Europäischer Anleihemarkt: Spätsommerliche Emissionswelle

Die Sommerpause ist vorbei. Das zeigte sich in der vergangenen Handelswoche insbesondere am europäischen Anleihemarkt. Herrschte bis weit in den August hinein hochsommerliche Emissionsflaute, so sprang die Primärmarkttätigkeit in den letzten Tagen spürbar an. Besonders im Fokus: Credits aus dem Investment-Grade-Bereich. Hier kamen insbesondere ab letzten Dienstag, also nach dem britischen Feiertag, wieder deutlich mehr Unternehmen an den Markt.

IG-Corporates-Neuemissionsaktivität zieht wieder an

in Milliarden Euro
IG-Corporates-Neuemissionsaktivität zieht wieder an
Quelle: Union Investment, Bloomberg, JP Morgan. Stand: 30. August 2018.

Offenes Zeitfenster

Vom britischen Energieversorger SSE über den niederländischen Konsumgüterhersteller Unilever, den französischen Öl-Major Total bis hin zum deutschen Technologieriesen Siemens platzierten allein am 28. August vier namhafte Emittenten acht Senior-Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten im Gesamtvolumen von 5,95 Milliarden Euro. Am gleichen Tag begab der belgische Netzbetreiber Elia zwei Papiere (Senior-Bond über 700 Millionen Euro und Hybrid-Bond über 300 Millionen Euro) über insgesamt eine Milliarde Euro, mit denen die Übernahme eines zusätzlichen 20-Prozent-Anteils an Eurogrid finanziert werden soll. Am darauf folgenden Mittwoch, dem 29. August, emittierte Michelin drei langlaufende Senior-Anleihen (sieben, zwölf und 20 Jahre) über ein Gesamtvolumen von 2,5 Milliarden Euro. Alles in allem handelte es sich überwiegend um Emittenten hoher Qualität, die in erster Linie vergleichsweise lange Laufzeiten an den Markt brachten.

Daran wird deutlich: Das Zeitfenster für Anleiheemissionen ist offen – noch oder wieder, je nach Blickwinkel. Nachdem in nahezu allen europäischen Ländern die Schulferien (nunmehr vor allem auch in Frankreich) beendet sind, ist die Investorenbasis für umfangreiche Platzierungen wieder gewachsen. Entsprechend aufnahmebereit sind die Kapitalmärkte. Gleichzeitig sind potenzielle Störfaktoren – wie die Budgetverhandlungen in Italien oder aber die Reduzierung des Anleiheankaufprogramms der EZB – derzeit noch nicht schlagend.

Verhalten positive Sekundärmarktperformance

Die Performance der in der vergangenen Handelswoche platzierten Unternehmensanleihen war daher insgesamt flach bis moderat-positiv. Im Durchschnitt kam es immer noch zu leichten Spread-Einengungen. Die Neuemissionsprämie erwies sich als (annähernd) stabil und konnte somit verdient werden.

Entwicklung der EUR IG-Neuemissionen im August 2018

Entwicklung der EUR IG-Neuemissionen im August 2018
Quelle: Bloomberg, Union Investment. Stand: 30. August 2018.

Das gilt auch für den Sekundärmarkt als Ganzes. Trotz der zuletzt stark angestiegenen Neuemissionsvolumina und leichter Abflüsse aus der (Sub-)Assetklasse waren sowohl im europäischen Investment-Grade- als auch im High-Yield-Bereich die Risikoaufschläge insgesamt recht stabil. Zur Einordnung: Nach Zahlen der UBS flossen im Schnitt des vergangenen Monats wöchentlich 261 Millionen Euro aus Investment-Grade-Fonds ab, bei High Yield lag der Wert bei 88 Millionen Euro. Die Liquiditätslage am europäischen Rentenmarkt war dabei insgesamt zufriedenstellend.

Liquiditätssituation am Cash Markt

Liquiditätssituation am Cash Markt
Quelle: Union Investment. Stand: 30. August 2018.

Einzig bei italienischen Staatsanleihen war eine etwas unterdurchschnittliche Handelbarkeit aufgrund des großen Angebots festzustellen.

Staatsanleihen: Italien im Fokus

Auch auf der Staatsanleihenseite kam es zu verstärkter Emisssionstätigkeit. Nachdem Deutschland bereits in der Vorwoche zwei Bonds (Gesamtvolumen: sieben Milliarden Euro) aufgestockt bzw. neu an den Markt gebracht hatte, folgte am vergangenen Mittwoch eine Bundesobligation mit fünfjähriger Laufzeit und einem Emissionsvolumen von drei Milliarden Euro. Die Bid-to-Cover-Ratio betrug 2,0, das Papier wurde zu -0,18 Prozent platziert. In der nächsten Woche plant die Deutsche Finanzagentur zudem die Aufstockung von zwei langlaufenden inflationsindexierten Anleihen („Linker“).

Besonders im Fokus stand aber Italien. Nachdem der Emissionskalender über die Sommermonate recht dünn war, emittierte das römische Finanzministerium in der vergangenen Handelswoche Papiere über insgesamt 7,75 Milliarden Euro. Davon entfielen alleine 6,0 Milliarden Euro auf BTPs. Die Bid-to-Cover-Ratio für die Auktionen lag insgesamt bei 1,84. Das war der höchste Stand seit Dezember 2017 und signalisiert somit ein hohes Investoreninteresse. Das Gesamtvolumen an BTPs teilte sich dabei auf in eine Anleihe von 3,75 Milliarden Euro im Fünfjahresbereich sowie 2,25 Milliarden Euro im Zehnjahresbereich. Sowohl Laufzeiten als auch die Emissionsvolumina liegen im Rahmen der üblichen regulären Kreditbeschaffungsusancen des italienischen Schatzamts. Auffallend war jedoch, dass die Bid-Cover-Ratio für die fünfjährige Anleihe bei 2,12 lag und somit deutlich über der durchschnittlichen Bid-Cover-Ratio von 1,35 im Fünfjahresbereich in den letzten sechs Jahren.

Insgesamt hat der Markt die italienische Emission sehr gut aufgenommen. Erst der erneute Abwertungsdruck bei den Währungen der Emerging Markets und die damit aufkommende Risikoaversion setzte die BTP-Notierungen unter Druck – mit entsprechenden Spreadausweitungen gegenüber Bunds. Gegen Ende der Woche (Freitagvormittag) rentierte die zehnjährige italienische Staatsanleihe mit rund 3,2 Prozent; der Risikoaufschlag zum laufzeitengleichen deutschen Papier betrug somit rund 2,85 Prozent. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Vergleich innerhalb der Peripheriestaaten. So handeln zehnjährige griechische Staatsanleihen mittlerweile keine 100 Basispunkte mehr höher als italienische BTPs. Das ist der tiefste Spread seit 2009.

Hohes Emissionsvolumen im Jahresvergleich – bis jetzt

Mit den zuletzt starken Tagen setzt der europäische Primärmarkt damit den seit Jahresanfang anhaltenden Trend fort: Die Emissionswelle am europäischen Rentenmarkt rollt, und das nicht erst seit dem Spätsommer. Verglichen mit 2017 lag das Gesamtvolumen aller begebenen Anleihen per Ende August rund 120 Milliarden Euro höher. Die Emittenten nutzten also noch einmal das offene Zeitfenster. Angesichts des im Herbst anstehenden schrittweisen Rückzugs der EZB aus dem Rentenmarkt gehen wir aber davon aus, dass die Tätigkeit zum Jahresende hin etwas abflachen dürfte. Das sollte zwar auch die Risikoaufschläge – etwa bei Unternehmensanleihen – stabilisieren und die wegfallenden EZB-Käufe teilweise kompensieren. Unserer Einschätzung nach haben wir aber die Talsohle bei den europäischen Credit-Spreads vermutlich verlassen.

Höheres Primärmarktvolumen als in den Vorjahren

in Milliarden Euro
Höheres Primärmarktvolumen als in den Vorjahren
Quelle: Union Investment. Stand: 29. August 2018.

Mit Blick auf die Spreads in der Peripherie bleibt die politische Entwicklung maßgeblich. Gerade hinsichtlich Italien steht dabei im September die Vorlage des Haushaltes für das nächste Fiskaljahr im Mittelpunkt. Das Land bleibt damit für die europäischen Kapitalmärkte insgesamt, besonders aber für die Peripherieländer, ein wichtiges Randrisiko. Wir empfehlen daher eine vorsichtige Positionierung in diesem Teil des Rentenmarktes.

 

Stand: 03. September 2018