Corona-Virus bestimmt den US-Wahlkampf

Corona-Virus bestimmt den US-Wahlkampf

US-Präsident Donald Trump hat sich mit Covid-19 infiziert. Das gibt dem Endspurt im US-Wahlkampf eine neue Wendung – zumindest auf den ersten Blick. Die Richtung zeigte bereits das TV-Duell in der vergangenen Woche auf.

Ein Drehbuchautor könnte es nicht besser erfinden. Nur wenige Tage nach der ersten TV-Debatte zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden twitterte Trump, dass er und seine Frau Melania Trump positiv auf Covid-19 getestet wurden. Noch einige Stunden zuvor hatte er bei einem offiziellen Abendessen betont, dass „das Ende der Pandemie in Sichtweite“ sei. Nachdem der US-Präsident vergangene Woche ins Militärkrankenhaus Walter Reed eingeliefert wurde, dürfte er die für ihn wichtigen Termine im Wahlkampf nur noch bedingt wahrnehmen können. Trump dürfte stattdessen mehr twittern, der Wahlkampf damit noch unberechenbarer werden.

Politikapparat: Sorgloser Umgang mit Corona-Thematik

Die Märkte reagierten im ersten Moment verunsichert – der Future auf den S&P 500-Index fiel in einer ersten Reaktion um über ein Prozent, und der VIX-Index, der die Volatilität misst, sprang kurzzeitig um 10 Prozent hoch.

Das positive Testergebnis dürfte den Vorsprung von Joe Biden in den Umfragen weiter ausbauen. Trumps Corona-Politik, der die Pandemie monatelang herunterspielte, stand bereits in der Kritik. Zudem wirft seine eigene Infektion ein Schlaglicht auf die nachlässige Covid-19-Vorsorge im Weißen Haus. Möglicherweise könnte der gesamte Führungsstab infiziert sein. Damit wird Trumps Covid-19-Infektion auch eine Frage der nationalen Sicherheit. Dies erklärt auch die ersten Marktreaktionen.

TV-Duell: Wüste Beschimpfungen – Ziel verfehlt

Dabei hatte der US-Präsident bereits in der ersten TV-Debatte zwei Tage zuvor eine wichtige Chance zur Beeinflussung der noch unentschlossenen Wähler vergeben. „Der Schreikampf“, titelte Spiegel Online einen Artikel über das erste TV-Duell zwischen Trump und seinem demokratischen Herausforderer Biden. Trump fiel seinem Kontrahenten regelmäßig ins Wort. Joe Biden benötigte deshalb keine großen rhetorischen Fähigkeiten, um am Ende eher als Sieger der Debatte zu gelten. Ein Wahlsieg Trumps am 3. November ist damit nicht wahrscheinlicher geworden.

Unsicherheitsfaktor falsche Umfragen?

Anders als im Wahljahr 2016 gibt es in diesem Jahr einige Unterschiede. Damals lag die Prozentzahl der unentschlossenen Wähler bei rund 15 Prozent, dieses Jahr sind es nur noch sechs Prozent. Viele der unentschlossenen Wähler hatten sich 2016 erst am Wahltag für Donald Trump entschieden. Dieses Potenzial für Trump ist heute also geringer.

Außerdem dürfte sich auch die Prognosequalität der Wahlumfragen gegenüber 2016 verbessert haben. Bei der letzten Wahl kam es zu einer „Schieflage“ der Prognosen in den Schlüsselstaaten, was am Aufbau der Umfragen lag. Zudem galten die drei Staaten Pennsylvania, Wisconsin und Michigan als „Blue Wall“ – ein Sieg der Demokraten schien dort  sicher; das führte dazu, dass dort weniger qualitativ hochwertige Umfragen gefahren wurden. Im Nachhinein gewann Trump in diesen Staaten.

Beide Faktoren sind heute in den Umfrage-Designs adressiert. Deshalb dürfte die Prognosegüte im aktuellen Rennen ums Weiße Haus besser sein als 2016.

Clinton (2016) vs. Biden (2020): Vergleich des Vorsprungs in den Tracking-Polls

Clinton (2016) vs. Biden (2020): Vergleich des Vorsprungs in den Tracking-Polls

Biden-Sieg: Leicht positiv für Aktienmarkt

Unser Basisszenario bleibt darum der „democratic sweep“: Joe Biden gewinnt die Präsidentschaftswahl, und die Demokraten erlangen die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Das wäre die notwendige Voraussetzung, dass Joe Biden weite Teile seiner Agenda umsetzen kann.

Auch wenn bei einem Sieg Bidens reflexhaft Verluste am Aktienmarkt möglich sind, dürfte insgesamt ein „democratic sweep“ mittel- und längerfristig einen leicht positiven Effekt auf den Aktienmarkt haben da eine weniger harsche Handels-Rhetorik die Risikoprämien an den Märkten senken sollte. Die Aktienmarkt-Volatilität sollte geringer, die KGVs höher sein und negative Effekte der von den Demokraten geplanten Steuererhöhungen auf die Unternehmensgewinne überkompensiert werden können durch ein strukturell höheres Wirtschaftswachstum. Schwächere Aktienkurse vor oder kurz nach der Wahl wären aus unserer Sicht deshalb eine Kaufgelegenheit.

Die weniger harsche Rhetorik gegenüber China sollte moderat negativ für “sichere Häfen“ wie US-Treasuries und Gold wirken. Höhere Fiskalausgaben – wie von den Demokraten geplant - und möglicherweise damit einhergehend auch mehr Inflation wirken ebenfalls negativ auf US-Treasuries. Auch die Implikation für den US-Dollar wären in diesem Szenario leicht negativ. Eine geringere Repatriierung von ausländischen Gewinnen sowie eine Entspannung beim internationalen Handel dürften belastend wirken.

US-Präsidentschaftswahlen 2020: Fahrplan

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Stand: 05.10.2020

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