Licht und Schatten in Europa

Populismus, Euroskepsis, Unabhängigkeitsbestrebungen: Die politischen Risiken in Europa sind groß. Gleichzeitig zeigt sich die Konjunktur von ihrer Schokoladenseite. Wieso der „alte Kontinent“ als Anlageregion in diesem komplexen Umfeld attraktiv ist.

171 Tage und damit so lange wie nie zuvor hat es gedauert, bis in Deutschland die Regierung stand. Am 14. März begann die vierte Amtszeit von Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Damit gibt es einen Unsicherheitsfaktor weniger in Europa. Den Kapitalmärkten blieb eine weitere Hängepartie vorerst erspart. Man muss kein Fan dieser Regierungskoalition sein, um festzustellen: Das ist eine gute Nachricht. Denn die GroKo steht neben Kontinuität, Stabilität und Verlässlichkeit vor allem für eine europafreundliche Politik. Damit können dringend notwendige Reformen in Europa angegangen werden.

Euroskeptiker triumphieren in Rom

Für die Börsen war die Entscheidung zur GroKo vorteilhaft. Nichts mögen die Kapitalmärkte weniger als Unsicherheit, denn sie erlaubt keine klare Positionierung. Dass Europa trotz der GroKo von stabilen politischen Verhältnissen weit entfernt ist, zeigt der Wahlausgang in Italien Anfang März. Neben der eurokritischen 5-Sterne-Bewegung konnte die rechtsextreme „Lega Nord“ deutlichen Zuspruch verzeichnen. Zu den Verlierern zählte dagegen die sozialdemokratische Partei des amtierenden Regierungschefs. Das Wahlergebnis zeigt, dass das „Gespenst des Populismus“ in Europa unvermindert sein Unwesen treibt und in Italien, rein rechnerisch, populistisch bis extremistisch geprägte Parteien die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen. So gestaltet sich die Regierungsbildung in Italien äußerst schwierig.

Es kann mehrere Monate dauern, bis die 62. Regierung seit 1945 steht. Dabei braucht Italien besser heute als morgen eine handlungsfähige Regierung. Zwar kommen von wirtschaftlicher Seite ermutigende Zahlen – beispielsweise befindet sich das Wirtschaftswachstum mit 1,5 Prozent im Jahr 2017 auf dem höchsten Stand seit 2011. Doch Probleme wie eine schlechte Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit sowie die stagnierende Produktivität bremsen die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone. In Verbindung mit der großen staatlichen Schuldenlast von rund 135 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bei zugleich vergleichsweise hohen privaten Vermögen bestehen strukturelle Herausforderungen fort.

Hinzu kommt, dass der Stiefelstaat stark am „Tropf“ der Europäischen Zentralbank (EZB) hängt, denn durch das Niedrigzinsumfeld lässt sich die staatliche Schuldenlast leichter schultern. Mit der eingeleiteten geldpolitischen Wende wird der Wind aber rauer. Diesen wird Italien vor allem zu spüren bekommen, wenn die EZB ganz aus dem Kaufprogramm aussteigt und in einem nächsten Schritt beginnt, die Zinsen anzuheben.

Populismus, wohin man schaut

Populismus und eurokritische Stimmen sind aber nicht nur ein italienisches Problem. Erst kürzlich hat die Europäische Union Polen mit einer Kürzung ihrer Mittel gedroht, sollte die dortige Rechtstaatlichkeit weiteren Schaden nehmen. Die Katalanen wollen nach wie vor ihre Unabhängigkeit und die Briten sind auf dem Weg dahin. Und auch in Deutschland sitzt die „Alternative für Deutschland“ erstmals und sogar als stärkste Oppositionspartei im Bundestag.

Konjunkturelles Comeback der Eurozone

Für das Vorantreiben der europäischen Idee kommt der Populismus zur Unzeit. Schließlich wäre jetzt das Zeitfenster zur tieferen europäischen Integration da. Mit Emmanuel Macron wird Frankreich von einem Staatspräsidenten regiert, der nicht nur innenpolitische Reformen vorantreibt, sondern sich auch nicht weniger als die „Neugründung Europas“ zum Ziel gesetzt hat. Und auch die Konjunktur unterstützt eine tiefere europäische Integration. Trotz leicht überrollender Frühindikatoren zeigt sich die wirtschaftliche Dynamik der Eurozone in hervorragendem Zustand. Einerseits treiben sowohl Binnen- als auch Außenwirtschaft das Wachstum an. Andererseits legen neben Kerneuropa auch ehemalige Sorgenkinder wie Spanien und Griechenland zu. Wir erwarten in diesem Jahr ein Wachstum für die Eurozone von 2,4 Prozent, gefolgt von knapp zwei Prozent 2019.

Das ist ein hervorragendes Umfeld für Unternehmen. Bei Union Investment gehen wir davon aus, dass die Firmen der Eurozone ihre Gewinne in diesem Jahr um zwölf Prozent steigern können. Vor diesem Hintergrund sind die Konzerne am Aktienmarkt nach wie vor moderat bewertet. Das für 2018 erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt für die Unternehmen des Währungsraums bei rund 14, das sind mehr als 20 Prozent weniger als am US-Markt, der allerdings stärker von IT-Megatrends profitiert und weniger unter der vielschichtigen politischen Unsicherheit leidet. Dennoch: Neben den fundamentalen Faktoren spricht am aktuellen Rand auch die Bewertung für europäische Aktien.

Behutsame geldpolitische Wende

Für die Anleihemärkte der Eurozone wird das Umfeld mit der geldpolitischen Wende schwieriger, weil unsicherer. Die EZB hat im Januar ihre Anleihekäufe halbiert und erwirbt monatlich „nur“ noch Papiere in Höhe von 30 Milliarden Euro. Dennoch wird die Abkehr von der ultraexpansiven Geldpolitik behutsam vonstattengehen, denn die Inflation befindet sich noch weit vom Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank entfernt. Wir erwarten, dass die EZB den Markt kommunikativ auf einen sukzessiven Ausstieg aus dem Kaufprogramm für Herbst vorbereiten wird. Und auch nach Ende des Ankaufprogramms werden fällig werdende Anleihen weiter reinvestiert. Bis es der angeschwollenen Bilanz an den Kragen geht und die Leitzinsen angehoben werden, wird also noch einige Zeit vergehen. Mit einem ersten Zinsschritt rechnen wir frühestens Mitte 2019. Es würde aber auch nicht verwundern, wenn die erste Zinserhöhung erst erfolgt, wenn Mario Draghi den Staffelstab der EZB-Präsidentschaft an seinen Nachfolger übergeben hat. Die Notenbank steht somit erst am Anfang eines langen Weges hin zur Normalisierung der Geldpolitik.

Zeit für europäische Aktien

Trotz politischer Risiken und einer tendenziell leicht straffer werdenden Geldpolitik stellt die Eurozone eine attraktive Anlageregion dar. Wer als Investor erfolgreich agieren will, muss aber differenzieren: Während das Umfeld für Staatsanleihen tendenziell schwieriger wird, bieten sich bei Aktien Chancen. Die Mischung aus robuster Konjunktur, soliden Gewinnen und vergleichsweise moderater Bewertung stellt ein hervorragendes Umfeld für Aktien dar. Im Rentenbereich sollte der Fokus auf Nischen wie Nachranganleihen oder High Yield-Papiere gelenkt werden, auch wenn Selektivität und eine genaue fundamentale Analyse von Nöten sind.

 

 

Stand: 26.04.2018