China entschleunigt

Die Lokomotive der Weltwirtschaft bremst ab. 2020 dürfte die chinesische Wirtschaft erstmals weniger als sechs Prozent im Jahr wachsen. Was sind die Ursachen und wie entwickelt sich die chinesische Wirtschaft nun weiter? Zudem beleuchten wir, was diese Abkühlung für Europa bedeutet.

Der chinesische Wachstumsmotor ist ins Stottern geraten. Offenkundig wackelt das Ziel der chinesischen Regierung, zwischen 2010 und 2020 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu verdoppeln. Die konjunkturelle Abkühlung ist deutlich spürbar. Im März hatte der Nationale Volkskongress in Peking das Wachstumsziel für 2019 auf 6,0 bis 6,5 Prozent festgelegt. Im dritten Quartal erreichte das Plus laut offiziellen Zahlen aber gerade noch 6 Prozent, so wenig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1992.

Abnehmendes Wirtschaftswachstum in China

Jährliche Veränderung des realen BIP
Abnehmendes Wirtschaftswachstum in China
Quelle: Bloomberg; Stand: 30. Oktober 2019

Im Oktober rutschte der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe und für den Dienstleistungssektor weiter ab. Immerhin stieg im November der Caixin-Einkaufsmanager-Index für den Dienstleistungssektor von 51,1 auf 53,5 Punkte. Auch der Einkaufsmanager-Index für die Industrie erholte sich im November auf 50,2 Punkte von zuvor 49,3 Punkte. Ein Wert über 50 signalisiert eine wirtschaftliche Expansion.

Die Experten von Union Investment gehen für 2020 von einem BIP-Wachstum von noch 5,7 Prozent aus, während für das laufende Jahr 6,1 Prozent erwartet werden.

Rückwirkende Korrektur nach oben

Im November korrigierte die chinesische Regierung ihre Zahl für das nominale BIP für das Jahr 2018 um 2,1 Prozent auf 91,9 Billionen Yuan hoch. Grund sei der gegenüber der ursprünglichen Zahl ermittelte höhere Wertbeitrag des Dienstleistungssektors, hieß es. Experten interpretieren dies als Schritt zur Gesichtswahrung. Denn das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei Chinas hatte ursprünglich das Ziel ausgegeben, das BIP zwischen 2010 und 2020 zu verdoppeln. Weil nun die BIP-Zahl für 2018 nachträglich hochgeschraubt worden ist, muss die Wirtschaft 2019 und 2020 offiziell nicht so stark wachsen, damit das Ziel noch erreicht werden kann. Selbst wenn die offizielle Wachstumszahl 2020 leicht unter 6 Prozent zu liegen käme, dürfte das Ziel zumindest auf dem Papier noch erreicht werden. Marktakteure erwarten aber auch, dass die Regierung ohnehin bald für die kommenden Jahre ein neues, niedrigeres und damit realistischeres Wachstumsziel ausgeben wird. Die regierungsnahe chinesische Denkfabrik National Institution for Finance and Development prognostiziert für 2020 bereits ein Wachstum von rund 5,8 Prozent nach 6,1 Prozent im laufenden Jahr.

Nicht nur der Handelskonflikt bremst

Ein wichtiger Grund für die aktuelle Schwäche der chinesischen Industrie ist der Handelskonflikt mit den USA. Zwischen September und Oktober rutschte die Industrieproduktion im Jahresvergleich um 9,9 Prozent ab. Das trifft auch Europa: Werden weniger Autos oder Luxusgüter von China nachgefragt, geraten Gewinnprognosen ins Wanken und gilt es, Ersatz für wegfallende Aufträge zu finden. Nicht immer gelingt das. So leiden gerade auch die deutschen Auto- und Maschinenbauer unter einem Nachfragerückgang in China.

Handelskonflikt setzt chinesischen Exporteuren zu

Veränderung des Exportvolumens zum Vorjahreszeitraum
Handelskonflikt setzt chinesischen Exporteuren zu
Quelle: Bloomberg; Stand: 29. November 2019

Doch es ist nicht nur der Handelskonflikt, der das Wachstum im Reich der Mitte bremst. Auch der Reifegrad einer Wirtschaft spielt für ihr Wachstumstempo eine Rolle. Je größer eine Volkswirtschaft wird, desto geringer wird zwangsläufig das Tempo ihrer Expansion, weil die Ausgangsbasis für das Wachstum Jahr für Jahr größer wird. Dies zeigt sich in den Industriestaaten, deren Wachstumsraten sich irgendwann auf einem niedrigeren Niveau eingependelt haben.

Kein Grund zur übermäßigen Sorge

Die chinesische Wirtschaft erfindet sich zudem gerade neu. Die Regierung in Peking möchte den Anteil des Konsum- und Dienstleistungssektors hochschrauben. Dazu will China auch technologisch unabhängig vom Rest der Welt werden. Am Ende könnte dadurch die chinesische Volkswirtschaft stabiler aufgestellt sein, was gut für die Weltkonjunktur und auch für Europa wäre. Sie würde – wie eine reife Wirtschaft – langsamer wachsen, dafür aber robuster sein.

Zudem wird die chinesische Konjunktur derzeit weniger stark als früher mit neuen Krediten oder einer lockeren Geldpolitik unterstützt. Die chinesische Zentralbank hat zwar dem Bankenmarkt im November in überschaubarem Maße zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt. Die People’s Bank of China senkte auch die Loan Prime Rate, die der Finanzierung von Immobilien zugrunde gelegt wird, und sie senkte erstmals seit 2016 den Zinssatz für einjährige Kredite an Banken. Allerdings geht sie in ihrer Lockerungspolitik bislang im Vergleich zur US-Notenbank Fed oder der Europäischen Zentralbank (EZB) moderat vor. So ließ sie die Loan Prime Rate beispielsweise im Oktober überraschend unverändert.

Auch die Politik hält sich bisher mit Konjunkturmaßnahmen eher zurück. Industrieunternehmen, die zu hohe Stückzahlen von einem Produkt herstellen, werden nicht mehr so oft wie früher künstlich am Leben erhalten. Andererseits möchte der Staat mehr in zukunftsträchtige Branchen investieren, etwa in den Halbleiter-, Pharma- oder Elektromobilitätssektor oder in die Blockchain-Technologie. Auf der vierten Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas Ende Oktober war dies ein wichtiges Thema.

Der deutliche Rückgang der Wachstumsdynamik von China ist also zunächst einmal kein Grund zur übermäßigen Sorge. Es ist die natürliche Folge einer reifer werdenden Wirtschaft, die vor der Finanzkrise 2008 noch Wachstumsraten von elf bis 14 Prozent pro Jahr aufwies.

Der Umbau der Wirtschaft im Reich der Mitte stellt aber ausländische Unternehmen vor Herausforderungen. Gerade für europäische Industrie- und Technologieunternehmen dürfte der Konkurrenzdruck vor Ort zunehmen. Zusätzliche Unsicherheit schafft der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der nicht zuletzt ein Kampf um technologische Vorherrschaft ist, sowie die unruhige innenpolitische Lage. Das ZK-Plenum kündigte einen härteren Durchgriff zur Wahrung „nationaler Sicherheit“ in Honkong an, ohne jedoch Einzelheiten zu nennen.

Chancen auch für Europa

Andererseits bietet die Entwicklung in China auch Chancen. Die Zahl potenziell kaufkräftiger Konsumenten steigt weiter. Das Prognosehaus Economist Intelligence Unit geht beispielsweise von einem Wachstum der realen Konsumausgaben in China bis 2030 von 5,5 Prozent pro Jahr aus, was etwa der Hälfte der Wirtschaftsleistung entspräche. Um im Konflikt zwischen den USA und China profitieren zu können, brauchen die europäischen Unternehmen nun aber vor allem eins: einen besseren Marktzugang. China muss den Ankündigungen von Präsident Xi Jinping Taten folgen lassen und sich weiter für ausländische Unternehmen öffnen. Dann werden davon auch europäische Firmen profitieren, wenn sie die richtigen Produkte für diesen Markt anbieten können.

Auch der Handelskonflikt zwischen den USA und China wird weiter eine Rolle spielen. Kommt es etwa in Hongkong zu verstärkten Spannungen, wird dies auch auf die Beziehungen zwischen den USA und China Auswirkungen haben. Die USA haben zudem die Einhaltung von Menschenrechten durch Peking als Voraussetzung für eine Vertragsunterzeichnung im Handelskonflikt gemacht. Hier gibt es anhaltendes Spannungspotenzial.

Unabhängig von der Frage der Menschenrechte bleibt der Handelskonflikt auch längerfristig ein Thema. Dabei geht es insbesondere um die Vorherrschaft im Bereich der Technologie. Selbst für den Fall, dass US-Präsident Donald Trump im US-Wahljahr 2020 eine Niederlage hinnehmen müsste, dürfte auch eine demokratische Regierung darum bemüht sein, technologische Kompetenz zu schützen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
10. Dezember 2019, soweit nicht anders angegeben.