Deutsche Konjunktur: Wackelt der europäische Wachstumsmotor?

Deutschland ist im vierten Quartal 2018 nur knapp einer Rezession entgangen. Viele Euroländer schnitten wirtschaftlich zuletzt deutlich besser ab. Vor allem Sonderfaktoren waren ursächlich für das schwache Ergebnis. Nach vorne gerichtet bleiben die Brexit-Verhandlungen und der schwelende Handelsstreit die größten Risikofaktoren.

Noch zu Beginn des vergangenen Jahres galt die deutsche Wirtschaft als Konjunkturmotor Europas. Aktuell ist es um das deutsche Wachstum jedoch nicht sonderlich gut bestellt. Angesichts der am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Daten zum Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal 2018 ist Deutschland nur knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Nach dem Rückgang um 0,2 Prozent im dritten Quartal hatten Analysten eigentlich mit einer Gegenbewegung gerechnet. Nun legte die Wirtschaft lediglich um 0,02 Prozent zu. Zwei negative Quartale in Folge hätten nach gängiger Definition eine (technische) Rezession bedeutet.

Viele Eurostaaten mit Zuwachswarten

Damit ist Deutschland zusammen mit Italien das Schlusslicht im Euroraum. In den Niederlanden expandierte das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozent, in Portugal lag die Zuwachsrate bei 0,4 Prozent, in Spanien sogar bei 0,7 Prozent. Selbst das im vierten Quartal von mehrmonatigen Gelbwesten-Protesten zum Teil lahmgelegte Frankreich verzeichnete ein Wachstum von 0,3 Prozent.

Ursächlich für das schwache Abschneiden waren in erster Linie einige – wenngleich auch eher seltene – Belastungsfaktoren. Als Exportnation ist Deutschland stark vom Welthandel abhängig. Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen die Niederlande, Frankreich, China, die USA und Italien. Nicht nur der Warenaustausch mit den direkten, europäischen Nachbarn ist von zentraler Bedeutung, auch der Streit um Zölle zwischen China und den USA geht damit nicht spurlos an der hiesigen Konjunktur vorbei. Vom Beschleunigen und Abbremsen des Wachstums im Gleichlauf mit der Dynamik des Welthandels leidet derzeit sowohl der Maschinenbau als auch die Chemiebranche, deren Produkte als Rohstoffe für viele Waren weltweit genutzt werden.

Vergleich der Wachstumsraten mit anderen europäischen Staaten

Änderungen im Quartalsvergleich seit 2010
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Quelle: Bloomberg; Stand: 15. Februar 2019

Sonderfaktoren belasten deutsches Wirtschaftswachstum

Als weiterer Belastungsfaktor kommt die Schwäche in der Automobilindustrie hinzu. Der Dieselskandal wirkte sich einerseits negativ auf die Nachfrage aus, andererseits hatte er ein neues Messverfahren zur Bestimmung der Abgasemissionen (WLTP) zur Folge. Dabei zeigte sich, dass die Umstellung weitaus mehr Schwierigkeiten verursachte als zunächst erwartet. Bei der VW-Tochter Audi brach der Absatz im Oktober beispielsweise um mehr als 50 Prozent ein.

Zu den Sonderfaktoren zählte auch das aufgrund des trockenen Sommers extreme Niedrigwasser auf den wichtigsten Binnenschifffahrtsrouten, das den Logistikkonzernen und weiteren Branchen wie der chemischen Industrie zu schaffen machte. Über die Schleuse Kostheim bei Mainz – eine der meistbefahrenen Routen in Deutschland – wurden 2018 knapp 22 Prozent weniger Güter transportiert. Auf der Elbe musste der Güterverkehr aufgrund der zum Teil nur noch 50 Zentimeter hohen Pegelstände von Ende Juni bis Ende Dezember sogar gänzlich eingestellt werden.

Viele der vorgenannten Sonderfaktoren werden erst im Verlauf der nächsten Quartale an Bedeutung verlieren. So läuft die Produktion im Automobilsektor nach den Skandalen der vergangenen Monate deutlich langsamer an als erwartet. Die Autoproduktion zog im Januar deshalb nur verhalten an. China, Deutschlands wichtigster Absatzmarkt, hat zwar Subventionen für Autokäufe angekündigt, wird diese wohl aber erst in der zweiten Jahreshälfte einführen. Auch die US-chinesischen Handelsstreitigkeiten bleiben als Belastungsfaktor vorerst bestehen, wenngleich jüngsten Meldungen zufolge eine Annäherung wieder etwas wahrscheinlicher geworden ist.

Gute Binnenwirtschaft stabilisiert Konjunkturentwicklung

Positiv ist indes, dass Deutschlands wichtigste Binnenschifffahrtswege auf Rhein, Main und Elbe inzwischen wieder normale Pegelstände aufweisen. Hinzu kommt, dass sich das binnenwirtschaftliche Fundament deutlich verbessert hat: In den vergangenen Monaten waren zum Teil hohe Lohnabschlüsse zu verzeichnen, die perspektivisch den Konsum stützen dürften. Aktuell fordert die Gewerkschaft Verdi sechs Prozent höhere Gehälter für den Öffentlichen Dienst. Für eine Stabilisierung spricht nicht zuletzt auch der Auftragseingang in der Industrie. Dieser hatte im Dezember zwar einen überraschenden Dämpfer erlitten. Allerdings wurde die Zahl durch Großaufträge – vor allem aus der Flugzeugindustrie – verzerrt. Bereinigt durch diese Sonderfaktoren stieg der Auftragseingang im Dezember um 3,5 Prozent. Je stärker sich die Stimmung aber eintrübt, desto geringer wird die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Einer der größten Unsicherheitsfaktoren bleibt der drohende, ungeordnete Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (sogenannter harter Brexit).

Industriestrategie soll Wirtschaft widerstandsfähiger machen

Perspektivisch soll die deutsche Wirtschaft krisenfester aufgestellt werden. Wirtschaftsminister Peter Altmaier legte vor wenigen Tagen seine „Industriestrategie 2030“ vor, die vorsieht, deutsche Monopole auszuweiten und Fusionen zu realisieren, die nationalen Interessen dienen. Im Kern geht es auch der Bundesregierung darum, den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zu bremsen – nur, dass die Strategie etwas defensiver ausfällt als jene der USA.

Nach einem BIP-Wachstum von 1,5 Prozent im Jahr 2018 rechnet Union Investment für 2019 mit einem Zuwachs von 0,8 Prozent. Während die ersten Monate etwas schwächer ausfallen dürften, erwarten die Volkswirte im Verlauf der zweiten Jahreshälfte eine Stabilisierung des Wachstums, die dann im Jahr 2020 zu einer um 1,3 Prozent höheren Wirtschaftsleistung führen sollte.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
19. Februar 2019, soweit nicht anders angegeben.