Führungswechsel?

Das deutsch-französische (Volkswirtschafts-)Paar lebt eine wechselhafte Beziehungsgeschichte. Vor wenigen Jahren war Deutschland der ökonomische Musterknabe Europas. Die Reformen der Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder und vor allem die explodierende Auslandsnachfrage Chinas beflügelten die Wirtschaft. In Frankreich hingegen war die wirtschaftliche Lage mäßig, Frustration prägte die Stimmung.

Im Mai 2017 aber setzte Emmanuel Macron „La République en Marche“. Sein Wahlsieg symbolisierte für viele die kraftvolle Absage an Populisten, Rassisten und Feinde Europas. Der Zauber dieses Aufbruchs veränderte die Stimmung im Land. Inzwischen zeigen sich ökonomische Resultate: Macrons Wirtschaftspolitik wird von vielen gelobt, während die Öffentlichkeit den Zustand der deutschen Volkswirtschaft mit Sorge betrachtet.

Ein Blick auf die Fakten legt die Frage nahe: Hat Macron das Blatt gewendet? Frankreichs Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2019 und 2020 um jeweils 1,3 Prozent wachsen. Deutschland hingegen schwächelt, die Wachstumsprognose liegt bei 0,5 Prozent in diesem und 0,6 Prozent im neuen Jahr.

Darum lohnt ein differenzierter Blick auf die aktuelle, eher politisch induzierte, und die strukturelle, historisch gewachsene, Lage der beiden Volkswirtschaften.

Deutschlands Exportabhängigkeit wird zur Achillesferse

Grundsätzlich ist Deutschland eine viel offenere Volkswirtschaft als Frankreich. Das deutsche Außenhandelsvolumen beträgt mehr als 70 Prozent des BIP, das französische lediglich knappe 45 Prozent. Frankreich hängt weniger vom Weltmarkt ab und verkraftet die derzeitigen internationalen Spannungen leichter.

Die Prosperität der deutschen Wirtschaft wiederum ist eng verknüpft mit dem Wohl der heimischen Industrie. Sie hat mit 25 Prozent einen viel größeren Anteil an der Bruttowertschöpfung als in Frankreich (13 Prozent). Die Wachstumsaussichten der deutschen Industrie sind nebelig-trüb. Sowohl der deutsche Einkaufsmanagerindex als auch der deutsche Subindex Industrie liegen deutlich unter dem französischen Maß.

Frankreichs Arbeitsmarkt liberaler als früher

Macrons Regierung lockerte den Kündigungsschutz und setzte der Arbeitsgerichtsbarkeit stärkere Grenzen. Effekt: Im vergangenen Jahr wurden weit über vier Millionen neue unbefristete Arbeitsverträge unterschrieben – ein Rekord. Die Arbeitslosigkeit ist auf den tiefsten Stand seit 2008 gesunken. Im zweiten Quartal  2019 lag sie bei 8,5 Prozent.1 Das ist allerdings immer noch deutlich über dem deutschen Wert von rund fünf Prozent.

Führungswechsel?

Sozialpolitischer Impuls statt „schwarze Null“

Seit einem Jahr prägen die „Gelbwesten“ den politischen Diskurs in Frankreich. In der Folge beschloss Macrons Regierung mehrere Sofortmaßnahmen, darunter die Rücknahme der Ökosteuer auf Treibstoffe, ursprünglich Auslöser der Proteste. Viele sehen hier bereits die finanzpolitische Stabilität gefährdet. Tatsächlich wird das französische Defizit 2019 um 0,5 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent des BIP steigen und die im EU-Vertrag festgeschriebene Stabilitätsregel (Schwelle: drei Prozent) verletzen. Den Kapitalmarkt beunruhigt das nicht; die Zinsen für französische Staatsanleihen liegen auf Rekordtief, nahe an denen für Bundesanleihen.

Fiskalisch betrachtet steht Deutschland im Vergleich glänzend dar: Die französische Verschuldung ist fast doppelt so hoch wie die deutsche; das hiesige Haushaltsdefizit ist keines: Wir schwimmen im Geld und geben es nicht aus. Diese Sparsamkeit ist aber auch mit „Kosten“ verbunden – nämlich dann, wenn Investitionen unterbleiben, von denen eine adäquate volkswirtschaftliche Rendite zu erwarten ist.

Die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote in Frankreich ist deutlich höher als bei uns. Hierzulande wurde in den vergangenen zwanzig Jahren zu wenig investiert. Um das aufzuholen, müsste die öffentliche Investitionsquote strukturell und langfristig um etwa ein Prozent des BIP steigen.

Führungswechsel?

Macrons schwierigste Reform

In diesen Tagen kämpft Macron um die Verabschiedung einer umfassenden Rentenreform. Sie ist sein wichtigstes und zugleich symbolträchtigstes Vorhaben. Im Kern soll das Renteneintrittsalter erhöht und das zersplitterte System auf einheitliche Entgeltpunkte umgestellt werden.

Am Gelingen dieses Projektes hängen Macrons politische Glaubwürdigkeit und seine Wiederwahlchancen im April 2022. In den vergangenen Jahrzehnten brachte der Widerstand von Gewerkschaften und Bevölkerung alle Versuche, das zersplitterte Rentensystem zu reformieren, zum Scheitern. Die aktuellen Proteste zeigen: Das kann auch diesmal passieren.

Auf Lorbeeren verschlafen?

In mancher Hinsicht steht Frankreich gut da. Das ist zum Teil durch wirtschaftspolitische Beeinflussung „hausgemacht“ – Beispiel Arbeitsmarktreformen. Andere Faktoren sind externer Natur.  So profitiert Frankreich davon, dass die Wirtschaft weniger offen und weniger abhängig vom Welthandel ist als Deutschland. Nichtsdestotrotz hat sich die deutsche Wirtschaft(-spolitik) zu lange auf ihrer guten Lage ausgeruht.

Beispiel Autos: Mit der hausgemachten Dieselkrise hat man sich hierzulande selbst geschwächt. Die Hersteller haben die Trendwende zur E-Mobilität verpasst und so manche Fehlentscheidung getroffen.

Konkret: Deutschlands Daimler hat sich nicht rechtzeitig auf den Strukturwandel seiner Branche eingestellt. Das Management hat viele falsche Investitionsentscheidungen getroffen. Kerngeschäft der Stuttgarter sind Premiumfahrzeuge, die sie zuletzt vorwiegend auf dem stark wachsenden chinesischen Markt verkauften. Eigentlich ließe sich damit dort relativ leicht Geld verdienen.

Dagegen: PSA (Peugeot) war zu Beginn der Finanzkrise quasi pleite. Seitdem gelang eine wundersame Wende. Management und Gewerkschaften verhandelten trotz rigidem französischen Arbeitsmarkt Entlassungen und Werksschließungen. Man kaufte Opel von General Motors, nun ist ein Zusammenschluss mit Fiat-Chrysler geplant. PSA produziert Autos für den europäischen Markt – der in den vergangenen Jahren nicht wuchs, sondern seitwärts wankte. Marge: Acht Prozent. Das ist außergewöhnlich; VW und Daimler erwirtschaften in vergleichbarer Situation jeweils vier Prozent.

Grüne Hoffnung?

Im Frühsommer 2018 verkündete Macron während seines Staatsbesuchs in Washington seine Initiative „Make Our Planet Great Again“. Teil derselben: Bis 2040 sollen in Frankreich überhaupt keine Benzin- und Dieselautos mehr verkauft, dafür aber 700 Millionen Euro in die europäische Batterieindustrie für Elektroautos investiert werden. An diesem Strang wiederum wollen Deutschland und Frankreich nun mit vereinten Kräften ziehen; aus Macrons Initiative ist inzwischen ein gemeinsames Projekt beider Regierungen geworden.

Deutschland und Frankreich sind wirtschaftlich eng verflochten: Frankreich ist zweitgrößter Handelspartner Deutschlands, Deutschland der wichtigste Handelspartner Frankreichs. Wohl und Wehe des einen wirken unmittelbar auf den anderen. Und auf die – nicht nur ökonomische – Situation Europas.

Letztlich sitzen wir also  gemeinsam in einem Boot. Mal rudert der eine, mal der andere kraftvoller, ist besser in sportlich-ökonomischer Form. Wir Deutschen sollten die aktuelle Lage als Anreiz nehmen, beherzter zu trainieren um in unserer Form wieder aufzuschließen. Es geht nämlich nicht darum, ob Deutschland oder Frankreich „gewinnt“, sondern darum, dass beide Volkswirtschaften prosperieren –  eingebettet in ein leistungsstarkes Europa.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
12. Dezember 2019, soweit nicht anders angegeben.

  1. 1 Institut national de la statistique et des études économiques