60 ist das neue 40

Wie man an der Börse in die „jungen Alten“ investieren kann

  • Die Alterskohorte der über 60-Jährigen wächst in vielen Ländern

  • Diese Generation lebt länger als frühere Senioren, ist aktiver und verfügt über mehr Geld

  • Investoren können profitieren, wenn sie diversifiziert auf passende Sektoren und Unternehmen setzen

Noch lange kein „altes Eisen“

Ab Mitte 50 etwas langsamer machen? Für Barbara Gähling, Jahrgang 1965, kommt das noch nicht in Frage. Die Kölnerin ist „Senioren-Leichtathletin des Jahres 2021“ und hat im vergangenen Jahr einen neuen Weltrekord über 300 Meter Hürden in ihrer Altersklasse aufgestellt. Das nächste Ziel: die Senioren-Weltmeisterschaften Ende Juni in Finnland1. Natürlich ist Barbara Gähling eine Ausnahmesportlerin. Und doch lässt sich der Befund verallgemeinern: Alt zu werden, bedeutet heute in vielen Fällen etwas ganz anderes als früher. Menschen im fortgeschrittenen Alter leben im Durchschnitt heute länger, sind aktiver und ihnen steht mehr Geld zur Verfügung. Für die Wirtschaft macht sie all dies zu einer attraktiven Zielgruppe2 – zumal die Gruppe der „jungen Alten“ in vielen Ländern wächst. Investoren können an diesen Entwicklungen partizipieren, wenn sie auf die passenden Sektoren und Unternehmen setzen.

Fitte Senioren

Weltweit ist die Lebenserwartung in den vergangenen 20 Jahren gestiegen, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 66,8 auf 73,3 Jahre3. Besonders deutlich zeigt sich dieser Anstieg in den Industrieländern: In Japan liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei über 84 Jahren, in europäischen Ländern wie der Schweiz, Spanien oder Italien bei rund 83 Jahren. In Deutschland liegt sie mit knapp unter 82 Jahren zwar etwas dahinter. Aber das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass auch hierzulande die Lebenserwartung weiter zunehmen wird: Im Jahr 2060 geborene Männer könnten ein durchschnittliches Alter von bis zu 86 und Frauen bis zu rund 90 Jahren erreichen. Senioren werden aber nicht nur älter, sondern bleiben auch länger fit. Die WHO misst dies mit der „Healthy life expectancy“ – die Anzahl der verbleibenden Lebensjahre einer Person ohne gesundheitliche Einschränkungen. Dieser Indikator ist in den vergangenen gut 20 Jahren weltweit ebenfalls deutlich gestiegen, von 58,3 im Jahr 2000 auf 63,7 im Jahr 2019. Auch hier liegen die Industriestaaten mit durchschnittlich rund 68 Jahren vorne.

Aufgrund der demographischen Struktur und der steigenden Lebenserwartung wird die Alterskohorte der über 60-Jährigen stetig größer, sie wächst weltweit am schnellsten. Schon jetzt macht sie fast 9,5 Prozent der Weltbevölkerung aus. Angesichts der weiter sinkenden Geburtenrate, die sich in den vergangenen 60 Jahren bereits halbiert hat, wird es zu gesellschaftlichen Verschiebungen kommen. Bereits im Jahr 2030 wird es weltweit mehr über 60-Jährige geben als Kinder bis zum 10. Lebensjahr. Bis 2050 wird sich diese Kohorte sogar verdoppeln, auf dann rund 2,1 Milliarden Menschen. Der demographische Wandel zeigt sich besonders stark in den Industrieländern. Beispiel Deutschland: Bereits in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Gesellschaft zu Gunsten der Alten gewandelt, wie Abbildung 1 zeigt. Die Zahl der Personen ab 70 Jahren ist beispielsweise zwischen 1990 und 2018 in Deutschland von 8 Millionen auf 13 Millionen gestiegen.

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 1990 und 2018

In Tausend Personen je Altersjahr

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 1990 und 2018
Quelle: Statistisches Bundesamt 2021

Der demographische Wandel wird sich fortsetzen: Das Statistische Bundesamt rechnet bis 2035 mit einem Anteil der über 67-Jährigen von dann 24 Prozent der Gesamtbevölkerung4.

Menschen, die sich heute dem Rentenalter nähern, leben nicht nur länger als frühere Generationen – sie haben auch mehr Geld und sind bereit, es auszugeben. Beispielsweise sind die „Active Agers“ in den USA eine Gruppe von 75 Millionen Menschen, die rund 70 Prozent des gesamten Vermögens besitzen und für mehr als 40 Prozent der Konsumausgaben verantwortlich sind. Zum Vergleich: Die Gruppe der „Millenials“steuert nur 18 Prozent der Konsumausgaben bei.

Chancen nutzen auf den globalen Aktienmärkten

Wie können Investoren von diesen Entwicklungen profitieren, vor allem am Aktienmarkt? Konkret: Wie können die für die „jungen Alten“ besonders relevanten Themen in Investmententscheidungen übersetzt werden, wo kann man ansetzen? Entscheidend für eine chancenreiche, sektoral und geographisch diversifizierte Auswahl von Einzeltiteln ist, Entwicklungen zu antizipieren, die der Markt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eingepreist hat. Konkret: Welche Trends werden die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in Zukunft bestimmen? Welche Dynamiken werden aktuell vielleicht noch unterschätzt? Entstehen durch Innovation ganz neue Produkte, die die Nachfrage stark steigen lassen? Die Expertinnen und Experten von Union Investment analysieren innerhalb eines systematischen Prozesses fortlaufend alle Wirtschaftsbereiche und wählen für thematische Investmentideen sehr gut geführte und erfolgreiche Unternehmen aus, die eine überdurchschnittliche Attraktivität aufweisen. Dabei nehmen sie nicht nur die europäischen, sondern auch die internationalen Märkte in den Blick. Wie Profis ein solches Themeninvestment strukturieren, wird nachfolgend durch Beispiele erläutert.

Konsumgüter:

Die “Active Agers” verfügen über Zeit und Geld: Die Kinder sind aus dem Haus, das Berufsleben ist so gut wie vorbei oder die Rente hat bereits begonnen. Diese Senioren sind unabhängig und noch nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Sie sind mobil, wollen etwas erleben, fahren in den Urlaub und halten sich fit – davon könnten beispielsweise Sportartikelhersteller profitieren, mit Nike etwa könnte man so einen Trend im Portfolio abbilden. Zuhause gehen sie ihren Hobbys nach oder investieren in das Eigenheim, zum Beispiel indem sie sich einen Pool anschaffen. Das dazu passende Unternehmen mit Potenzial könnte die amerikanische Pool Corporation sein, die Schwimmbadzubehör vertreibt. Beim Einkaufen setzen die „Active Agers“ auf Qualität, und dabei kann es auch etwas hochpreisiger sein. Marken- und Luxusprodukte könnten mit dem Wachstum der kaufkräftigen Altersgruppe „60 Plus“ an Bedeutung gewinnen. Im Portfolio könnten dies zum Beispiel Unternehmen wie Porsche oder der französische Luxus-Modehändler Hermes International repräsentieren. Gute Beratung, Service und Kundenfokussierung sind für diese Zielgruppe zudem relevanter als ein günstiger Preis und Zeitersparnis. Für die Altersgruppe behält deshalb der stationäre Handel im Vergleich zum Onlinehandel seine Relevanz, denn es geht ihr mehr um das Einkaufserlebnis. In ein Themenportfolio könnten deshalb beispielsweise der Elektronikhändler Best Buy oder die Baumarktkette Home Depot passen.

Gesundheit:

Die „jungen Alten“ sind fitter und gesundheitlich weniger eingeschränkt, als es Generationen vor ihnen waren. Die Gesundheitsbranche ist interessant für Investoren, weil die Gruppe der über 60-Jährigen und damit perspektivisch auch die Nachfrage nach medizinischen Produkten und Dienstleistungen wie beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen wächst. Profitieren von diesem allgemeinen Trend könnten Hersteller von medizinischen Geräten, im Portfolio etwa abbildbar durch Firmen wie Thermo Fisher, Danaher oder Terumo. Bestimmte medizinische Aspekte sind dabei für die Altersgruppe von besonderer Relevanz. Ein Beispiel dafür ist die Volkskrankheit Diabetes, die insbesondere in den Industriestaaten immer mehr Menschen betrifft. Pharmaunternehmen wie Eli Lilly and Company bieten entsprechende Medikamente an und würden deshalb in ein „Active Agers“-Portfolio passen. Eine andere Alterserscheinung, die zudem in Zusammenhang mit Diabetes steht, ist vermindertes Hörvermögen. Ein Unternehmen in diesem Bereich ist Amplifion, ein italienisches Handelsunternehmen für Hörgeräte. Zahngesundheit und -ersatz ist ein weiteres Thema, das für Senioren von großer Bedeutung ist. International erfolgreich tätig in diesem Wachstumsmarkt ist beispielsweise die Straumann Holding AG. Die Altersgruppe investiert aber nicht nur in die eigene Gesundheit. Auch für das Wohl der eigenen Haustiere sind die über 60-Jährigen gerne bereit, in die Tasche zu greifen. Ein passendes Unternehmen in diesem Bereich ist Zoetis, ein führender Hersteller von Tierarzneimitteln und Impfstoffen.

Informationstechnologie:

Die neuen Senioren stehen Technologie offen gegenüber: Diese Gruppe hat sich jahrelang mit Computern und anderen technischen Geräten beschäftigt, sowohl in ihrem Arbeitsleben als auch in der Freizeit – sie ist weitaus technikaffiner als frühere Generationen, schätzt innovative Geräte und ist auch bereit, dafür Geld auszugeben. Ein Technologieunternehmen, das von der wachsenden Anzahl von Senioren profitieren könnte, ist Apple. Dessen Geräte sind zwar hochpreisig, gehören aber zu den Besten ihrer Klasse und sind intuitiv zu bedienen, weshalb sie auch von älteren Nutzern besonders geschätzt werden. Durch ihre Technologieoffenheit gehört auch das bargeldlose Bezahlen zum Alltag dieser Altersgruppe, die sich außerdem durch eine ausgeprägte Reiselust auszeichnet und auch noch fit genug fürs Reisen ist. Der Zahlungsdienstleister Visa, Spezialist für das bargeldlose Bezahlen, profitiert von den weltweiten Tourismusströmen – auch jenen der „Active Agers“.

Finanzen:

Die über 60-Jährigen verfügen über mehr Geld als frühere Generationen, das aber nicht nur in den Konsum fließt. Denn mit einer höheren Lebenserwartung steigt auch der Anlagehorizont. Anbieter von entsprechenden, auf die Zielgruppe abgestimmten Investmentvehikeln könnten davon profitieren. Neben der Geldanlage sind finanzielle Sicherheit und die Übertragung von Vermögen an nachfolgende Generationen Themen, die für diese Altersgruppe relevant sind. Der Bedarf an finanzieller Beratung steigt also. Wohlhabendere, global mobile Zielgruppen wenden sich dazu an große, international tätige Vermögensberatungen. Die britische St. James Place Wealth Management könnte ein solches Thema im Portfolio abbilden.

Fazit

Der demographische Wandel schreitet voran und wird in den kommenden Jahren besonders in den Industriestaaten für gesellschaftliche Verschiebungen sorgen. So wird die Altersgruppe der über 60-Jährigen stetig zulegen. Für Unternehmen sind die „Active Agers“ eine attraktive, zahlungskräftige Zielgruppe. Investoren können an diesen Entwicklungen teilhaben, wenn sie international diversifizierte Anlagen in erfolgreiche Unternehmen in Sektoren tätigen, die in den kommenden Jahren von den demographischen Verschiebungen profitieren werden. Chancen können sich beispielsweise im Bereich der Konsumgüter, der Gesundheitsbranche sowie der Informationstechnologie und der Finanzbranche ergeben.

 

Hinweis: Die Nennung von Einzeltiteln und Unternehmen dient ausschließlich der Illustration und stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung der Titel dar. Die genannten Unternehmen müssen nicht Bestandteil der Portfolios von Union Investment sein. Einschätzungen können sich ändern, und das Unternehmen kann auf Veränderungen bereits reagiert haben.

  1. 1 Interview mit Barbara Gähling, erschienen am 13.1.2022: Barbara Gähling: "Ich treibe einfach gerne Sport" | leichtathletik.de
  2. 2 Für diese Zielgruppe kursieren verschiedene Bezeichnungen, darunter „Best Agers“, „Active Agers“ oder „Silver Surfer“.
  3. 3 World Health Statistics 2021, World Health Organization (WHO): World Health Statistics (who.int)
  4. 4 Statistisches Bundesamt: Ausblick auf die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und den Bundesländern nach dem Corona-Jahr 2020 (destatis.de)
  5. 5 Die zwischen 1980 und 2000 Geborenen, auch als „Generation Y“ bezeichnet.

Autoren:

Moritz Bauer, Vera Diehl, Kateryna Illyushenko und Christopher Krämer

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
10. Februar 2022, soweit nicht anders angegeben.

 

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