Euroraum: Endlich im Aufwind

(Stand: 31. März 2017)

Politischer Gegenwind lässt nach

Die lange Zeit die Marktstimmung dominierenden politischen Geschehnisse im Euroraum scheinen etwas an Schrecken verloren zu haben. Nach dem kapitalmarktfreundlichen Ausgang der Parlamentswahlen in den Niederlanden, bei der nicht der Rechtspopulist Wilders, sondern der rechtsliberale Premier Rutte in der Gunst der Wähler vorne lag, verschiebt sich der Fokus der Investoren auf die anstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich.

Wenige Tage vor dem ersten Urnengang zeichnet sich ein Zweikampf zwischen Emmanuel Macron und Marine Le Pen ab. In einer Stichwahl könnte Macron gegen Le Pen aktuellen Umfragen zufolge mit einem Vorsprung von 20 bis 30 Prozentpunkten gewinnen. Ein möglicher Wahlsieg Macrons dürfte sich positiv auf die Kapitalmärkte auswirken. Der unabhängige Präsidentschaftskandidat steht für eine europafreundliche Politik und einen eher wirtschaftsfreundlichen Kurs mit sozialer Akzentuierung. Mit der deutschen Regierung strebt Macron ebenfalls eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit an.

Theresa May reicht Brexit-Antrag ein

Auch der Einstieg in den Brexit hat vergleichsweise geräuschlos begonnen. Die von einigen Marktbeobachtern befürchteten Verwerfungen am Kapitalmarkt sind am vergangenen Mittwoch ausgeblieben, als die britische Premierministerin Theresa May Vertreter der Europäischen Union (EU) gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags offiziell über den Austrittswunsch des Vereinigten Königreichs unterrichtet hat. Sowohl die Aktien- als auch Währungs- und Rentenmärkte reagierten gelassen auf den sechs Seiten umfassenden Antrag: Der gesamteuropäische Stoxx 600 legte im Wochenverlauf etwa 1,3 Prozent zu, der marktbreite, britische FTSE 250 Index tendierte mit 0,1 Prozent nahezu unverändert. Das Britische Pfund schloss gegenüber dem Euro zum Wochenende rund ein Prozent fester.

Das formale Austrittsgesuch enthielt im Vergleich zum im Vormonat entstandenen Regierungsentwurf unter dem Strich keine großen Änderungen. Wie geht es nun weiter? In den kommenden Tagen will EU-Ratspräsident Donald Tusk erste Entwürfe von Verhandlungsleitlinien an die verbleibenden Mitgliedsstaaten der EU versenden. Am 29. April trifft sich die Staatengemeinschaft schließlich zu einem Sondergipfel in Rom, um ein Rahmenwerk über die anstehenden Verhandlungen mit dem Vereinigten Königreich zu erstellen.

Europäische Frühindikatoren auf Sechsjahreshoch

Auch konjunkturell läuft es in Frankreich immer besser. Der Einkaufsmanagerindex des Landes ist im März um 1,7 auf 57,6 Punkte gestiegen – ein neues Nachkrisenhoch. Dabei erwies sich der französische Binnenmarkt als Haupttreiber der Entwicklung. Auch der Index für den gesamten Euroraum kletterte im März überraschend um 0,7 auf 56,7 Punkte – der beste Wert seit April 2011. Ökonomen hatten mit einem Rückgang auf 55,8 Zähler gerechnet.

Neben Frankreich trug Deutschland zum kräftigen Aufschwung bei. Der deutsche Einkaufsmanagerindex erreichte durch einen Anstieg um 0,9 auf 57,0 Punkte ebenfalls den höchsten Wert seit April 2011. Die gute Stimmung spiegelte sich auch in der Entwicklung des Ifo Geschäftsklimaindex wider: Das Barometer des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung, bei dem rund 7.000 Manager deutscher Unternehmen befragt werden, kletterte im März von 111,1 auf 112,3 Zähler – der höchste Wert seit Juli 2011. Die Firmenchefs bewerteten sowohl die Lage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate besser als zuletzt. Ökonomen hatten einen unveränderten Wert erwartet.

Einkaufsmanagerindizes Eurozone

Einkaufsmanagerindizes Eurozone

Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 31. März 2017.

Ähnlich wie die wichtigen umfragebasierten Frühindikatoren bestätigt auch der Economic Sentiment Index der Europäischen Kommission, dass die Eurozone im zweiten Quartal 2017 eine Wachstumsgeschwindigkeit von rund zwei Prozent erreichen dürfte. Das Barometer gab im März zwar leicht um 0,1 Prozentpunkt nach, verharrt damit aber weiterhin auf dem höchsten Niveau seit 2011. Das könnte die in den vergangenen Wochen aufgekommenen Diskussionen um eine geldpolitische Straffung der Europäischen Zentralbank (EZB) zusätzlich anheizen. Zuletzt stieg am Markt nach Äußerungen des österreichischen EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny die Nervosität spürbar an: Nowotny gab zu bedenken, dass die EZB sogar zuerst die Deposit Rate erhöhen könnte, bevor die erste Anhebung der Leitzinsen erfolgt. Einen solchen Schritt halten wir für unwahrscheinlich. Wir gehen vielmehr davon aus, dass die Europäische Zentralbank ihre abwartende Haltung aus unterschiedlichen Gründen vorerst beibehalten wird.

Preisauftrieb verliert an Dynamik

Zum einen spiegelt sich die optimistische Stimmung, die sich aus den Frühindikatoren im Euroraum ablesen lässt, (noch) nicht in den harten Konjunkturdaten wider. Daneben bereitet den Währungshütern die nach wie vor schwache Entwicklung der Kerninflation Sorgen. Die Headline-Inflation in Deutschland lag im März bei 1,6 Prozent. Ursächlich dürften im Wesentlichen rückläufige Basiseffekte aus der Ölpreisentwicklung gewesen sein. Damit fiel der Preisauftrieb etwas geringer aus als in den Vormonaten, als die Inflationsrate um die Zwei-Prozent-Marke pendelte. Erst im Vormonat war die Teuerung auf 2,2 Prozent geklettert – und damit auf den höchsten Wert seit Mitte 2012.

Auch haben Anleger ihre Inflationserwartungen in den zurückliegenden Wochen stetig zurückgeschraubt. Der für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wichtige 5Y5Y-Forward-Swap notierte zum Ende der Handelswoche mit rund 1,6 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit rund vier Monaten. Spekulationen um eine vorzeitige Straffung der Geldpolitik dürften damit vorerst vom Tisch sein.

Europäische Zentralbank dürfte weiter abwarten

Bereits die kommende Ratssitzung im April könnte die EZB nutzen, um ihre Forward Guidance zu bekräftigen und sich zum behutsamen geldpolitischen Straffungskurs zu bekennen. Wir rechnen damit, dass die Währungshüter ihre Forward Guidance frühestens im Sommer anpassen werden. Eine vorzeitige Anhebung der Deposit Rate halten wir für unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte die EZB zuerst die monatlichen Anleihekäufe weiter drosseln. Eine Ankündigung des „Taperings“ erwarten wir im Herbst 2017, mit einer Rückführung der Wertpapierkäufe sollte die Notenbank frühestens im Januar 2018 beginnen.

Auch gehen wir davon aus, dass die Notenbank das Anleihekaufprogramm nicht bis auf „Null“ zurückfahren wird. Vielmehr könnte die EZB einen kleinen Restbetrag monatlicher Anleihekäufe beibehalten, um kriselnden Euroländern – wie zum Beispiel Italien – zielgerichtet unter die Arme greifen zu können. Das südeuropäische Land leidet nach wie vor unter einer schwachen Wirtschaftsdynamik, dem krisenbehafteten Bankensektor und einer unsicheren politischen Zukunft.

Trendwende bei Gewinnrevisionen von Unternehmen der Eurozone

Im Sog des freundlichen makroökonomischen Umfelds und des abnehmenden politischen Gegenwinds haben auch die Gewinnrevisionen von Unternehmen aus dem Euroraum eine Trendwende vollzogen. In der Eurozone hat sich das Verhältnis von positiven zu negativen Gewinnrevisionen in den vergangenen Monaten spürbar verbessert, die sogenannte Revision-Ratio ist zuletzt auf ein Fünfjahreshoch gestiegen. Vor allem im Vergleich zu den USA liegt die Ratio nun in deutlich positivem Terrain, was in den vergangenen fünf Jahren selten der Fall war. Dabei zieht sich der Trend durch alle Sektoren: Sowohl zyklische als auch defensive Sektoren weisen derzeit eine positive Revision-Ratio auf. Zum Vergleich: In den USA überlagert die Anzahl der Upgrades nur bei Financials und dem Energiesektor die Anzahl der Downgrades. Die bevorstehende Berichtssaison zum ersten Quartal 2017 dürfte weiteren Aufschluss darüber geben, inwieweit sich dieser positive Trend fortsetzt. Hinzu kommt: Vor allem im Vergleich zu US-Aktien sind die Konzerne der Eurozone noch vergleichsweise günstig bewertet. Gemessen an den entsprechenden MSCI-Indizes beläuft sich der Bewertungsabschlag derzeit auf rund 18 Prozent.

Revision-Ratio* nach Regionen

Revision-Ratio nach Regionen

*Revision-Ratio = (Anzahl Upgrades – Anzahl Downgrades in den letzten 75 Tagen) / Anzahl Schätzungen,
Quelle: Union Investment, Stand: 20. März 2017.

Fazit

Nach Jahren mit niedriger Wachstumsdynamik und stetig wachsender politischer Unsicherheit haben sich die Perspektiven für den Euroraum in den zurückliegenden Wochen merklich aufgehellt. Der wirtschaftliche Aufschwung scheint sich zu verfestigen und steht zunehmend auf breiterem Fundament. Mit dem europafreundlichen Ausgang der Wahl in den Niederlanden hat der politische Gegenwind zuletzt etwas nachgelassen. In diesem Zuge haben sich auch die Perspektiven für die Unternehmen im Euroraum spürbar verbessert. Noch ist es zu früh für bedenkenlosen Optimismus: Die anstehenden Wahlen in Frankreich und die ungelösten politischen und wirtschaftlichen Probleme in Italien haben das Potenzial, die derzeit freundliche Stimmung wieder zu kippen. Dennoch ist die Eurozone in den vergangenen Woche wieder einen großer Schritt in Richtung „Normalisierung“ gegangen.