Erster spürbarer Gegenwind für Donald Trump

(Stand: 24. März 2017)
• Gesetz zur Gesundheitsreform als Lackmustest für Handlungsfähigkeit der neuen US-Regierung
• Republikanischer Widerstand im Kongress bedeutet politischer Gegenwind in den USA
• Positives US-Konjunktursentiment sorgt für extrem niedrige Volatilität
• Aktienmärkte der Eurozone mit steigender relativer Attraktivität gegenüber den USA

Besser könnten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den neuen US-Präsidenten Donald Trump kaum nicht sein: Verbesserte US-Konjunkturindikatoren geben der US-Regierung Rückenwind, während die Volatilität an den Kapitalmärkten so niedrig wie schon lange nicht mehr ist. Nachdem sich die wirtschaftsfreundlichen Republikaner bei den US-Wahlen auch die Mehrheit im Repräsentantenhaus und Senat sichern konnten, scheint ein widerstandsloses „Durchregieren“ nahezu ausgemachte Sache.

Es überrascht daher nicht, dass der US-Aktienmarkt seit der US-Wahl um zehn Prozent zugelegt hat und sich zyklische Werte deutlich besser entwickelten als defensive Titel (sogenannter Reflationtrade). Trumps Marschroute „America First“ erweist sich als äußerst erfolgsversprechend – sowohl für die US-Wirtschaft als auch für die amerikanischen Börsen. Allerdings hat der Trump-induzierte Reflationtrade in den letzten Monaten spürbar an Dynamik verloren, da die neue Regierung nach wie vor konkrete wirtschaftliche Pläne schuldig geblieben ist. Ferner scheinen sich mit den Schwierigkeiten bei der Mehrheitsfindung im Kongress hinsichtlich der ersten wichtige Abstimmung zum Thema Modifikation der Gesundheitsreform von Obama („Obamacare“) die Rahmenbedingungen für Trump aktuell zu verschlechtern.

„America First, Details Second“

Ein wichtiger Grund für die nachlassende Dynamik des Reflationtrades seit Ende letzten Jahres ist, dass Trump nach wie vor keine Details im Hinblick auf die wichtigen Zwischenziele seiner „America First“-Route veröffentlicht hat. Unklar bleibt weiterhin, in welcher Form und mit welchem Zeithorizont wichtige wirtschaftspolitische Themen wie die Steuerreform und das Infrastrukturprogramm umgesetzt werden sollen. Interessanterweise haben sich im Nachgang der US-Wahlen die konjunkturellen Stimmungsindikatoren in den USA signifikant verbessert. Hingegen sind bei den „harten“ US-Makrodaten noch keine Fortschritte erkennbar. Dementsprechend verharren die Konsensus-Schätzungen für das US-Wirtschaftswachstum 2017 in den USA mangels Details seit geraumer Zeit unverändert bei 2,3 Prozent, während sie in der Eurozone und Japan aufgrund der synchronen Konjunkturerholung auf globaler Ebene seit Herbst 2016 spürbar angestiegen sind.

Vor dem Hintergrund der abebbenden Dynamik des Reflationtrades bewegt sich die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen seit Monaten in einer engen Bandbreite von 2,4 bis 2,6 Prozent seitwärts und zyklische Aktien weisen keine Outperformance gegenüber defensiven Werten mehr auf. Auch der gesamte US-Aktienmarkt konnte – im Gegensatz zum EUROSTOXX 50-Index – in den letzten vier bis sechs Wochen keine weiteren Kursgewinne verzeichnen.

Positives Konjunktursentiment, extrem niedrige Volatilität

Die politischen Unsicherheiten auf globaler Ebene bewegen sich gegenwärtig auf dem höchsten Niveau der letzten beiden Jahrzehnte – dies zeigt zumindest der Global Economic Policy Uncertainty Index auf. In Gegensatz hierzu befindet sich die Volatilität des US-Aktienmarkts (gemessen am VIX Index) auf historischen Tiefstständen – eine im historischen Vergleich äußerst ungewöhnliche Konstellation.

Global Economic Uncertainty und VIX

Quelle: Union Investment, Stand: 24. März 2017

In den USA dürften der Wahlerfolg des polarisierenden Präsidenten Trump und die Unklarheit im Hinblick auf seine wirtschaftspolitische Agenda für ein erhöhtes politisches Unsicherheitsempfinden gesorgt haben. Es stellt sich daher die Frage, warum die Schwankungsanfälligkeit des US-Aktienmarkts sich auf derart niedrigen Niveaus befindet. Ein wichtiger Erklärungsansatz für diese divergierende Entwicklung ist das deutlich verbesserte Konjunktursentiment in den USA. Der vielbeachtete ISM Einkaufsmanagerindex hat sich zuletzt spürbar verbessert. Stand dieser im August 2016 noch bei 49,4 Punkten (und somit unter der kritischen Marke von 50 Punkten), wurden im Februar 2017 57,7 Punkte gemessen. Eine langfristige Analyse zeigt auf, dass hohe ISM-Niveaus mit niedrigen Volatilitäten einhergehen. In anderen Worten: Solange die Stimmung in der US-Wirtschaft positiv bleibt, rücken politische Unsicherheitsfaktoren in den Hintergrund, die Schwankungsanfälligkeit bleibt mithin gering.

Reform von Obamacare als Lackmustest für Handlungsfähigkeit von Trump

Was sich in den letzten Wochen bereits angedeutet hat, hat sich am 23. März bewahrheitet: Die Abstimmung im Repräsentantenhaus über das Gesetz zur Reform von Obamacare wurde zunächst vertagt. Grund war eine mangelnde Mehrheit für das Gesetz der Trump-Administration, da sich innerhalb des republikanischen Lagers Widerstand regt – sowohl im moderaten Lager, das keinen drastischen Umbau von Obamacare befürwortet, als auch im radikalen Lager, dem die Rückabwicklung der von Obama eingeführten Reform des Gesundheitswesens nicht weit genug geht. Am Kapitalmarkt hat dieses Ereignis zu ersten kleineren Störfeuern geführt: der S&P 500-Index gab am 21. März zum ersten Mal seit 115 Handelstagen wieder um mehr als ein Prozent nach (minus 1,2 Prozent), der US-Volatilitätsindex VIX stieg auf den höchsten Stand seit Jahresbeginn.

Ein schwieriger und langwieriger Genehmigungsprozess für das Gesetz zum US-Gesundheitswesen – trotz klarer republikanischer Mehrheitsverhältnisse im US-Kongress – dürfte zunehmend Zweifel an der Handlungsfähigkeit der US-Regierung aufkommen lassen. Von den Kapitalmarktteilnehmern bereits antizipierte wirtschaftsfreundliche Maßnahmen der Trump-Administration, wie zum Beispiel die Steuerreform und in Aussicht gestellte Infrastrukturprogramme, könnten später als erwartet und/oder in deutlich reduzierter Ausprägung umgesetzt werden.

Fazit

Trotz politischem Gegenwind für die Trump-Administration in den USA sollte jedoch nicht in Vergessenheit geraten, dass sich die globale Konjunktur in hervorragender Verfassung befindet. Grund hierfür ist ein synchroner Aufschwung in den Industriestaaten und weiten Teilen der Schwellenländer. Hiervon dürften in erster Linie die Aktienmärkte der Eurozone profitieren. Die Volkswirtschaften der Europäischen Währungsunion sind in besonderem Maße mit der globalen Wirtschaft verflochten und weisen im Gegensatz zu den USA ein sich verbesserndes politisches Risikoprofil auf. Die rechtspopulistische PVV hat in den Niederlanden zuletzt nicht die befürchteten Wahlerfolge erzielt. In Frankreich deuten die Umfragen zunehmend auf einen Wahlsieg des gemäßigten Präsidentschaftskandidat Macron hin.