Keine Rezession in Deutschland

In Deutschland zeichnet sich dank positiver Impulse aus dem Konsum keine Rezession ab. Es handelt sich jedoch allenfalls um eine Stabilisierung, nicht um eine nachhaltige Besserung. In den USA ist die Zinsstrukturkurve nicht mehr invers, aber die US-Konjunktur verliert an Dynamik. Wie geht es in beiden Regionen konjunkturell weiter?

Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Vorquartal (-0,2 Prozent) legte das Wachstum in Deutschland im dritten Quartal mit 0,1 Prozent wieder leicht zu. Deutschland ist damit einer Rezession entgangen. Das positive Vorzeichen kam für die Ökonomen überraschend. Sie hatten mehrheitlich mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent und somit einer technischen Rezession gerechnet. Diese läge vor, wenn die Wirtschaftskraft zwei Quartale in Folge schrumpft. Ist damit der konjunkturelle Abwärtstrend hierzulande zu Ende?

Deutschland: Technische Rezession vermieden

BIP-Wachstum im Vergleich zum Vorquartal
Deutschland: Technische Rezession vermieden
Quelle: Bloomberg; Stand: 15. November 2019

Konsum als Wachstumsstütze in Deutschland

Vor allem der Konsum lieferte im dritten Quartal positive Impulse. Die privaten Haushalte haben mehr konsumiert als im zweiten Quartal. Und auch der Staat hat seine Konsumausgaben gesteigert. Während darüber hinaus die Exporte gestiegen sind, blieben die Importe in etwa auf dem Niveau des zweiten Quartals. Außerdem wurde mehr im Baugewerbe investiert. Dagegen sind die Investitionen in Ausrüstungen gesunken.

Die Rezession konnte also überraschend abgewendet werden. Auch haben sich in den vergangenen Wochen einige konjunkturelle (Früh-)Indikatoren verbessert. Beispielsweise ist der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe im September mit +1,3 Prozent im Vergleich zum Vormonat überraschend stark gestiegen. Und der Einkaufsmanagerindex für die Industrie in Deutschland stieg im Oktober vom tiefsten Stand seit zehn Jahren (41,7) auf 42,1 Punkte – liegt damit aber immer noch deutlich unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten. Daneben sorgten auch der Brexit und der Handelsstreit für Hoffnung: In Großbritannien ist die Gefahr eines harten Brexits gesunken und beim Handelsstreit haben sich die beiden Konfliktparteien USA und China angenähert.

Eine Beilegung des Handelsstreits sowie ein geregelter Brexit wären positiv für die deutsche Wirtschaft, doch bisher sind bei beiden Themen lediglich Fortschritte und noch kein Durchbruch zu verzeichnen. Und auch die Frühindikatoren weisen allenfalls auf eine Stabilisierung hin, so die Meinung der Volkswirte bei Union Investment. Auch wenn es zu keiner Rezession gekommen ist, ist die konjunkturelle Lage in Deutschland nach wie vor schwach. Die deutsche Wirtschaft ist stark exportorientiert. Deswegen leidet Deutschland stark unter dem infolge des Handelsstreits eingetrübten Welthandels. Auch das gedämpfte Wachstum in China setzt der hiesigen Industrie zu.

Deutschland hinkt aktuell den meisten anderen Ländern Europas hinterher. Die Wirtschaft der 28 Staaten der Europäischen Union legte zum Vorquartal um 0,3 Prozent zu, das Wachstum im Euroraum liegt bei 0,2 Prozent.

Industrie-Schwäche belastet Arbeitsmarkt

Die Volkswirte bei Union Investment gehen davon aus, dass die Eintrübung in der Industrie schleichend auf den bisher noch starken Arbeitsmarkt übergreifen wird. Das wiederum dürfte den privaten Konsum schwächen. Die noch recht robuste Binnennachfrage sollte sich also in den kommenden Monaten abschwächen. Dies würde negativ auf das Wachstum im nächsten Jahr wirken.

Ausgleichend sollte die gestiegene Bereitschaft der Politik zur Ausweitung der Staatsausgaben wirken. Trotz der Einschränkung durch die Schuldenbremse rechnen die Volkswirte für 2020 mit zusätzlichen staatlichen Mehrausgaben in der Höhe von etwa 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Hiermit dürfte die Schwäche in der Industrie zwar nicht umgekehrt, aber deutlich abgemildert werden. Die Bautätigkeit sollte sich weiterhin sehr robust zeigen – die expansive Geldpolitik in der Eurozone sorgt hier für eine entsprechende Nachfrage. Die Volkswirte bei Union Investment rechnen für das Gesamtjahr 2019 in Deutschland mit einem BIP-Wachstum von 0,5 Prozent (Vorjahr: 1,5 Prozent). 2020 könnte es zum einer BIP-Zunahme um 0,6 Prozent kommen. Auch für die Eurozone insgesamt sind die Aussichten nicht rosig, aber immerhin etwas besser: Hier erwarten die Experten für 2020 ein BIP-Wachstum von 0,8 Prozent.

Konjunkturdynamik bleibt in 2020 schwach

BIP-Prognosen von Union Investment
Konjunkturdynamik
Quelle: Union Investment, Stand: 15. November 2019

Eine nachhaltige Besserung der Konjunkturlage in Deutschland ist also trotz abgewendeter Rezession und vereinzelt besserer Frühindikatoren nicht in Sicht, allenfalls eine weitere Stabilisierung. Denn die Ursachen der Wachstumsschwäche wie der Handelskonflikt und der der Brexit werden das wirtschaftliche Umfeld auch 2020 belasten.

USA: Zinsstrukturkurve nicht mehr invers

Auch in Bezug auf die USA war das Wort Rezession in aller Munde – spätestens seit die Zinsstrukturkurve im Bereich zwei bis zehn Jahre Mitte August 2019 invertierte, die Renditen von Anleihen mit zweijähriger Laufzeit also über denen mit zehnjähriger Laufzeit lagen. Seit 1956 folgte diesem Ereignis bislang immer eine Rezession der US-Wirtschaft, daher gilt eine inverse Zinsstrukturkurve als Rezessionsindikator. Im Durchschnitt dauerte es aber 17 Monate, bis es nach dem erstmaligen Auftreten einer inversen Kurve auch tatsächlich zu einer Rezession kam.

Doch die Zinsstrukturkurve über alle Laufzeiten ist nun nicht mehr invers, sondern hat wieder einen Normalzustand erreicht. Durch die Zinssenkungen der US-Notenbank wurden die kurzfristigen Zinsen nach unten gezogen. Gleichzeitig haben stabilere konjunkturelle Frühindikatoren die Inflationserwartungen und die langfristigen Zinsen steigen lassen.

Zurück zum normalen Verlauf

US-Zinsstrukturkurve
Zurück zum normalen Verlauf
Quelle: Bloomberg; Stand: 15. November 2019

Die US-Wirtschaft hat sich lange Zeit im Vergleich zur Eurozone sehr robust gezeigt. In den vergangenen Wochen trübte sich auch in den Vereinigten Staaten das Bild mehr und mehr ein. Schwächere Stimmungsindikatoren, aber auch eine nachlassende Dynamik bei Konjunkturdaten, beispielsweise zu Beschäftigungsentwicklung und Produktion, verdeutlichten dies. Die Volkswirte bei Union Investment betrachten diese abgeschwächten Indikatoren aber auch nicht als ein Rezessions-, sondern vielmehr als ein Verlangsamungssignal. Insbesondere beim Konsum sind bislang keine deutlichen Abschwächungstendenzen sichtbar.

US-Konjunktur verliert an Dynamik

Verlangsamung ist auch das Stichwort mit Blick auf das nächste Jahr. In den USA dürfte die Konjunktur in den kommenden Monaten weiter an Dynamik verlieren. Die Volkswirte rechnen damit, dass sich das BIP-Wachstum 2020 auf 1,6 Prozent verlangsamt (2019: 2,3 Prozent erwartet). Eine Ursache für diesen Rückgang sind die nachlassenden Effekte der Unternehmenssteuerreform von 2017. Auch der Handelsstreit mit China sorgt für eine erhebliche Verunsicherung bei den US-Unternehmen. Dadurch investieren die Firmen weniger. Der private Konsum bleibt aber mit moderat steigenden Löhnen der Wachstumsmotor der US-Wirtschaft.

Es kommt also zunächst zu keiner Rezession, wirklich positiv ist das Bild jedoch weder in Deutschland noch in den Vereinigten Staaten. Sollte es bei den zahlreichen Belastungsfaktoren, etwa beim Handelsstreit oder beim Brexit, zu Lösungen kommen, dürfte sich das Bild aber wieder etwas aufhellen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
15. November 2019, soweit nicht anders angegeben.