Brasilien hat gewählt

Mit 55,1 Prozent der Stimmen hat der Kandidat der rechtskonservativen Partido Social Liberal (PSL) Jair Bolsonaro auch den zweiten Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahl am 28. Oktober 2018 für sich entschieden. Sein Vorsprung gegenüber dem Kandidaten der Arbeitspartei Fernando Haddad lag bei rund zehn Prozent. Damit gaben rund 57 Millionen Menschen einem ultrarechten Kandidaten ihre Stimme, der unter anderem aufgrund seiner Nähe zum Militär umstritten ist. Auch der Klima- und Umweltschutz scheint ihm wenig am Herzen zu liegen: Beschützer des Regenwaldes befürchten unter anderem einen zunehmenden Holzschlag im Amazonas. Dennoch verkörpert Bolsonaro aus Sicht vieler Brasilianer den Wandel des Landes. Gerade die bürgerliche Mittelschicht ist wütend über die zunehmende Gewalt und die weitverbreitete politische Korruption. Mit dem neuen Präsidenten wird die Hoffnung verbunden, dass er die Reformen anstößt, die das Land gesellschaftlich und wirtschaftspolitisch dringend benötigt.

Bolsonaros Bedeutung für die Märkte

Der Wahlsieg wurde nicht nur auf den Straßen von Rio de Janeiro von den Anhängern des designierten Staatspräsidenten gefeiert, auch die Kapitalmärkte scheinen Bolsonaro für den „richtigen“ Mann an der Spitze der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas zu halten. Zumindest galt er aus Sicht der Investoren als „marktfreundlicher“ Kandidat, was im Vorfeld der Wahl auch an den Märkten reflektiert wurde: Seitdem der Kandidat der PSL Mitte September in den brasilianischen Wahlumfragen zulegte, stiegen die Aktienkurse an der Börse in São Paulo. Auch am Tag nach der Wahl des Rechtspopulisten waren die Reaktionen insgesamt positiv. Alleine im Oktober verzeichnete der brasilianische Leitindex Bovespa ein Plus von über elf Prozent. Auch die Landeswährung Real wertete gegenüber dem Dollar deutlich auf, während der Preis für eine Ausfallversicherung (CDS) einer fünfjährigen brasilianischen Staatsanleihe um ein Viertel zurückging. Nach der Wahl konnten die Märkte das Tempo allerdings nicht beibehalten.

Preise für Kreditausfallversicherungen rückläufig

Brasilianischer CDS in Basispunkten
Preise für Kreditausfallversicherungen rückläufig
Quelle: Union Investment, Bloomberg; Stand: 02. November 2018

Wichtige Wirtschaftsreformen im Blick

Die Kapitalmärkte erhoffen sich von Bolsonaro stärkere Impulse, um die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes zu überwinden. Zwar ist Brasilien mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund zwei Billionen US-Dollar die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, das Land ist aber hoch verschuldet. Seit 2013 sind die Staatsschulden von rund 60 auf nun über 87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Das sehen die Finanzmärkte mit Sorge. Daneben wirken sich die Turbulenzen im Welthandel und die straffere Geldpolitik in den USA auf den Wechselkurs des Real aus.

Real wertet auf

Währungsentwicklung USD/BRL im Zeitverlauf
Real werte auf
Quelle: Union Investment, Bloomberg; Stand: 02. November 2018

Zwar behauptete Bolsonaro von sich selbst, keine Ahnung von Wirtschaft zu haben. Mit dem Investmentbanker Paulo Guedes, der Superminister für Finanzen, Wirtschaft, Industrie und Privatisierung werden soll, setzt er aber auf einen erfahrenen Ökonomen. Seine Agenda: Neben der Verbesserung des Gesundheitswesens und der Bekämpfung der Kriminalität, soll die Bürokratie abgebaut und das komplizierte Steuersystem vereinfacht werden. Darüber hinaus plant er eine umfangreiche Privatisierung von Staatsunternehmen. Als wichtigstes Vorhaben gilt aber die Umsetzung der Renten- und Sozialreform, um die Fiskalausgaben zu verringern. Im Jahr 2018 beträgt das Staatsdefizit Brasiliens geschätzt rund 8,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die aktuelle Regierung hatte zwar bereits einen Reformvorschlag vorgelegt, doch dieser wurde vom Parlament noch nicht bewilligt. Derzeit ist noch offen, ob der designierte Präsident Bolsonaro diesen unterstützen und weiter voran treiben wird oder ob er ein neues Paket schnüren möchte. Die PSL hat zumindest angekündigt, sehr bald eine Reihe konkreter Maßnahmen vorzustellen. Als wahrscheinlich gilt, dass das Reformpaket Teile des bisherigen Vorschlags aufgreift und um eigene Vorstellungen ergänzt. Eine umfangreiche Reform ist der entscheidende Baustein, um die steigende Staatsverschuldung mittelfristig in den Griff zu bekommen und damit das strukturelle Haushaltsdefizit zu überwinden.

Wichtige Hürde: Koalitionsbildung

Da solche Maßnahmen aber immer auch mit Gesetzesänderungen verbunden sind, ist eine entsprechende Mehrheit im Parlament nötig. Die rechtskonservativen Parteien konnten bei den Wahlen im Oktober zwar deutlich zulegen, was bei der Suche nach Partnern, die den Kurs der PSL mittragen, helfen sollte. Nichtsdestotrotz gilt für Brasilien weiterhin: Die Parteienlandschaft ist zersplittert und es bestehen keine stabilen Koalitionen im Parlament. Für jede größere Entscheidung wird Bolsonaro mit möglichen Partnern verhandeln müssen, um die erforderlichen Mehrheiten sicherzustellen. Dazu braucht es erfahrungsgemäß politisches Geschick.

Risiko Kurzsichtigkeit

Die Herausforderungen für die neue Regierung Brasiliens sind also enorm. Ob ausgerechnet der Rechtspopulist Bolsonaro das Land aus der Krise führen kann, bleibt fraglich. Zumindest hat er sich in seiner Antrittsrede zur Verfassung und der Demokratie bekannt, auch wenn seine Äußerungen im Wahlkampf daran durchaus Zweifel aufkommen ließen. Dennoch: Die Politik des designierten Präsidenten ist sehr schwer einzuschätzen. Es bleibt das Risiko, dass sich die Finanzmärkte kurzfristig auf die richtigen wirtschaftspolitischen Ausrichtungen konzentrieren, aber ausblenden, dass dieser Politiker den gesamten institutionellen Rahmen des Landes infrage stellt. Diese Fehleinschätzung könnte das Land mittelfristig einholen.

Brasilianischer Aktienmarkt mit deutlicher Outperformance

Indexierte Wertentwicklung
Brasilianischer Aktienmarkt mit deutlicher Outperformance
Quelle: Union Investment, Bloomberg; Stand: 02. November 2018

 

Stand: 02. November 2018