Aktienrückkäufe auf Rekordstand

2018 erreichte das Volumen der angekündigten Aktienrückkäufe ein neues Rekordniveau, bevor im Februar diesen Jahres vor allem in den USA eine Diskussion über den Nutzen der Programme aufgekommen ist. Obwohl sich der unternehmensindividuelle Nutzen von Fall zu Fall unterscheidet, ist die im laufenden Jahr erneut anziehende Aktivität eine gute Stütze für die breite Aktienmarktentwicklung.

Obwohl Aktienrückkaufprogramme so beliebt wie noch nie sind, ist ihr Nutzen zunehmend umstritten. In den vergangenen Tagen und Wochen gaben gleich mehrere Börsenschwergewichte bekannt, eigene Anteilsscheine aufzukaufen. Die US-amerikanische Elektronikkette Best Buy hat am 28. Februar ein Programm über drei Milliarden US-Dollar angekündigt. Auch die Lloyds Banking Group gab am 1. März bekannt, bis zu 1,75 Milliarden Britische Pfund für diesen Zweck einzusetzen. Fresenius Medical Care, Shell, Swiss Re, Allianz, Softbank, Novartis, Intershop, Glencore,AkzoNobel – die Liste von Unternehmen mit neuen oder erweiterten Rückkaufprogrammen ließe sich nahezu beliebig fortsetzen.

An der Beliebtheit herrscht also kaum Zweifel. Gleichzeitig war aber zuletzt auch Kritik zu vernehmen. Mitte Februar dieses Jahres kam in den USA eine Diskussion rund um das Thema Aktienrückkäufe auf, die von einem Artikel in der „New York Times“ angestoßen wurde, geschrieben von den beiden demokratischen Politikern Chuck Schumer und Bernie Sanders. In diesem Artikel zählten die Autoren zahlreiche Argumente auf, warum Aktienrückkäufe der US-Wirtschaft schaden und man diese per Gesetz eindämmen sollte. Darauf lieferten unter anderem der New Yorker Ökonomie-Professor Aswath Damodaran, aber auch der Linde-Aufsichtsrats-Chef Wolfgang Reitzle schlüssige Gegenargumente. Fazit ist: Aktienrückkäufe können für ein Unternehmen und seine Aktionäre sinnvoll sein, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Rekordjahr 2018 bei Aktienrückkäufen

Das Phänomen der Aktienrückkaufe hat seinen Ursprung - wenig überraschend - in den USA. Dort werden sie seit Anfang der 1980er Jahre von börsennotierten Unternehmen als Ergänzung zu Dividendenzahlungen eingesetzt, um ihre Aktionäre zu vergüten. In anderen Regionen wie Kanada, Europa und Japan hat ihr Volumen seit den 90er Jahren ebenfalls stetig zugenommen. Im Jahr 2018 erreichte das Gesamtvolumen aller Rückkäufe der im S&P 500-Index gelisteten Firmen mit fast 700 Milliarden US-Dollar einen neuen Rekordwert. Dies ist nicht zuletzt der jüngsten Unternehmenssteuerreform geschuldet, die zu einer immensen Repatriierung von Auslandsgewinnen in die USA geführt hatte. Zum Vergleich: Deutsche Konzerne kauften im letzten Jahr für 8,6 Milliarden Euro eigene Aktien zurück.

Aktienrückkäufe können den Gewinn pro Aktie erhöhen

  • Renditebeitrag im S&P 500
    (Beiträge der Jahre 2011 bis 2018)
    Renditebeitrag im S&P 500
    Quelle: Union Investment, Morgan Stanley, Stand: Februar 2019.
  • Beitrag zum Gewinnwachstum des S&P 500
    (Angaben in Prozent)
    Beitrag zum Gewinnwachstum des S&P 500
    Quelle: Union Investment, Morgan Stanley, Stand: Februar 2019.

Gründe für die mit den Jahren wachsende Beliebtheit der Aktienrückkäufe in den USA, aber auch in anderen Ländern sind nicht nur steuerliche Motive. Für die Unternehmen macht es im Rahmen ihrer Ausschüttungspolitik Sinn, ihre jährlichen Dividendenzahlungen auf lange Sicht tendenziell stabil zu halten oder zumindest nicht zu kürzen. Denn: Aktionäre mögen es nicht, wenn Dividenden stark schwanken, vor allem wenn sie von einem aufs andere Jahr sinken. Gleichzeitig fallen aber die Gewinne der Unternehmen nicht in jedem Jahr gleich aus, entsprechend hoch ist der Bedarf an Flexibilität. Daher sind Aktienrückkäufe immer dann für einen Konzern vorteilhaft, wenn ein einmaliger Betrag ausgeschüttet werden soll. Für den Aktionär steckt darin aber auch immer ein Signal, dass man im Unternehmen der Nachhaltigkeit der eigenen Gewinne nur bedingt traut.

Corporate America mit höchsten Rückkaufquoten

Statistiken zeigen, dass die US-Unternehmen mit den höchsten Aktienrückkaufs-Quoten die großen, seit langem etablierten Gesellschaften aus dem Technologie- und Pharmasektor sind. Diese weisen in ihren Bilanzen einen hohen Anteil an immateriellen Vermögenswerten und einen vergleichsweise hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwand aus. Sie generieren aus ihrem Kerngeschäft hohe Cash-Flows und geben diese nun über Aktienrückkäufe teilweise an ihre Aktionäre weiter. So erwarb Apple in den letzten vier Jahren rund 20 Prozent der eigenen Aktien, IBM hat die Anzahl der ausstehenden Aktien über 25 Jahre um 50 Prozent gesenkt. Unter den Top Ten der US-Aktienrückkäufer befanden sich im letzten Jahr Exxon, Microsoft, Oracle, Cisco, Walmart, Wells Fargo, Pfizer und Procter & Gamble. Die Schlusslichter sind hingegen die Branchen, in denen traditionell hohe Dividenden gezahlt werden, wie Versorger, Rohstoffförderer und Immobilienwerte. Hier sind Aktienrückkäufe weniger üblich.

US-Aktienkäufe nahe der Höchststände

  • Top 500 US-Aktienrückkäufe
    (in Prozent der Marktkapitalisierung)
    Top 500 US-Aktienrückkäufe
    Quelle: Union Investment, Morgan Stanley, Bloomberg, Stand: Februar 2019.
  • Verteilung der Rückkäufe nach Branchen
    (Angaben in Prozent)
    Verteilung der Rückkäufe nach Branchen
    Quelle: Union Investment, Morgan Stanley, Bloomberg, Stand: Februar 2019.

Wenn ein Unternehmen einen Aktienrückkauf durchführt, sinkt die Anzahl seiner am Markt ausstehenden Aktien, der Gewinn je Aktie steigt also (ceteris paribus). In der Regel steigt daher der Aktienkurs unmittelbar nach der Ankündigung eines Rückkaufprogramms – in gewisser Weise also ein technischer Effekt. Für die Beurteilung nach der Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme sind nun die Gründe entscheidend:

  • Sollen die Kapitalkosten minimiert werden? In Anbetracht der geringen Renditen auf Unternehmensanleihen war dieses Motiv in den vergangenen Jahren für viele Firmenlenker sicher (mit-)entscheidend. Aus Aktionärssicht war diese finanztechnische Maßnahme durchaus sinnvoll, da Kosten minimiert und Gewinne je Aktie gesteigert wurden. Aus Bondinvestorenperspektive war der Effekt genau gegenteilig, wurde aber durch verbesserte fundamentale Geschäftsaussichten und das Niedrigzinsumfeld kompensiert.
  • Soll die Vergütung des Top-Managements maximiert werden? Häufig hält die Führungsriege selbst Aktien bzw. wird durch entsprechende Optionen vergütet, profitiert also von Aktienrückkäufen. In solchen Fällen gilt es sehr genau hinzuschauen und bei Bedarf durch Engagement-Aktivitäten auf eine Änderung der Praxis hinzuwirken.
  • Fehlen alternative, attraktive Investitionsmöglichkeiten? Dieser Befund sollte hellhörig machen, da das Unternehmen offensichtlich nur begrenzte Wachstumsperspektiven bietet.

Fazit: Hohe Aktivitätsdichte in den kommenden Wochen

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Aktienrückkäufe nicht per se schlecht sind. Sie können ein sinnvoller Bestandteil der Shareholder Value-Politik sein, unter der Bedingung, dass sich ein Unternehmen sein Aktienrückkauf-Programm auch tatsächlich leisten kann. Doch ist es klar kritisch zu sehen, wenn dieses Instrument nur als Mittel zur kurzfristigen Steigerung des Aktienkurses genutzt wird, insbesondere wenn hierfür die Verschuldung des Unternehmens in unverantwortlichem Ausmaß steigt.

Mit Blick auf die kommenden Wochen und Monate ist mit einer weiterhin hohen Aktivitätsdichte bei Aktienrückkäufen zu rechnen. Die abgeklungene Berichtssaison sowie die Aussicht auf nicht stark steigende Renditen am Corporate Bond-Markt dürften als Katalysatoren für ein weiterhin hohes Volumen von Aktienkäufen durch die Unternehmen dienen. Hinzu kommt eine starke M&A-Aktivität. Diese Faktoren führen dazu, dass die Aktienmärkte trotz der derzeitigen Konjunkturschwäche aktuell gut unterstützt sind.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
01. März 2019, soweit nicht anders angegeben.