Globale Rezession 2020 nicht mehr zu vermeiden

In Anbetracht der jüngsten Entwicklungen rund um das Corona-Virus haben die Volkswirte bei Union Investment ihre Wachstumsprognosen deutlich gesenkt. Hintergrund sind die weiter schnell zunehmende Ausbreitung der Pandemie sowie die drastischen Gegenmaßnahmen in vielen Ländern.

Unsere Konjunkturerwartung fußt dabei auf folgenden Annahmen:

  • Temporäre Lahmlegung des öffentlichen Lebens bis Mitte April in vielen entwickelten Volkswirtschaften (insbesondere Europa und USA). Infolgedessen sollte die Pandemie eingedämmt werden.

  • Ein scharfer Wirtschaftseinbruch im Frühjahr 2020 (erstes und zweites Quartal).

  • In der Folge eine „klassische Rezession“ aufgrund von schwachen Investitionen und steigender Arbeitslosigkeit.

  • Staatliche Stützungsmaßnahmen dürften negative Zweitrundeneffekte abmildern. Ab dem Jahr 2021 sollte eine Erholung einsetzen.

  • Keine systemische Krise der Finanzwirtschaft.

BIP in der Eurozone geht deutlich zurück

Damit ist beim Brutto-Inlandsprodukt (BIP) der Europäischen Währungsunion (EWU) ein Rückgang von 3,6 Prozent im Jahr 2020 zu erwarten (vorherige Prognose: +0,8 Prozent). Besonders betroffen dürfte Italien sein, dass aktuell die höchsten Infektionszahlen außerhalb Chinas aufweist. Auch für Deutschland gehen wir von einer Rezession aus. In zeitlicher Hinsicht sollten das erste und insbesondere das zweite Quartal schwach ausfallen, bevor in der zweiten Jahreshälfte nach und nach eine Stabilisierung einsetzt. Im Jahr 2021 rechnen wir wieder mit positiven Wachstumsraten.

US-Wachstum bricht ein, kommt aber von hohen Niveaus

In den USA dürfte die Wirtschaft auch im zweiten Quartal deutlich nachgeben. Die USA sind im Gegensatz zur EWU stärker gegenüber einem Einbruch des Konsums exponiert, während Europa eine größere Abhängigkeit gegenüber der Weltwirtschaft aufweist. Gleichzeitig war das Wachstum in den USA bis zuletzt sehr robust. In der Gesamtschau rechnen wir daher für 2020 mit einem BIP-Rückgang von 1,9 Prozent (vorherige Prognose: +1,6 Prozent). Auch in den USA gehen wir von einer Rückkehr auf den Wachstumspfad im Jahr 2021 aus.

Lähmung trifft in erster Linie Realwirtschaft

Die aktuelle Lage weist zwar gewisse Parallelen zur Finanzkrise 2008 auf, aber auch erhebliche Unterschiede. War damals vor allem der Finanzsektor „eingefroren“, so ist heute in erster Linie die Realwirtschaft betroffen. Das Stilllegen des öffentlichen Lebens bringt große Teile des Wirtschaftskreislaufs zum Erliegen. Daraus resultieren durchaus auch für den Finanzsektor potenzielle Risiken, etwa in Form von Liquiditätsengpässen oder unkontrollierten Firmeninsolvenzen. Durch die entschlossene, schnelle und insgesamt richtige Gegenreaktion von Zentralbanken und Regierungen rund um den Globus halten wir dieses Risiko aber für wirkungsvoll adressiert. Wir gehen also von einer klassischen Rezession, aber keiner systemischen Krise der Finanzwirtschaft aus.

Geld- und Fiskalpolitik für Erholung nicht hinreichend

Für eine Verbesserung des Konjunkturbildes sind geld- und fiskalpolitische Hilfen allein aber nicht hinreichend. Vielmehr muss zunächst eine Beruhigung bzw. Verbesserung bei der Ausbreitung der Pandemie sichtbar werden. Erst dann kann nach unserer Einschätzung die Wirtschaft langsam wieder „auftauen“ und die Aktivität in Gang kommen. Ab diesem Stadium dürften die staatlichen Maßnahmen dann auch voll wirksam werden und den Erholungsprozess unterstützen.

Kapitalmärkte: Kurzfristig weiter turbulent, mittel- bis langfristig konstruktiv

Für die Kapitalmärkte heißt das: Kurzfristig dürfte die Entwicklung turbulent bleiben. So lange das Wachstum der Infektionszahlen nicht zurückgeht, erscheint eine nachhaltige Aufwärtsbewegung bei Aktien und Unternehmensanleihen unwahrscheinlich. Mittel- bis langfristig bleiben die Perspektiven aber konstruktiv. Nach einer Rückkehr auf den Wachstumspfad dürften die bislang geltenden Anlagetrends (wie z.B. das Niedrigzinsumfeld) weiter Bestand haben. Insofern empfiehlt es sich nach unserer Auffassung – trotz der aktuellen Marktlage – nicht, hektische oder gar alarmistische Anpassungen in langfristigen Anlagestrategien vorzunehmen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
17. März 2020, soweit nicht anders angegeben.