Mehr als nur Lichtblicke in der Peripherie

Es ist noch nicht lange her, da galt das Wort „Peripherie“ an der Börse als Synonym für „Krisenland“. Noch vor fünf Jahren hingen dunkle Wolken über Europas Süden, die Länder am Rande der Eurozone befanden sich in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Heute sind die ehemaligen Krisenstaaten wieder im Aufwind. Darüber haben wir mit Rüdiger Kerth, Rentenfondsmanager bei Union Investment, gesprochen.
 
Rüdiger Kerth
Rüdiger Kerth ist seit Anfang 2002 als Rentenfondsmanager bei Union Investment tätig, wo er den Bereich europäische Staatsanleihen verantwortet.

Herr Kerth, noch vor kurzem glaubte manche, der Euroraum könnte zusammenbrechen, da immer mehr Staaten der Europäischen Währungsunion (EWU) in wirtschaftliche Schieflage geraten sind. Doch wie kam es zum Umschwung?

Dafür gibt es im Großen und Ganzen drei Gründe: Erstens kam es zu einer Erholung der Weltwirtschaft, die wieder Rückenwind durch eine steigende Exportnachfrage verlieh. Dazu kam die Unterstützung der Europäischen Zentralbank (EZB). Ihr Präsident Mario Draghi versprach, alles zu tun, um den Euro zu retten. Das Anleihekaufprogramm der Währungshüter griff den Peripherieländern durch gefallene Refinanzierungskosten unter die Arme. Zu guter Letzt haben einige Peripheriestaaten, vor allem Irland, Spanien und Portugal mit ihren ehrgeizigen Reformen selbst dazu beigetragen, die Eurokrise zu bewältigen.

Beim Thema Eurokrise denkt man zuerst an Griechenland. Wie ist die Lage dort? Derzeit ist immer noch jeder Fünfte arbeitslos…

Das stimmt, doch wenn man bedenkt, dass die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich auf bis zu 27,5 Prozent gestiegen ist, ist dies bereits ein Fortschritt. Die Lage in Griechenland ist zwar noch immer angespannt, aber der Tiefpunkt sollte durchschritten sein. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,6 Prozent. Die positive Entwicklung lässt sich auch an den Kapitalmärkten erkennen: Der griechische Aktienindex konnte 2017 zulegen. Aber noch wichtiger ist die Entwicklung auf der Anleiheseite: Die Rendite für eine zehnjährige Staatsanleihe ist um mehr als ein Drittel auf 4,1 % zum Jahresende gesunken. Es wächst die Hoffnung, dass Athen nach dem Auslaufen der Hilfsprogramme im Sommer 2018 wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Griechenland lässt also nach und nach das dunkle Kapitel der letzten Jahre hinter sich.

Neben Griechenland war auch Irland auf Hilfskredite aus der EU angewiesen. Hat sich die grüne Insel ebenfalls wieder erholt?

In Irland kann man sogar von noch größeren Erfolgen sprechen. Dort lag das BIP-Wachstum zuletzt bei vier Prozent und die Arbeitslosigkeit fiel auf rund sechs Prozent – das ist ein enormer Erfolg. Ratingagenturen bewerten Irland wieder mit einem A+, was bedeutet, dass Irland ein solider Schuldner ist. Deswegen ist auch die Rendite für zehnjährige Papiere Ende 2017 auf 0,7 Prozent gesunken – und lag damit auf dem Niveau eines EWU-Kernlandes.

Das hört sich ja vielversprechend an. Sind die Aussichten auf der iberischen Halbinsel auch so positiv?

Nun ja, ganz so weit wie auf der grünen Insel ist man dort noch nicht. Doch auch in Portugal wurden große Fortschritte erzielt: So rechnet der IWF für 2017 mit einem BIP-Wachstum von 2,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist gegenüber 2013 um sechs Prozent auf knapp zehn Prozent zurückgegangen. Auch Portugal wurde zuletzt von den Ratingagenturen hochgestuft. Fitch hob sein Urteil auf BBB an, Portugal ist damit wieder Investment Grade. Das zeigt sich in einer sinkenden Rendite für zehnjährige Staatsanleihen.
In Spanien dagegen ist die Arbeitslosigkeit weiter hoch und die politische Lage ist instabiler geworden. Der Konflikt um eine Unabhängigkeit Kataloniens machte sich auch an den Börsen bemerkbar. Aber: Aus ökonomischer Sicht steht Spanien wieder auf der Sonnenseite. Der Tourismus boomt und der Export treibt die Konjunktur.

Fehlt noch Italien. Wie ist die aktuelle Lage dort?

In Italien ist das Wachstum derzeit so stark wie lange nicht. Der IWF rechnet für 2017 mit circa 1,5 Prozent – das ist der stärkste Anstieg seit sieben Jahren. Grund dafür ist wohl die Belebung des Welthandels, was die starke Industriebasis im Norden des Landes belebt. Dazu kommt, dass die Anleihekäufe der EZB die Zinslast des Schatzamts sinken ließen. Allerdings nutzte Rom das Reform-Zeitfenster der vergangenen Jahre nicht hinreichend.

Wie meinen Sie das? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Die Verschuldung von Italien ist trotz einiger Fortschritte immer noch die zweithöchste in der Eurozone. Und auch der Bankensektor ist weiterhin angeschlagen. Dafür ist vor allem der anhaltende politische Stillstand verantwortlich. Und es sieht nicht danach aus, als würde bei der anstehenden Parlamentswahl am 4. März 2018 eine Reformregierung die Mehrheit erringen. Die politische Hängepartie geht wohl weiter.

Mit Blick auf die gesamte Peripherie, wie lautet Ihr Fazit?

Es herrscht nicht überall eitel Sonnenschein, aber der Fortschritt der letzten Jahre zeigt, dass es sich um mehr als nur Lichtblicke handelt. Das zeigt sich in den verbesserten Anlageperspektiven. Die Länder am Rand der Eurozone tragen einen großen Teil zum Wachstum der Währungsunion bei. Doch Anleger sollten vorsichtig sein, da die Unterschiede zwischen den Staaten groß sind. Sie müssen unterscheiden, besonders weil die EZB ihre geldpolitische Unterstützung Stück für Stück zurückfährt. Dennoch ist Peripherie für mich kein Wort für Krise mehr, sondern für Chance.

Arbeitsmarkt in der Peripherie erholt sich

Arbeitsmarkt in der Peripherie erholt sich
Quelle: Internationaler Währungsfonds (IW); World Economic Outlook Database, Oktober 2017 Anmerkung: Werte nach 2016 sind Prognosen des IWF