Lockdown light: Europa macht diesmal anders dicht

Seit Wochen steigt die Zahl der Neuinfektionen mit dem Corona-Virus, vor allem in Europa. Vor diesem Hintergrund haben viele europäische Regierungen jüngst eine Intensivierung der Gegenmaßnahmen verkündet. Ist der Anstieg der Fallzahlen und der Lockdown light sowie deren Folgen für Konjunktur und Kapitalmärkte vergleichbar mit der Situation im Frühjahr?

Lag die wöchentliche Zuwachsrate für die fünf bevölkerungsreichsten europäischen Länder Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien Anfang Oktober noch bei 5 Prozent, so kletterte der Wert zuletzt auf über 50 Prozent. Für Mittwoch letzter Woche wurde erstmals ein kumulierter Zuwachs von mehr als 120.000 Fällen für die „Big Five“ gemeldet.

„Nationale Kraftanstrengung“ in Deutschland

Vor diesem Hintergrund haben viele europäische Regierungen in der letzten Woche eine Intensivierung der Gegenmaßnahmen verkündet. In Deutschland konnten sich Bund und Länder am Mittwoch auf ein umfangreiches Maßnahmenpaket verständigen. Um eine „akute Gesundheitsnotlage zu vermeiden“, so Bundeskanzlerin Merkel, sei eine „nationale Kraftanstrengung“ notwendig. Ab Montag, 2. November, gelten bundesweit striktere Kontaktbeschränkungen. Gastronomie, inländischer Tourismus sowie Dienstleistungen im Bereich der Körperpflege werden geschlossen. Unterhaltungsveranstaltungen werden untersagt, Profisport ist nur noch ohne Zuschauer erlaubt. Deutschland geht also in einen zweiten „Lockdown“, zunächst für vier Wochen.

In Frankreich gab Präsident Macron in einer Fernsehansprache ebenfalls strengere Maßnahmen bekannt. Auch hier kommt es befristet bis Anfang Dezember zu Schließungen von „nicht unentbehrlichen Geschäften“. Zudem gilt in 54 Départements (und damit für 46 Millionen Franzosen) eine nächtliche Ausgangssperre.

Spanien hat derweil den nationalen Gesundheitsnotstand bis Mai 2021 ausgerufen und damit die Grundlage für weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelegt. Auf der iberischen Halbinsel sind die Infektionszahlen mittlerweile so hoch, dass die Region Katalonien ab diesem Freitag für 15 Tage weder Aus- noch Einreisen erlaubt. In Italien müssen seit Montag alle Lokale um 18 Uhr schließen. Kinos, Theater, Fitnessstudios, Bäder, Skiresorts oder Konzerthallen dürfen nicht mehr öffnen. Auch die Schweiz, Tschechien, Irland und die Slowakei haben lockdownähnliche Programme verkündet. In Österreich scheinen entsprechende Schritte kurz bevorzustehen.

Corona-Pandemie: Neuinfektionen; 7-Tages-Durchschnitt
Quelle: Bloomberg, Union Investment; Stand: 29. Oktober 2020. Europa 5: = Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien.

Programme unterscheiden sich vom Frühjahr

Ähnlich wie bereits im Frühjahr ziehen die Regierungen in den europäischen Hauptstädten also die Schrauben an. Allerdings gibt es im Vergleich zur „ersten Welle“ deutliche Unterschiede. Produktionsbetriebe sind zum Beispiel von den Einschränkungen nicht betroffen. In Deutschland kann daher der wichtige Automobil- und Maschinenbau weiter produzieren. Viele Unternehmen haben mittlerweile effektive Schutzvorkehrungen getroffen, um auch unter Pandemiebedingungen die Bänder nicht anhalten zu müssen. Auch ein Rückgang bei den Bauaktivitäten (in Frankreich minus 32 Prozent im ersten Halbjahr 2020) dürfte sich nicht wiederholen. Zudem bleiben Schulen und Kitas weitgehend geöffnet, sodass die entsprechenden Teile der Erwerbsbevölkerung ihre Arbeitsleistung nicht wegen Betreuungsproblemen zurückfahren müssen. Und schließlich gelten in nahezu allen Ländern für den Einzelhandel kaum Einschränkungen.

Hilfen angepasst und ausgeweitet

Die Regierungen haben also ihre Schlüsse aus den Erfahrungen vom Frühjahr gezogen. Das gilt auch für die Ausgestaltung von Hilfen für besonders betroffene Sektoren. In Deutschland sollen zum Beispiel rund zehn Milliarden Euro an die Betriebe als Zuschüsse ausgereicht werden, abgeleitet aus den Umsätzen des Vorjahres. Das hat gegenüber den früheren, eher fixkostenorientierten Regelungen den Vorteil, dass ein breiterer Personenkreis abgedeckt wird. So sollten auch „Kleinselbstständige“ (etwa aus der Kultur) Unterstützung erhalten, was während der ersten Welle oft nicht der Fall war.

Der Befund gilt aber nicht nur für Deutschland, das aufgrund seiner fiskalischen Position in einer relativ komfortablen Lage ist. So hat die Regierung in Frankreich das Kurzarbeitergeld verlängert. Ministerpräsident Conte hat in Rom ein schnelles Nothilfe-Paket in Höhe von mehr als fünf Milliarden Euro angekündigt, um die Wirkungen der jüngsten Beschränkungen abzufedern. Italien profitiert besonders von den im Juli beschlossenen Hilfen der EU und muss daher bei der Krisenbekämpfung weniger Rücksicht auf seine angespannte Haushaltslage nehmen.

Kein synchroner Abschwung wie im Frühjahr

Hinzu kommt, dass sich die Weltwirtschaft (anders als im Frühjahr) derzeit nicht in einem synchronen Abschwung befindet. China wächst sogar sehr dynamisch und befindet sich auf dem besten Weg zu einer V-förmigen Erholung. Wie das besser als erwartet ausgefallene Bruttoinlandsprodukt für das dritte Quartal untermauert, zeigt sich auch die US-Wirtschaft bislang recht robust – trotz wieder steigender Fallzahlen. Dabei kommen den Vereinigten Staaten unter anderem die niedrigen Zinsen zugute, die zum Beispiel den Häusermarkt zuletzt stark angetrieben haben. Und schließlich sind auch viele Emerging Markets entweder weniger betroffen oder aber auf dem Weg der Erholung. Das gilt beispielsweise für Brasilien, das mit dem Übergang in die wärmere Jahreszeit auf der Südhalbkugel sinkende Infektionszahlen vermeldet. Das Union Investment Committee (UIC) hat daher seine Aktiengewichtung am 27. Oktober leicht angepasst und eine stärkere Betonung auf diese Anlageregion gelegt.

Frühling ist nicht Herbst – in mehrfacher Hinsicht

Klar ist: Der Wiederanstieg der Fallzahlen ist eine große Belastung für Konjunktur und Kapitalmärkte. Daher war die letzte Handelswoche auch von deutlichen Rückgängen bei Risikoassets gekennzeichnet. Gleichzeitig gilt aber auch: Die aktuelle wirtschaftliche Situation unterscheidet sich vom Frühjahr. Es gibt weniger Einschränkungen, bessere Hilfen und keinen synchronen Abschwung. Daher dürften die negativen Effekte auf das Wachstum auch geringer als noch in der ersten Jahreshälfte ausfallen.

 

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen:
2. November 2020, soweit nicht anders angegeben.