Automobilsektor kommt nicht zur Ruhe

Die Nachrichten überschlagen sich, der Automobilsektor kommt nicht zur Ruhe. Zu den zahlreichen Skandalen rund um die Abgasmanipulation bei Dieselmotoren kommen nach einem Bericht des Spiegels vom vergangenen Wochenende neue Vorwürfe: Im Kern geht es um den Verdacht, dass der VW-Konzern gemeinsam mit BMW und Daimler kartellrechtswidrige Absprachen getroffen haben soll. Entsprechende Selbstanzeigen von Daimler und VW gingen bei den Behörden im Sommer vergangenen Jahres ein. Gegenstand der Absprachen soll unter anderem die Größe der AdBlue-Tanks bei Dieselfahrzeugen sein. Die Harnstofflösung AdBlue dient zur Abgasreinigung. Insgesamt ist von 60 Arbeitskreisen und mehr als 1.000 geheimen Sitzungen die Rede, allerdings mit einem breiten inhaltlichen und oft nicht justiziablen Spektrum. Beteiligt waren Berichten zufolge etwa 200 Manager der drei Konzerne.

Sollten die Vorwürfe sich als zutreffend erweisen, dann würde eine Kartellstrafe verhängt. Zum aktuellen Zeitpunkt lässt sich deren Höhe kaum abschätzen, rein theoretisch könnte eine Geldbuße von zehn Prozent des Jahresumsatzes erhoben werden. Daraus ergeben sich für BMW neun, für Daimler 15 und für VW 24 Milliarden Euro als maximale Höchststrafen. Das entspricht 18, 23 bzw. 35 Prozent der heutigen Marktkapitalisierung. Allerdings beläuft sich die Nettoliquidität auf 21, 23 und 25 Milliarden Euro. Eine substanzielle Gefährdung kann aufgrund der Bilanzqualität also ausgeschlossen werden. Dass Strafen in dieser Höhe tatsächlich verhängt werden, gilt überdies angesichts der eingegangenen Selbstanzeigen als unwahrscheinlich. Mildernd hinzukommen könnte der Umstand, dass es sich bei den Gesprächen offenbar nicht um Preisfixing, sondern um die Abstimmung gegenüber der Zulieferindustrie handelte. Eine Auswertung der Europäischen Kommission zeigt, dass die verhängte Strafe seit der Überarbeitung der „Guidelines for setting fines in antitrust cases” im Jahr 2006 in rund zwei Dritteln der Fälle bei weniger als zwei Prozent des jährlichen Umsatzes lag.

Geringere Strafen bei LKW-Kartell

Als Vergleichsziffer könnte eine Kartellstrafe im Zusammenhang mit Absprachen im LKW-Bereich dienen. Im Jahr 2016 musste Daimler nach fünfjähriger Ermittlung 1,1 Milliarden Euro zahlen, allerdings ging es auch um ein deutlich kleineres Kartell. Seinerzeit profitierte MAN von einer Kronzeugenregelung und blieb straffrei. Das könnte auch der Hintergrund der nun bekannt gewordenen Selbstanzeigen von Daimler und VW sein, wobei Berichten zufolge Daimler dem Volkswagenkonzern zuvorgekommen sein soll. BMW wiederum scheint nur in Einzelfällen betroffen zu sein und beteuert, bei den Abgasthemen sauber zu sein.

Der negative Newsflow riss im Wochenverlauf nicht ab. Am Donnerstag verkündete Verkehrsminister Alexander Dobrindt ein Zulassungsverbot für bestimmte Modelle des Porsche Cayenne, weil im Wagen illegale Schadstoffsoftware gefunden wurde. Der betroffene Drei-Liter-Dieselmotor wird von Audi zugeliefert. Die Süddeutsche Zeitung berichtet zudem am Freitag, dass Audi-Techniker bereits im Jahr 2013 vor einem Auffliegen des Skandals warnten. Unklar ist, ob diese Warnungen bis zum Vorstand vorgedrungen sind.

Entwicklung der CDS-Spreads (ytd)

Entwicklung der CDS-Spreads
Quelle: Union Investment, Bloomberg, Stand: 24. Juli 2017

Aktien reagieren deutlich

Die Vorwürfe treffen den Sektor in einer Phase stark erhöhter Unsicherheit. Die Aktien der OEMs haben erneut stark nachgegeben. Titel von BMW verloren seit vergangenem Freitag rund fünf Prozent, VW-Aktien gaben 4,7 Prozent nach, Daimlers Kurs sackte um 2,5 Prozent ab. Seit Jahresbeginn liegt das Minus bei 12,9 (BMW), 1,2 (VW) und 16,2 Prozent (Daimler). Mittlerweile werden die besagten Unternehmen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von weniger als sieben gehandelt. Der negative Newsflow lässt es unwahrscheinlich erscheinen, dass die Risikoprämie sich zeitnah auflöst. Auch an den Bondmärkten werden Autotitel oberhalb der entsprechenden Industrials-Ratingkurven gehandelt. Seit Mitte Juli haben sich Spreads von VW, BMW und Daimler um etwa zehn Basispunkte ausgeweitet, während der Markt sich um fünf Basispunkte eingeengt hat. Klar ist aber auch, dass hier seitens der Investoren keine substanzielle Bedrohung der beteiligten Unternehmen gesehen wird, sondern eher ein Rating-Issue.

Nachgelagerte Effekte als weitere Risiken

Das größte Risiko scheint daher nach derzeitiger Sachlage nicht die Kartellstrafe zu sein, sondern die möglichen nachgelagerten Effekte: Es drohen schärfere Regulierung und ein gewaltiger Imageschaden, der potenziell auf alle Marken der drei betroffenen OEMs abfärbt. Zudem entstehen mit jeder neuen Enthüllung weitere Rechtsrisiken, sowohl in Europa als auch in den USA.

All das trifft die Industrie in einer Situation, die ganz unabhängig von allen erhobenen Vorwürfen und bewiesenen Fehlverhalten in einem Umbruch steht. Sowohl die Umstellung von Verbrennungsmotoren auf alternative Antriebssysteme als auch Megathemen wie Autonomes Fahren und digitale Vernetzung stellen die etablierten Hersteller vor enorme Herausforderungen. Just in dieser Woche hat die Regierung in Großbritannien beschlossen, dass ab dem Jahr 2040 im Vereinigten Königreich keine Autos mit Verbrennungsmotor erlaubt sein sollen. Andere Länder dürften nachziehen. Es gibt für die großen Hersteller also mehr als genug Anlass, in hektische Betriebsamkeit zu verfallen. Vieles spricht dafür, dass die großen Namen der hiesigen Autoindustrie die Zeichen der Zeit erkannt haben, bei der IAA im Herbst werden gerade mit Blick auf das Thema Elektromobilität zahlreiche Neuerungen erwartet. Nichtsdestotrotz dürften zusätzliche Belastungen durch Rechtsstreitigkeiten und einen Reputationsverlust bei der Bevölkerung für die Bewältigung der Herausforderungen alles andere als hilfreich sein.

(Stand: 28. Juli 2017)