische Land wurde mit US-Sanktionen belegt und leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise.

„Driving season“ steigert Nachfrage

Doch nicht nur das zurückgehende Angebot sorgt für höhere Preise, sondern auch die saisonal hohe Nachfrage im dritten Quartal. Beispielhaft steht dafür die so genannte „driving season“ in den USA, die traditionell mit dem „Memorial Day“-Feiertag am 27. Mai beginnt. Die Autobahnen füllen sich und der Umsatz der Tankstellen explodiert. Dies führt zu fallenden Lagerbeständen und einem entsprechend steigenden Preis für Öl.

Hinzu kommen erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung in China aufgrund diverser staatlicher Stimuli. Auch weltweit hellt sich das Konjunkturumfeld auf. Läuft die Wirtschaft wieder besser, steigt die Ölnachfrage.

Risiko für kurzzeitigen Ölpreisausbruch steigt

Sollte es vor diesem Hintergrund zu weiteren unerwarteten Angebotsausfällen, zum Beispiel in Libyen, kommen, ist ein kurzzeitiger Ölpreisausbruch möglich. Die Höchststände aus dem vergangenen Jahr von rund 85 US-Dollar je Fass der Sorte Brent könnten dann übertroffen werden.

Dieses Szenario wäre sehr schädlich für die sich zaghaft erholende Weltwirtschaft. Die schnell steigenden Preise würden einige Länder und Industrien, die Öl benötigen, stark belasten. Als Folge könnte insbesondere in Schwellenländern die Ölnachfrage zurückgehen. Das ist einer der Gründe, warum der Ölpreisausschlag nicht von langer Dauer sein dürfte.

Langanhaltender Ölpreisschock unwahrscheinlich

Dafür sorgt auch die OPEC+ selbst. Wir gehen davon aus, dass mittelfristig vonseiten des Ölkartells wieder mehr Angebot auf den Markt kommen könnte. Nigeria, Kuwait oder Russland möchten ihre Produktion im weiteren Jahresverlauf gerne erhöhen und könnten nach der OPEC-Sitzung Ende Juni aus den Kürzungsvereinbarungen ausscheren. Saudi-Arabien dürfte ebenfalls den Hahn wieder aufdrehen, sobald die Marke von 80 US-Dollar überschritten wird – nicht zuletzt aufgrund politischen Drucks aus den USA.

Deutliches Angebotsdefizit im dritten Quartal 2019 erwartet

Letztlich dürften im zweiten Halbjahr auch die US-amerikanischen Schieferölproduzenten mehr Öl anbieten. Die US-Förderer sitzen derzeit zwar auf genügend Reserven, haben aber nicht die Kapazitäten, um das Öl zu exportieren. Ende des Jahres dürfte sich das ändern. Dann werden im Permian-Becken, der größten Schieferöl-Förderregion in Nordamerika, wichtige Pipelines fertig. Entsprechend können die Amerikaner dann mehr Öl ausführen. Und wenn die „driving season“ im Spätsommer vorbei ist, wird die Nachfrage saisonal auch wieder zurückgehen. All diese Faktoren könnten das Angebotsdefizit für Öl im dritten Quartal bis zum Jahresende auflösen und Druck auf den Rohstoffpreis ausüben.

In den nächsten Monaten kann es also durchaus zu einem deutlichen Ölpreisanstieg, sogar einem Überschießen des Preises kommen. Einen Ölpreisschock mit weitreichenden, langfristig negativen Folgen für die Konjunktur, wie beispielsweise im Jahr 2008, erwarten wir nicht. Denn nach einer deutlichen Preisspitze sollte die Ölnotierung im Verlauf des zweiten Halbjahres unter Schwankungen zurückgehen. Bis zum Jahresende dürfte sich die Ölnotierung wieder der Marke von 70 US-Dollar für ein Fass Brent annähern.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
15. Mai 2019, soweit nicht anders angegeben.