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EZB: Ein Sturm im Wasserglas

Von der September-Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) sind kaum Überraschungen zu erwarten. Hohe Euro-Inflationsdaten sowie Aussagen einiger Falken im EZB-Rat haben zuletzt zwar die Bund-Renditen etwas hochgetrieben. Erste Entscheidungen zum Notfall-Ankaufprogramm PEPP dürfte aber erst für Dezember zu erwarten sein.

Die Falken bringen sich in Stellung: Nach Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann und dem niederländischen Notenbank-Gouverneur Klaas Knot hat zuletzt auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann öffentlich gefordert, im Rat der Europäischen Zentralbank über den Anfang der Reduzierung der Anleihekäufe im Rahmen des in der Coronakrise aufgesetzten Anleihekaufprogramms PEPP zu diskutieren.

Für eine Straffung der Geldpolitik im Euroraum sprechen einige Gründe. Die Inflationsrate lag mit drei Prozent im August deutlich über dem Inflationsziel der EZB, die Wirtschaft – nicht nur in den Kernländern wie Deutschland, sondern etwa auch in Italien – erholt sich und Unternehmen sowie Staaten erhalten gute Finanzierungskonditionen.

Auf der anderen Seite möchten aber die „Tauben“, die Befürworter einer lockeren Geldpolitik, so lange wie möglich an den Anleihekäufen festhalten, da sie die Erholung der Wirtschaft nach dem Einbruch in der Corona-Krise so lang wie möglich unterstützen möchten. Derzeit kauft die EZB im Rahmen des PEPP jeden Monat Anleihen für rund 80 Milliarden Euro. Zusätzlich erwirbt sie monatlich für rund 20 Milliarden Euro im Rahmen des älteren Anleihekaufprogramms APP, das schon vor der Krise aufgelegt wurde.

Diskussion um Notfallankaufprogramm der EZB nach Inflationsanstieg

Ankaufprogramm PEPP sollte trotz vorübergehendem Inflationsanstieg unverändert fortgesetzt werden

Diskussion um Notfallankaufprogramm der EZB nach Inflationsanstieg
*) Veränderung zum Vorjahresmonat Quelle: Bloomberg, J.P. Morgan, Union Investment; Stand: 3. September 2021.

Im Vorfeld der turnusmäßigen EZB-Ratssitzung am 9. September bewegt diese Gemengelage auch die Finanzmärkte. Spekuliert wird, ob es erste Aussagen zu einer Reduzierung der PEPP-Ankäufe geben wird, und wenn ja, mit welcher Geschwindigkeit die Käufe reduziert werden könnten. Zudem wird spekuliert, ob das im März 2022 auslaufende Programm weitergeführt wird oder nicht und stattdessen bestehende Programme erhöht werden.

Transatlantik-Spread läuft zusammen

Als Reaktion kam es an den Märkten zu einer Bewegung hin zu Risikoanlagen im Euroraum: Ende August, nach Bekanntwerden der über den Erwartungen der Analysten liegenden Inflationszahlen und den ersten Äußerungen der Falken, zogen die Renditen der Bundesanleihe etwas stärker an als die der US-Treasuries (Transatlantik-Spread), ebenso stieg der Wechselkurs des Euro.

Dennoch dürfte es bei der nächsten EZB-Sitzung am 9. September zu keiner großen Überraschung kommen. Die EZB versucht mit ihrer bisherigen Kaufpolitik, Volatilität aus dem Markt herauszunehmen, die durch die derzeit stark steigende Inflation ausgelöst werden könnte. Deshalb hat sie das Ankauftempo erhöht, um die Renditen niedrig zu halten und so die günstigen Finanzierungsbedingungen aufrecht zu erhalten, die die Wirtschaftserholung stützen.

Inflation könnte noch weiter klettern – aber nicht dauerhaft

Nach wie vor gehen die Notenbanker und auch unsere Experten davon aus, dass die überschießende Teuerungsrate auf coronabedingten Basis- und Sondereffekten sowie dem rasanten Tempo der Wirtschaftserholung basiert und deshalb ein vorübergehendes Phänomen ist. Dass diese Meinung im Markt nach wie vor überwiegt, zeigt sich etwa an der Entwicklung der gehandelten Inflationserwartungen, der sogenannten Break Even Rates: Sie wurden durch die höhere Teuerung nicht nachhaltig bewegt.

Auch Jens Weidmann betonte bei seinen jüngsten Äußerungen, dass die zuletzt geäußerte Inflationsprognose der EZB für den Euroraum noch deutlich unter der Zielrate gelegen habe und eine expansive Geldpolitik daher weiterhin angemessen sei. Er warnte aber vor Aufwärtsrisiken: Existierende Angebotsengpässe könnten zu zusätzlichen Preisschüben führen und ein vorübergehend stärkerer Konsum könnte eine Lohn-Preis-Spirale auslösen – weshalb man nun die Diskussion über eine möglicherweise schrittweise Rückführung der Ankäufe beginnen solle. Dass es zu einer solchen Lohn-Preis-Spirale im Euroraum kommen könnte, davon geht Union Investment nicht aus. Aber die sehr niedrigen Inflationsraten der vergangenen Jahrzehnte dürften nicht wiederkehren.

Entsprechend dürfte die EZB jetzt nicht den Fuß vom Gaspedal nehmen. Angesichts der doch etwas stärker als erwartet angestiegenen Teuerungsraten könnte die EZB auf der aktuellen Sitzung ihre Inflationsprojektionen anpassen und diesen entsprechend das Ankauftempo für das vierte Quartal festlegen. Dabei dürfte die Summe der Anleihekäufe zum Ende des Jahres tatsächlich etwas abnehmen, dies jedoch im Einklang mit der saisonal bedingten geringeren Emissionstätigkeit der Staaten.

Größere Änderungen oder gar Überraschungen sind deshalb, wenn überhaupt, erst auf der Dezembersitzung zu erwarten – dann muss sich die EZB angesichts der zunehmend knappen Zeit zur Zukunft des im März auslaufenden Pandemie-Kaufprogramms äußern.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
3. September 2021, soweit nicht anders angegeben.