Covid und Konjunktur

Covid und Konjunktur: Robuster Industriesektor, angespannte Lage bei den Dienstleistern

Nach wie vor ist die Corona-Infektionslage angespannt. Aus Sorge vor der sich rasch verbreitenden Mutation des Corona-Virus haben viele Länder ihre Lockdown-Maßnahmen ausgeweitet. Der ernsten Pandemieentwicklung zum Trotz entwickelt sich der globale Industriesektor weiter robust. Unser Konjunkturbild bleibt deshalb intakt: Auf einen harten Winter dürfte ein Katapultstart im zweiten Quartal folgen.

Das Jahr 2021 beginnt mit einer Verschärfung der Pandemielage. Auch wenn die verfügbaren Daten aufgrund der zurückliegenden Feiertage nur bedingt aussagekräftig sind, so zeichnet sich doch ein Trend zu anhaltend hohen Inzidenzen ab.

Großbritannien kämpft mit Mutation

Besonders gilt dieser Befund für Großbritannien. Dort war zuletzt ein erheblicher Anstieg der Fälle zu verzeichnen. Im Schnitt der vorangegangenen Woche wurden per 8. Januar täglich über 57.000 Neuinfektionen vermeldet. Zwar ist die britische Impfkampagne sehr früh gestartet und es wurde im europäischen Vergleich eine große Zahl an Personen geimpft. Rund zwei Prozent der Bevölkerung haben bereits einen Wirkstoff verabreicht bekommen, in Deutschland liegt der Wert bei rund 0,5 Prozent. Gleichzeitig grassiert aber auf den britischen Inseln die dem Anschein nach besonders ansteckende Virusmutation „B.1.1.7“. Die Fortschritte bei den Impfungen können dabei den Effekt der höheren Ansteckungsgefahr – Schätzungen gehen von einer möglichen Erhöhung des R-Wertes um den Faktor 0,4 bis 0,7 aus – nicht aufwiegen. Das Gesundheitssystem gerät daher angesichts einer landesweiten Inzidenz von fast 600 an seine Grenzen. Um den Druck vom National Health Service (NHS) zu vermindern, hat Premierminister Boris Johnson einen „harten Lockdown“ für das Vereinigte Königreich verkündet.

Das irische Beispiel

Auch auf das benachbarte Irland hat die Mutation übergegriffen. Waren die irischen Fallzahlen lange sehr niedrig im europäischen Vergleich, so sah sich die Regierung in Dublin aufgrund sprunghaft ansteigender Neuinfektionen nun ebenfalls zu einem „harten“ Lockdown veranlasst. Die Republik Irland weist aktuell eine Inzidenz von 627,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner auf. Immerhin: Die jüngsten Datenpunkte geben Anlass zur Hoffnung. Der Chef des nationalen Gesundheitsdienstes Paul Reid sprach unlängst von „ersten Anzeichen für sinkende Neuinfektionen“. Das irische Beispiel zeigt dabei: B. 1.1.7 hat möglicherweise das Potenzial, eine zuvor beherrschbare Situation zu verschärfen und entschlossene Gegenmaßnahmen zu erfordern – wirtschaftliche Folgekosten (etwa beim Wachstum) inklusive.

Situation rund um den Globus

Auch abseits der britischen Inseln ist die Lage angespannt. In Deutschland wurde die Verlängerung der vor Weihnachten in Kraft getretenen Lockdown-Bestimmungen bis Ende Januar beschlossen und sogar verschärft. Österreich ordnete kurz vor Jahresende den bereits dritten Lockdown an. In Tschechien (Inzidenz: 703) wurden entsprechende Maßnahmen verlängert.

Die Pandemielage in Europa ist schwierig, aber nicht nur dort. In den USA liegt die Inzidenz konstant über 400. Zudem starben dort gestern mit 3.900 Menschen so viele wie bislang noch nie an einem Tag an oder mit Covid-19. In Japan, das die Situation bislang gut im Griff hatte und das öffentliche Leben kaum beschränken musste, wurde ein einmonatiger Notstand für den Großraum Tokio verkündet. Die Olympischen Sommerspiele, die im Juli beginnen sollen, sieht Premier Yoshihide Suga aktuell nicht in Gefahr. Und auch in China wurde der größte Ausbruch seit Monaten entdeckt. Nachdem in der Provinz Hebei vermehrt Infektionen auftraten, wurde die Region großräumig abgeriegelt.

Impfkampagne nimmt Fahrt auf

Impfkampagne nimmt Fahrt auf
Quelle: Our World in Data (OWID); zur Verfügung gestellt mittels Creative Commons BY Lizenz, Union Investment; Stand: 8. Januar 2021.

Konjunktur: Industrie robust…

Klar ist: Neben den menschlichen Schicksalen hat die „zweite Welle“ auch erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft. Je länger und härter die Gegenmaßnahmen, umso größer die Wachstumseinbußen. Immerhin zeigen die unlängst veröffentlichten Daten aber auch, dass die Weltwirtschaft mit einer hohen konjunkturellen Dynamik in die seit November andauernden Lockdown-Phasen gegangen ist. Dies gilt insbesondere für das Verarbeitende Gewerbe. Die international stark vernetzte deutsche Industrie konnte etwa im November ihre Produktion um 0,9 Prozent gegenüber dem bereits starken Vormonat steigern. Auch für die USA zeigt die solide Entwicklung der Auftragseingänge im November die Resilienz des Verarbeitenden Gewerbes. Dieser Befund gilt im Prinzip weltweit. Ein wichtiger Treiber ist dabei China, wie unter anderem die deutschen Handelszahlen für November zeigen. Während die Exporte in alle Wirtschaftsregionen (im Vorjahresvergleich) sanken, legten die Ausfuhren nach China zu. Mit einem Plus von 14,3 Prozent gegenüber 2019 stach die Volksrepublik deutlich hervor.

… Dienstleistungen angeschlagen

Deutlich schwieriger ist die Situation im Dienstleistungssektor, da die Unternehmen dort besonders unter den Lockdowns leiden. Exemplarisch dafür stehen die europäischen Einzelhandelsumsätze im November, die im Monatsvergleich um 6,1 Prozent zurückgingen. Mit den anschließend weiter verschärften Maßnahmen ist damit zu rechnen, dass dieser Trend weiter anhält.

Harter Winter, Beschleunigung im zweiten Quartal

Vor diesem Hintergrund halten wir an unserem Konjunkturbild fest: Der Winter wird hart, auch konjunkturell. Der Einbruch im vierten Quartal 2020 und ersten Quartal 2021 sollte aber weniger vehement ausfallen, als dies im Frühjahr 2020 der Fall war. Dies ist auf gewichtige Unterschiede zurückzuführen, welche zwischen beiden Situationen bestehen. Neben der prosperierenden Entwicklung Chinas sind hier der solide Zustand des Verarbeitenden Gewerbes sowie Gewöhnungseffekte im Umgang mit der Pandemie (etwa Hygienekonzepte am Arbeitsplatz und in Fabriken) zu nennen. Die anlaufenden Impfkampagnen sollten allerdings erst ab Jahresmitte Breitenwirkung entfalten und vorher keine wesentliche (wirtschaftliche) Unterstützung liefern. Vielmehr dürfte im Frühling die bessere Witterung den Pandemiedruck von den Volkswirtschaften nehmen und dann (über die Auflösung von „pent up demand“) zu einem regelrechten Wachstumsschub führen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
08. Januar 2021, soweit nicht anders angegeben.