Europäische Konjunktur vor Bodenbildung?

Die in den vergangenen Tagen veröffentlichten Konjunkturdaten deuten auf eine heterogene Entwicklung im europäischen Währungsraum hin. Während die Konjunkturdynamik in Deutschland weiter zurückzugehen scheint, verzeichnen Frankreich und Spanien trotz politischer Turbulenzen positive Zuwachsraten. Nach vorne gerichtet könnte sich die anhaltend expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank als wichtige Stütze erweisen.

Noch im vergangenen Jahr sorgten sich viele Investoren vor einer deutlichen Abschwächung der Weltkonjunktur. Obwohl das Wachstum allerorts zurückging, deuteten die Daten aber nirgendwo auf eine Rezession hin. Langsam scheint sich das Blatt nun zu wenden. Mit dem Rückenwind einer überraschenden geldpolitischen Kehrtwende der US-Notenbank Fed, einer Entschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie der gesunkenen Wahrscheinlichkeit eines harten Ausstiegs Großbritanniens aus der Europäischen Union durch die Fristverlängerung bis Ende Oktober hat sich die Stimmung zuletzt deutlich verbessert. Auch die wirtschaftliche Lage Chinas, die sich nicht zuletzt dank der massiven Stimulierungsmaßnahmen nach und nach aufhellt, hilft der Weltwirtschaft zurück in die Spur. Im Ergebnis gibt es deswegen nicht nur global erste Anzeichen einer Stabilisierung, sondern auch Hinweise darauf, dass die Konjunktur in der Eurozone inzwischen die Talsohle erreicht hat.

Deutschland: Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt leicht, aber nicht dramatisch

In Deutschland wurde in der vergangenen Woche der Ifo-Geschäftsklimaindex veröffentlicht, einer der wichtigsten Konjunkturindikatoren im Land. Entgegen den Erwartungen fiel der Index im April von 99,7 auf 99,2 Punkte. Die befragten Unternehmen haben sowohl die Beurteilung der aktuellen Lage als auch die Geschäftserwartungen im April leicht zurückgenommen. Leichte Zuwächse im Vergleich zum Vormonat konnten die Dienstleistungs- und die Baukomponente erzielen, allerdings können diese den starken Rückgang im Verarbeitenden Gewerbe nicht wettmachen. Zweifelsohne lässt sich aus diesen Daten herauslesen, dass 2019 für die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft ein schwieriges Jahr bleiben wird. Zumindest ist es positiv zu werten, dass der Ifo-Index nur moderat zurückgekommen ist. Es kann davon ausgegangen werden, dass die zyklische und stark exportgetriebene deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten von einer Stabilisierung des Wachstums in China und den USA profitieren kann. Für das laufende Jahr rechnet Union Investment mit einem Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent, bevor die Dynamik im kommenden Jahr auf 1,4 Prozent zulegen dürfte.

Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt leicht, aber nicht dramatisch

Entwicklung Ifo-Komponenten
Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt leicht, aber nicht dramatisch
Quelle Union Investment, Bloomberg, Stand: 26. April 2019

Frankreich und Spanien wachsen trotz politischer Turbulenzen

Im Gegensatz zu Deutschland hat sich die Stimmung in der französischen Wirtschaft zuletzt aufgehellt. Laut Statistikamt Insee stieg der Index für das Geschäftsklima auf 105 Punkte. Auch in Frankreich kam es zuletzt zu leichten Einbußen im Verarbeitenden Gewerbe, während der Einzelhandel zulegen konnte und Dienstleistungen stabil blieben. Vergangene Woche kündigte Frankreichs Präsident Macron in Reaktion auf die anhaltenden Gelbwestenproteste ein neues Fiskalprogramm zur Entlastung der Bürger an, das unter anderem eine Senkung der Lohnsteuer um rund fünf Milliarden Euro und höhere Zuwendungen an die unteren Einkommensgruppen und Rentner vorsieht. Bislang haben sich die sozialen Unruhen im Land nicht spürbar auf das französische Wirtschaftswachstum ausgewirkt. Es bleibt abzuwarten, ob die neuen Maßnahmen der Regierung den Konsum ankurbeln werden.

Aus der Parlamentswahl in Spanien ist die Arbeiterpartei PSOE als klare Siegerin hervorgegangen. Pedro Sanchez wird mit großer Wahrscheinlichkeit somit weiter Regierungschef bleiben. Da Sanchez eine absolute Mehrheit aber klar verfehlte, wird die Bildung eines neuen Kabinetts nicht einfach werden. Die Koalitionsbildung könnte sich damit noch etwas länger hinziehen. Ein politisches Vakuum sollte das das aktuell positive Wirtschaftswachstum des Landes aber nicht allzu sehr beeinträchtigen. Für 2019 geht Union Investment von einem BIP-Wachstum von 2,5 und für 2020 von 2,3 Prozent aus.

Italien bleibt das Sorgenkind Europas

Die Nachrichten aus Italien bleiben hingegen wenig erbaulich: Im April ging der Index für das Konsumentenvertrauen von 111,2 auf 110,5 Punkte zurück, derjenige für das Geschäftsklima der Unternehmen sank von 99,1 auf 98,7 Zähler. Mit Ausnahme des Bausektors fielen sämtliche Unterkategorien zurück. Die italienische Regierung geht inzwischen von einem Null-Wachstum im laufenden Jahr aus. Im letzten Quartal 2018 befand sich das Land in einer technischen Rezession. Zudem sitzt Italien auf einem Schuldenberg von rund 2,3 Billionen Euro, was 131 Prozent des BIP entspricht.

Italien bleibt das Sorgenkind Europas

Italienische Stimmungsindikatoren
Italien bleibt das Sorgenkind Europas
Quelle Union Investment, Bloomberg, Stand: 26. April 2019

Fazit: Die Lage ist nicht einfach, aber die Geldpolitik unterstützt

Unter dem Strich dürfte die Wirtschaftsleistung im Euroraum im laufenden Jahr um 1,0 und 2020 um 1,4 Prozent zulegen. Es zeigt sich jedoch weiterhin ein gemischtes Bild: Während Länder wie Frankreich und Spanien wieder ein leichtes Wachstum aufweisen, hat Deutschland mit seinen exportorientierten Industrien die Talsohle noch nicht überwunden. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung, dass mit einer Erholung in China auch die deutsche Wirtschaft wieder anspringen wird. Italien bleibt indes vorerst das Sorgenkind der Eurozone. Insgesamt weist die Eurozone aber weiterhin ein positives Wachstum aus, eine Rezession ist nicht in Sicht. Positiv zu werten ist in dem gegebenen Umfeld die unterstützende Rolle der Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank ist sich der schwierigen Lage bewusst und hält dementsprechend das Zinsniveau bis auf Weiteres niedrig. Zudem würde sie weitere unterstützende Maßnahmen (wie beispielsweise das aktuelle TLTRO-Tendergeschäft für den Bankensektor) einleiten, falls dies nötig werden sollte.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
29. April 2019, soweit nicht anders angegeben.